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Inklusion? Von wegen!

Verfasst: Donnerstag 16. Januar 2020, 20:23
von Puck
Hallo,
ich bin neu, sowohl in diesem Forum, als auch in der Branche.
Ich schreibe über mich und meine berufliche Laufbahn. Ich versuche möglichst sachlich zu bleiben und Ironie behalte ich erstmal so weit wie möglich für mich.
Achtung, der Text ist lang.

Ich werde in Kürze 41 Jahre alt und bin im Moment (immer dringender) auf der Suche nach einem Praktikumsplatz für das zweite Semester meiner Erzieherinnenausbildung.
Ich habe noch eine etwas jüngere Schwester und bin im südlichen Schleswig-Holstein aufgewachsen.
Ich bin in eine normale Grundschule und davor in einen normalen Kindergarten gegangen. Das ich behindert bin ist mir erstmal nicht aufgefallen. Ich hatte mit meiner Schwester ein, wie ich finde unspektakuläres Geschwisterverhältnis. Dass sie mir körperlich, bei sportlichen Aktivitäten, Geschicklichkeit, Ausdauer, Körperbeherrschung usw voraus war machte mich ab und zu traurig und ich war davon gelegentlich etwas frustriert, diese Tatsache spielte aber weder für sie noch für mich eine besonders große Rolle.
Ich hatte als Mädchen in der Grundschule hauptsächlich Jungs als Freunde und war recht mutig, frech, hatte eine große Klappe und immer Ideen wie man den Unterricht auflockern kann. Dass ich beim Sport immer so langsam war wie das einzige dicke Kind in der Klasse hat nicht an meinem Selbstbewußtsein genagt und war mir weitestgehend egal.
Der Typ I Diabetes und seine Behandlung, die ich sehr früh (im Grundschulalter) weitestgehend selbst übernommen habe, war zwar da und nervte, aber das war es dann auch. Andere Kinder nahmen das Diabeteszubehör in Gestalt des Messgerätes und der Injektionsgeräte meistens interessiert in Augenschein und guckten gern beim Spritzen zu.
Irgendwann in der Mittelstufe hatte ich den Ehrgeiz etwas bessere Noten zu bekommen und begann mich in der Schule ein wenig anzustrengen. Das klappte gut, in Sport war und blieb ich allerdings auf einer 4, egal wie ich mich anstrengte.
Ich stellte mehr und mehr fest, dass Menschen ohne Pulmonalstenose körperlich einfach fitter sind als ich. Ich bekam daraufhin ein Attest, dass besagte, dass ich im Sportunterricht zwar teilnehmen soll, ich aber aus Fairnesgründen und um übermäßige Anstrengungen zu vermeiden, nicht benotet werden sollte.
So ging es dann weiter und ich machte einen sehr guten Realschulabschluss und ging danach auf ein Wirtschaftsgymnasium und machte dort ein gutes Abi.
Vor, während und nach dem Abi hatte ich eine wilde Phase mit vielen Party´s und anderen verrückten wilden Sachen, die unheimlichen Spaß machten.
Ich hatte die Absicht Jura zu studieren und hatte Nebenjobs im Taxi-und Mietwagengewerbe. Was das Jurastudium angeht, blieb es bei der Absicht.
Eines schönen Tages vor etwa drei Jahren bekam ich dann eine Folgeerkrankung des Diabetes. Auf einem Auge löste sich die Netzhaut. Acht Operationen später hat das entsprechende Auge noch etwa 5% Sehkraft. Das ist recht lästig, da ich nun nicht mehr gut räumlich sehen kann, aber mit der Zeit gewöhnte ich mich daran ganz gut. Fies sind ganz einfarbige Treppen oder Gehwegplatten, die nicht ganz plan liegen, vor allem bei suboptimaler Beleuchtung...
In der Zwischenzeit hatten Freunde und Kollegen Kinder bekommen, auf die ich gern und viel aufpasste. Ich hatte ja auch genug Zeit, denn erst war ich krank und dann arbeitslos, denn den vorherigen Job konnte ich nicht mehr ausüben.
Ich gab auch "Nachhilfe" bzw Hausaufgabenhilfe. Ich unterstützte u.a. ein Jahr lang ein Geschwisterpaar zweimal in der Woche beim Lernen. Zu Beginn des Projekts "Hauptschulabschluss" waren die beiden 14 und 15 Jahre alt und es sah nicht danach aus, als würde einer von ihnen jemals (irgend)einen Schulabschluss machen. Die beiden waren motivationslos und hatten große Schwierigkeiten sich zu konzentrieren. Ich blieb dran, motivierte, erklärte, lobte und motivierte und motivierte - und hatte daran verblüffenderweise Spaß!
Beide machten mit mittelprächtigen Noten ihren Abschluss. Eltern, Teenies und ich waren sehr stolz. Ich hatte zum ersten Mal eine Aufgabe die mich fesselte und mir Spaß machte!
Nach einem "Bewertungsmarathon" beim Arbeitsamt mit Amtsarzt, Psychologin und allen Tests, die man sich vorstellen und nicht vorstellen kann, erlaubte mir das Amt freundlicherweise eine Ausbildung zur Erzieherin in Angriff zu nehmen und erklärte sich bereit, diese zu finanzieren. Da ich nicht aus der Branche komme, musste ich vor Beginn der Ausbildung zwei Praktika machen. Einmal zwei Wochen zur "Berufsorientierung" und einmal fünf Monate als Voraussetzung für den Besuch der Fachschule.
Bei dem Vorstellungsgespräch für das erste kurze Praktikum erwähnte ich kurz meine vielen Macken, dies war jedoch für niemanden ein Problem.
Das zweite Vorstellungsgespräch dauerte etwa zwei Minuten und fand mit der Leiterin der Einrichtung in der etwa 120 Kinder betreut werden, mehr oder weniger zwischen Tür und Angel statt. Ich wies darauf hin, dass ich nur auf einem Auge sehen kann, zu mehr kam ich nicht, denn da war ich im Prinzip "eingestellt". So weit so gut, das Praktikum begann.

Jetzt gibts Inklusion!
Ich wurde zum Gruppenraum gebracht.
In der Gruppe waren 23 Kinder, davon zwei "I-Kinder", eine Erzieherin und eine Heilerzieherin. Es war in der Gruppe sehr laut, was nicht zuletzt daran lag, dass es dort recht eng war. Jeden Morgen im Morgenkreis mussten die Kinder sagen, in welcher der Funktionsecken sie spielen möchten. Der Haken war nur, dass für die Ecken jeweils eine maximale Anzahl von Kindern vorgesehen war und dass immer Kinder "übrig" blieben, die in keine der Ecken mehr passten. Es blieb unter anderen immer dasselbe "I-Kind" übrig, denn er hatte wohl Probleme, sich so schnell zu entscheiden.
Die beiden "I-Kinder" sollten auf Anweisung der Leiterin voneinander ferngehalten werden, da es zwischen ihnen immer wieder Konflikte gab. Beide waren sehr aktiv und hatten Wahrnehmungsstörungen. Einer von beiden war sehr groß für sein Alter und motorisch nicht übermäßig geschickt, was dazu führte, dass er permanent (zumeist versehentlich) anderen Kindern weh tat, indem er sie umrannte/schubste. Er hatte große Probleme sich mit etwas zu beschäftigen, sich auf etwas zu konzentrieren und sich etwas zu merken. Er fragte täglich mehrmals, über einen Zeitraum von einem Vierteljahr nach meinem Namen und rannte hauptsächlich gestresst herum.
Eine der pädagogischen Fachkräfte sagte in seinem Beisein (ich denke, er bekam es nicht mit) "der merkt eh nichts" ein anderes Mal "der kapiert nichts". Wenn ich mir Zeit nahm und mich in Ruhe mit ihm beschäftigte, war er durchaus motivierbar und freute sich sichtlich darüber, dass er wahrgenommen wurde. Er konnte sich noch überhaupt nicht selbst anziehen, aber es wurde besser und besser, nachdem ich fast jeden Tag mit ihm übte. Als mein Praktikum zu Ende war, klammerte er sich an meinen Beinen fest und wollte, dass ich da bleibe. Ich hoffe für ihn, dass er ein bisschen Glück im Leben hat, denn das wird er brauchen.
Ich kontrollierte häufig meinen Blutzucker, denn schließlich wollte ich nicht vor den Kindern unterzuckern und ein gut eingestellter Diabetes verringert die Wahrscheinlichkeit des Auftretens weiterer Folgeerkrankungen. Das ist auch kein Drama und dauert nur Sekunden, denn ich trage am Arm einen Sensor, den ich bloß mit dem dazugehörigen Lesegerät scanne.
-Kein Drama- dachte ich...
Die Kinder fanden meinen "Knopf am Arm" interessant, die größeren hatten Interesse für "medizinische Zusammenhänge", ich erklärte ausdauernd, alle durften mal meinen Blutzucker scannen und gut war es. Die Kinder hatten es hingenommen und abgehakt. Es gab für sie wichtigere Dinge auf der Welt. Die beiden Fachkräfte hatten auch ein paar Fragen, schienen es aber mit Fassung zu tragen. Alles war gut (dachte ich).
Ich stand, nachdem ich bereits einige Tage lang in der Einrichtung war, eines Tages gemeinsam mit mehreren Mitarbeitern in der Küche, das Mittagessen war gerade vorbei, als ich die Stimme der Leiterin von schräg hinter mir hörte: "Komm in mein Büro!" In einem Tonfall, der sich schon stark nach Ärger anhörte. Da ich nicht mitbekommen hatte, ob ich gemeint war, fragte ich nach, ob sie mich meinen würde. "Ja wen denn sonst?" kam zurück. Ich machte mir ein wenig Sorgen wegen des Tonfalls und ging auf dem Weg zum Büro die letzten Tage durch und fragte mich, was ich wohl falsch gemacht haben könnte, war mir aber keiner Schuld bewußt.
Im Büro waren die Leiterin und ihre Stellvertreterin. Ich stand(!) zwischen Tür, Hocker und Schreibtisch "geklemmt". Die Leiterin schreiend (laut sprechend wäre wirklich untertrieben), soweit mir in Erinnerung O-Ton:
Du bist ja Diabetikerin!
Ich: "Äh, ja."
Das hättest du vorher sagen müssen!
Ich: Äh, nee.
Darauf muss man die Kinder vorbereiten! Und dieses ständige Blutzuckermessen, muss denn das sein!? Musst du dich dafür ausziehen?
Ich: Äh, nee...
Hast du irgendwas in der Tasche, was wir dir geben können wenn dir schlecht wird?
Ich: Mir wird nicht schlecht und ich möchte nicht, dass du mir etwas gibst!
Erst das mit dem Auge und jetzt der Diabetes! Ist das alles?
Ich: Nein, ist es nicht. Ich komme schnell aus der Puste, weil ich eine Pulmonalstenose habe und bin außerdem zu 80% schwerbehindert.
Schwerbehindert!?! 80%!?! Da kannst du den Beruf vergessen! Wer soll dich denn einstellen?
Ich: Na, du wohl nicht!
(Sie hat bisher die ganze Zeit geschrien, nicht laut gesprochen, sondern wirklich geschrien!)
Sie fragte dann mehrmals, warum ich dass denn nicht vorher gesagt habe und ich meinte, dass ich das nicht muss und mir meine Erfahrung sagt, dass das so besser ist und sie diese Annahme gerade bestätigt.
Die Stellvertreterin bekam das ganze Schauspiel mit und sagte kein Wort. Nicht eins!

Einige Tage später hat die Leiterin mir das ganze Haus gezeigt. Als wir an den Räumen mit den Krippengruppen vorbeikamen, sagte sie:" In den Krippengruppen haben wir auch drei I-Kinder. Schon die Kleinen wollen mit denen nichts zu tun haben und schubsen die immer weg." Wir kamen am Schluss an dem Raum in dem "meine" Gruppe war an. Der Junge, von dem ich oben geschrieben habe, polterte chaotisch durch den Raum. Sie brüllte (lauter als schreien und das war schon laut!) seinen Namen, woraufhin er sich fürchterlich erschrak, stehenblieb und in ihre Richtung sah. "Siehst du, so geht das!" sagte sie und verschwand.

Im Moment mache ich gerade ein Praktikum in einer Krippe. Dort hatte ich nur für ein halbes Jahr (das erste Semester) einen Platz bekommen. Meine Gebrechen teilte ich mit, während die Leiterin den Vertrag unterzeichnete. Der Gesichtsausdruck bedurfte keiner Worte.
Da ich mit so jungen Kindern noch nicht viel zu tun gehabt habe, war ich am Anfang recht unsicher und schüchtern (klingt blöd, wenn man mich kennt), habe aber mittlerweile ein gutes Verhältnis zu den Kindern. Einige freuen sich richtig, wenn ich einmal in der Woche da bin. Ich träume mittlerweile schon von Bilderbüchern mit Baggern und Baustellen und gucke sie mir trotzdem immer wieder gern mit den Kindern an. Die Kinder lieben es, Bilderbücher mit mir anzugucken, wenn es nach ihnen gehen würde, würden wir das den ganzen Tag machen, tut es aber leider nicht...
In der Einrichtung gibt es viel körperliche Arbeit für mich. Die Einrichtung ist weitläufig und wenn etwas geholt oder weggebracht werden muss, ist es meine Aufgabe das zu tun, ebenso ist es mit dem Aufräumen und Saubermachen. Wenn ich nach 8 Stunden Feierabend habe, merke ich deutlich, dass ich gearbeitet habe. Aber hey, das ist völlig in Ordnung für mich, ich bin nicht dort um mich zu erholen!
Was nicht in Ordnung ist, ist dass meine Anleiterin mir ständig erklärt, ich könnte ja niiiiie in der Krippe arbeiten, weil ich das körperlich nicht schaffen würde. Der Rundumblick fehle mir auch, was an dem nicht funktionierenden Auge liege. Selbstverständlich schaffe ich das, dass sieht sie ja! Es ist doch schön für sie, dass die körperlichen Arbeiten sie nicht anstrengen. Aber warum um alles in der Welt darf ich beim Arbeiten nicht außer Atem kommen oder schwitzen? Ich denke, dass ich mit der Zeit einen besseren Überblick über eine ganze Gruppe bekomme und dass der fehlende Überblick auch an meiner Unerfahrenheit liegt. Jedes Mal wenn ich mein Blutzuckermessgerät benutze, werde ich angeguckt, als würde ich jeden Moment tot umfallen und gefragt, ob alles okay sei, obwohl ich meinen Diabetes erklärt habe als ich neu war. Ich habe den Damen auch erklärt, dass es nicht schlimm ist, wenn das Gerät mal piept, aber das hilft nichts.
Das Betriebsklima ist nicht besonders. Eine Kollegin wurde von anderen bei der Leiterin angeschwärzt, weil sie, als sie krankgeschrieben war in der Öffentlichkeit gesehen wurde. In meiner Gruppe sind im letzten halben Jahr zwei Mitarbeiterinnen gegangen, weil sie sich dort nicht wohl gefühlt haben. Ich bin froh, dass ich das halbe Jahr in zwei Wochen geschafft habe.

In dieser Woche hatte ich einen Hospitationstag in einer kleinen Kita vereinbart.
In der Einrichtung findet schon Integration statt, seit ich ein Grundschulkind war und man scheint darauf stolz zu sein. Ich war um 08:30 Uhr da und erzählte den beiden Beschäftigten, in deren Gruppe ich gelandet wäre kurz und bündig von meinen Macken, weil ich ehrlich sein und so eine Situation wie oben gern vermeiden wollte. Ich stellte meine Situation wahrheitsgemäß dar und betonte, dass ich mein Leben lang gearbeitet habe und durchaus arbeiten kann und vor allem will.
Tja, die beiden Damen guckten zunehmend missmutig, wurden einsilbig und dann ging es raus in den Garten der Einrichtung, wo ich dann auch verabschiedet wurde. Ich war mir da schon recht sicher, dass das nix wird mit dem Praktikum, sagte aber zum Abschied noch, dass ich gern dort arbeiten möchte. Die Absage kam dann heute.

Leute, wozu macht ihr eigentlich Inklusion oder Integration?
Den ganzen Krempel könnt ihr euch sparen, wenn die Behinderten entweder in Werkstätten oder in die Arbeitslosigkeit abgeschoben werden. Wer keinen Behinderten als Kollegen akzeptiert, soll von I-Kindern (ätzende Formulierung, übrigens!) und I-Erwachsenen (gibt´s das?) die Finger lassen.

Ich habe mein Probehalbjahr mit guten Noten bestanden, kann Kritik annehmen, bin psychisch fit, körperlich weniger, kann selbstständig arbeiten, mich nach Aussage meiner Tutorin gut selbst reflektieren und über mich selbst lachen.
Ich will mich in Menschen hineinversetzen können, auch wenn sie nicht so funktionieren, wie deren Umwelt es gern hätte und bin überzeugt davon, dass man niemanden in ein "gesundes Mittelmaß" zwängen muss.

Ich brauche unbedingt eine Praxisstelle in der Tagesbetreuung für Kinder unter sechs Jahren in Hamburg.
Da das Halbjahr (2. Semester) nur von Februar bis Juni geht, ist man mich auch "von allein" nach fünf Monaten wieder los und braucht keine Angst davor haben, dass sich Schwerbehinderte so schlecht kündigen lassen. Wer also eine Schwerbehinderten-Premiere starten will, sollte mir schreiben.

Was meint ihr sonst so zu meinen gesammelten Werken?

Grüße
Puck

Re: Inklusion? Von wegen!

Verfasst: Donnerstag 16. Januar 2020, 22:02
von Zenobia
Google doch mal nach Waldorfeinrichtungen in Hamburg. Dort wird dir ein anderes Verständnis vom "Mensch sein" entgegen gebracht.

Ich sage nicht, dass es bei Waldorf besser ist; nur anders.

Re: Inklusion? Von wegen!

Verfasst: Donnerstag 16. Januar 2020, 22:19
von Puck
Das werde ich machen.
Danke für den Tip
LG Puck

Re: Inklusion? Von wegen!

Verfasst: Freitag 17. Januar 2020, 13:50
von Basti85
Anders, ja sogar ganz anders. Ich finde dieses Konzept nicht so ansprechend

Re: Inklusion? Von wegen!

Verfasst: Freitag 17. Januar 2020, 19:01
von Engelglück
Hallo,
zu den entsprechenden Damen kann ich nur sagen,jeder blamiert sich,so gut er kann.
Schaue doch nach dem Arbeitgeber Lebenshilfe und ansonsten,durch suche das Netz. Hamburg ist doch sehr groß und bietet sicherlich viele Möglichkeiten,
es grüßt Engelglück