Suche Tipps zum Spracherwerb bei Migrantenkindern

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lass_das_liegen
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Registriert: Freitag 11. September 2015, 14:18

Suche Tipps zum Spracherwerb bei Migrantenkindern

Beitrag von lass_das_liegen » Freitag 11. September 2015, 14:41

Hallo liebes Forum,

ich bin Pädagoge an einer heilpädagogischen Tagesstätte und habe jetzt zum ersten mal ein Kind (4 Jahre) in der Gruppe, das mit Sprachstörungen zu kämpfen hat und kein Deutsch spricht. Es spricht sehr undeutlich und lallt eher, als zu sprechen (eine Diagnose wurde bisher nicht gestellt). Außerdem wird das Kind zuhause in der Muttersprache der Eltern angesprochen - hat im Grunde noch fast keinen Kontakt zur deutschen Sprache gehabt. Wir vermuten, dass das Kind bereits ein gewisses Störungsbewusstsein entwickelt hat, da es schnell frustriert wird, wenn es zu viel von dem gesprochenen nicht versteht. Außerdem spricht das Kind selbst relativ wenig - das einzige einigermaßen verständliche Wort, das wir bisher von ihm hören ist "tschüss".

Darum bin ich jetzt auf der Suche nach Informationen, die meinem Team dabei helfen, dem Kind beim Erwerb der deutschen Sprache zu helfen, da ich auf die Schnelle keine Fortbildung zum Thema machen kann. Hat jemand mit Erfahrung vielleicht ein paar Tipps für uns? Wir versuchen, dem Kind im Alltag möglichst viel von unserer Sprache zu vermitteln, was sich momentan mehr auf einzelne Vokabeln + Gestik und Mimik bezieht, da zu lange Sätze wie gesagt schnell zum Frust seitens des Kindes führen. Meine Sorge dabei ist, dass das dem Lernen der Grammatik entgegen wirken könnte. Wenn es sagt "helfen" und auf das Problem deutet, statt sagen zu müssen "Kannst du mir bitte helfen?" führt das ja genau so zum erwünschten Ergebnis.

Wir empfehlen den Eltern im Normalfall, in ihrer Muttersprache mit dem Kind zu sprechen. Wäre es vielleicht vernünftig, den Eltern zu empfehlen, dem Kind wichtige Worte in beiden Sprachen beizubringen? Oder führt das eher zu Verwirrungen? (Leider haben wir keinen Test vorliegen, der kognitive Fähigkeiten einschätzt)

Wie können wir mit unverständlichen Aussagen vom Kind umgehen? Es ist leider nicht wie bei bisherigen Kindern möglich, ein paar Worte pro Satz zu verstehen und daraus die Bedeutung zu interpretieren. Ich denke, jeder wird irgendwann wahnsinnig, wenn alle nur ja sagen und nicken aber meistens nicht auf die Aussagen des gesprochenen Satzes reagieren (können).

Wie konsequent sollte mit dem Kind umgegangen werden? Es interpretiert oft aus dem Verhalten der anderen Kinder, was zu tun ist und tut dies ohne Aufforderung - gleichzeitig reagiert es immer wieder trotzig und "macht was es will". Daher bin ich besorgt, dass dieses Verhalten sich weiter festigt, wenn ihm nicht das Einhalten der Regeln als selbstverständlich beigebracht wird.

Also wie geagt - wir sind für jeden Erfahrungswert dankbar! Dem Kind muss schnell und auf die bestmögliche Art geholfen werden!

PS.: Logopädie ist natürlich anberaumt :)

Johanna2
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Re: Suche Tipps zum Spracherwerb bei Migrantenkindern

Beitrag von Johanna2 » Samstag 12. September 2015, 17:27

Hallo!

Wie lange ist das Kind denn schon in deiner Gruppe? Es ist nicht ungewöhnlich, dass Kinder sich bis zu einem Jahr in eine fremde Sprache "hineinhören" bevor sie sie sprechen.
Hat das Kind denn auch Probleme mit seiner Muttersprache?

Welche Begriffe hältst du denn für so wichtig, dass die Eltern ihnen diese beibringen sollten? Wenn klar ist, dass die sprachlichen Barrieren noch keine höflichen Bitten des Kindes zulassen, finde ich das in Ordnung.

Wenn das Kind, z.B. "helfen" sagt und am Reißverschluss seiner Jacke zerrt, würde ich in klaren schnörkellosen Sätzen antworten. Z.B: "Ja, ich mache deine Jacke zu." Viel wichtiger, als dass das Kind möglichst korrekt spricht ist es, dass auf seine Aussagen geachtet wird und weniger auf die Formulierung. Ebenso kannst du das Kind um etwas bitten. Zum Beispiel um den Stift, der auf dem Tisch liegt. "Gib mir bitte den Stift" (ggf. durch Daraufzeigen unterstützt) gibt dem Kind ein Beispiel für weitere Fragen, welche sich immer weiter vertiefen. "Würdest du mir bitte den hellblauen Stift geben der auf dem Tisch liegt?", wäre, anfangs, viel zu kompliziert. Umso mehr das Kind versteht, desto mehr kannst du auch die Sätze erweitern. Auch Grammatik lernen Kinder beiläufig. Sagt z. B. ein Kind es habe "ausgetrinkt", kannst du antworten, dass du ebenfalls "ausgetrunken" hast.

Möglichst schnell, möglichst viel Deutsch beizubringen, halte ich für kontraproduktiv. Das Kind soll doch Erfolgserlebnisse haben.

Matushka
Schriftsteller
Beiträge: 979
Registriert: Freitag 5. Oktober 2012, 16:04

Re: Suche Tipps zum Spracherwerb bei Migrantenkindern

Beitrag von Matushka » Dienstag 15. September 2015, 16:54

Hallo,

Ich bin keine gelernte Expertin, habe aber Erfahrung mit der Thematik.
lass_das_liegen hat geschrieben:Wie können wir mit unverständlichen Aussagen vom Kind umgehen? Es ist leider nicht wie bei bisherigen Kindern möglich, ein paar Worte pro Satz zu verstehen und daraus die Bedeutung zu interpretieren. Ich denke, jeder wird irgendwann wahnsinnig, wenn alle nur ja sagen und nicken aber meistens nicht auf die Aussagen des gesprochenen Satzes reagieren (können).

Wie konsequent sollte mit dem Kind umgegangen werden? Es interpretiert oft aus dem Verhalten der anderen Kinder, was zu tun ist und tut dies ohne Aufforderung - gleichzeitig reagiert es immer wieder trotzig und "macht was es will". Daher bin ich besorgt, dass dieses Verhalten sich weiter festigt, wenn ihm nicht das Einhalten der Regeln als selbstverständlich beigebracht wird.
Da Logopaedie erfolgen wird (gut), hier kurz ein paar Gedanken:

- Die Eltern wuerde ich nur dazu ermutigen, Deutsch mit dem Kind zu sprechen, wenn sie es annaehernd perfekt selbst beherrschen.
- Das Kind klingt nicht dumm. Es schaut sich ab, was die anderen Kinder machen und kopiert.
- "Macht, was es will" -- Frustverhalten? Obwohl Kinder sich beim Sprache lernen leichter tun als wir, ist der Prozess der Aneignung ein anstrengender. Die fremde Sprache ist wie ein riesiges Puzzle mit vielen Teilen. Geduld, gepaart mit Konsequenz, sind m.E. nicht fehl am Platz.
- Beobachten, ob Spracherwerb das Verhalten beeinflusst. Wird das Kind ruhiger, kooperativer?
- Ein paar Umgangsworte in seiner Sprache lernen! Benutzen und dabei Spass haben.
- Vorlesen, reden, singen, Fragen stellen, etc. Das Kind wird den Frust hoffentlich im Lauf der Zeit vergessen.

Alles Gute von Sabine

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