Berufspraktikum: Arbeitszeitregeln und Bezahlung?

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Celador
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Berufspraktikum: Arbeitszeitregeln und Bezahlung?

Beitrag von Celador » Dienstag 10. April 2018, 19:22

Hallo zusammen!

Trotz Suche konnte ich kein Thema finden, dass zu meiner Situation passt, daher der neue Eintrag.


Ich bin angehender Erzieher im Berufspraktikum in einer heilpädagogische Wohngruppe für traumatisierte Kinder.
Die Arbeit war zu beginn super, aber nach inzwischen 8 Monaten nagt die Belastung an mir, sowohl körperlich als auch psychisch. In Teamsitzungen und in Anleitergesprächen habe ich mehrfach betont, dass ich mit den Nerven fertig bin und im Umgang mit manchen Kindern nicht weiter weiß.
Die Tipps der Anleitung kann ich folgendermaßen zusammenfassen: "Na dann musst du schauen dass es läuft." Ich erhalte keine Rückmeldung über gute Arbeitsweisen, die ich so weiterführen könnte, sondern statt dessen ständig massive Kritik, die sich zu 95% auf hauswirtschaftliche Arbeiten bezieht (zu spät mit dem Kochen fertig, Wäsche nicht aus dem Trockner genommen/gefaltet, etc.).

Die erste Folge meines Hinweises auf die Überlastung: Gespräch mit der Erziehungsleitung, die im Prinzip auch nur sagte, dass es irgendwie laufen muss.

Die zweite Folge: In meinem nächsten Dienstplan stehen 10 Tag-/Nachtdienste hintereinander, Mo-Fr von 12:00 bis 12:00, Sa/So von 13:00 bis 13:00. Die Zeit zwischen 22:00 und 06:00 Uhr gilt als Freizeit und wird nicht bezahlt. "Putziges" Detail: In meinen Dienstanweisungen steht, dass ich das älteste Kind um 05:50 Uhr wecken soll ...

Ich habe nur noch wenige Monate vor mir, daher will ich im Grunde mit meinem Arbeitgeber keinen Streit anfangen, aber ich bin einfach fertig ... Schlaflosigkeit, Zittern, Heulkrämpfe, verbale Entgleisungen ggü. den Kindern (zum Glück noch sehr selten, aber der 10-Tage-Block kommt ja erst noch).


Kann mir irgend jemand einen Rat geben (oder eine verlässliche Adresse für Koks *Ironie*)?


Vielen Dank vorab,

Celador

PS: Ich bin schon so durch, dass ich Angst habe den Beitrag abzuschicken, weil ein cleverer Kollege seine Einrichtung nach der Beschreibung mit Pech wiedererkennt :/

Ahanit
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Re: Berufspraktikum: Arbeitszeitregeln und Bezahlung?

Beitrag von Ahanit » Donnerstag 12. April 2018, 07:44

Also mal rein von der Rechtlichen Seite die 24 h Dienste müssen mit ausreichend Freizeitausgleich einhergehen. Zwischen zwei Diensten müssen mindestens 11 Stunden Liegen.

WIe sieht es denn mit dem Freizeitausgleich aus bei dir, hast du dafür irgendwo dann auch ein längeres Stück Überstunden frei (Also nicht Urlaub)

Ich find 10 hintereinander extrem hart und auch nicht in Ordnung, sprich doch deine Chefin auf den Dienstplan an, normalerweise kann man da doch bestimmt was tauschen/Schieben.

Was die Bezahlung in der Nacht angeht stellt sich die Frage wie genau das geregelt ist und was in deinem Vertrag steht.
Gilt es als Pause? Oder Als Bereitschaft? Bist du Nachts allein oder seit ihr zu zweit?

Pause: du darfst das Haus verlassen und mußt erst zum ende der Pause wieder da sein. ist Unbezahlt aber ggf. so zu schieben das es mit den erfordernissen passt. Also wenn einer um 5:55 geweckt werden muß, deine Pause theoretisch um 6 Endet, mußt du halt 5 min eher in Pause um dann die 5 min wieder eher anfangen zu können.

Bereitschaft ist noch einmal zu unterteilen in RUfbereitschaft und Anwesenheitsbereitschaft:
Rufbereitschaft du darfst das Haus verlassen mußt aber jederzeit Telefonisch erreichbar und in der Lage sein unverzüglich zurückzukommen. Für diese Zeit steht eine Aufwandsentschädigung zu die aber nicht so hoch wie der Mindestlohn sein muß (Es gibt verschiedene Gerichtsurteile über die Höhe)
Anwesenheitsbereitschaft: Du darfst das Haus nicht verlassen und hast bei Ansprache durch die Einwohner unverzüglich parat zu sein. Diese Zeit ist mindestens mit dem Mindestlohn zu vergüten. Aber Achtung: Sollte dein Lohn den du für den Dienst erhälst umgerechnet auf alle Dienststunden (also inkl Bereitschaft) den Mindestlohn erreichen oder gar übersteigen gilt die Bereitschaft als abgegolten. Unterschreitet er diesen ist es gesetzwiedrig und Einklagbar. (So zumindest die mir bekannten Urteile zu dem Thema)

Zu deinem Dilemma:
Dienstplan würde ich auf jeden Fall ansprechen, weil das echt hart ist. Mehr als 5 Tage die Woche sollten es nicht sein und 10 Tage ist echt übel lang. Vor allem wenn du eh schon gesagt hast das du überarbeitet bist.
Wieviel Stunden mußt du denn Laut Vertrag arbeiten?

Thema Bezahlung: Du kannst es mal ausrechnen und vorsichtig ansprechen, aber ich vermute das bringt nix. Wenn du drauf bestehst, dann warte bis zu deinem ausscheiden, dann kannst du klagen ohne dein Praktikum zu gefärden. Vorher könnt es je nachdem wie die Leute da drauf sind schlimmer werden mit der Arbeitssituation.

Celador
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Re: Berufspraktikum: Arbeitszeitregeln und Bezahlung?

Beitrag von Celador » Freitag 13. April 2018, 11:02

Hallo Ahanit,

danke für die ausführliche Antwort!


Im Praktikumsvertrag stehen 39 h pro Woche. Durch die über den Monat verteilen freien Tage kommt das in diesem Monat auch hin, nur ist die Verteilung sehr ungünstig, so dass ich in aufeinanderfolgenden Wochen erst 47 h und dann 52 h habe.

Das Thema Nachtarbeit wird im Praktikumsvertrag nicht erwähnt. Man ist mit den Kindern mal ab 18:00, mal ab 21:00 Uhr alleine und muss natürlich stramm stehen wenn eins nachts Hilfe braucht oder das Telefon klingelt. Wie ich per Google rausfinden konnte, müsste ich die Stunden, die ich tatsächlich wach bin, dokumentieren, und beim Überschreiten von 48 h pro Woche über mehr als 3 Monate, oder über 60h bei mehr als arghhhhhhhhh!! ... man merkt schon, die Arbeitgeberlobby war hier sehr stark unterwegs. ;)

Dafür sind mir aber zwei andere Dinge (die vieleicht völlig normal sind)) aufgefallen: Bei dem Vertrag handelt es sich laut Text "ausdrücklich nicht" um ein "arbeitsrechtliches Dienstverhältnis". Sagt mir der katholische Träger damit, dass ich mir das Arbeitsrecht in die Haare schmieren kann, oder ist das eine gängige Sache? Wer Artikel 3 GG ignorieren darf, darf vieleicht noch mehr, wer weiß. :(

Weiteres, menschlich prickelndes Detail: Für das Essen, dass ich für die Kinder koche, wird mir ein Pauschalbetrag abgezogen ... :lach: :schnief:

Nochmal Danke für die Antwort und einen schönen Gruß!

Celador

Ahanit
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Re: Berufspraktikum: Arbeitszeitregeln und Bezahlung?

Beitrag von Ahanit » Freitag 13. April 2018, 16:08

Also ich hab mal meinen Mann gefragt er vermutet das es mit dem Thema Anerkennungsjahr zusammenhängt. Wegen dem geringeren Gehalt und evtl auch wegen Anspruch auf übergang in ein unbefristetes Arbeitsverhältnis. Einen solchen Anspruch hast du nicht.

Die Arbeitszeit ist hart, kenn ich aber wenn Notfälle waren hab ich das auch in der Woche zusammenbekommen.

Rede einfach mal mit deiner Chefin. Das ist einfach zu viel

Was das Aufstehen in der Nacht angeht: JA du solltest darüber Buchführen und je nachdem was in deinem Vertrag steht (Bei mir stand zum Beispiel wenn intervention nötig wird die Zeitstunde mit Mindestlohn vergütet) solltest du dnn auch den Anspruch geltend machen.

Celador
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Re: Berufspraktikum: Arbeitszeitregeln und Bezahlung?

Beitrag von Celador » Samstag 14. April 2018, 13:33

Hallo Ahanit,

da könnte dein Mann richtig liegen, im Zusammenhang mit reduziertem Gehalt und Übernahmeausschluss macht das schon Sinn ... dann hat es sich gruseliger gelesen als es ist. ;)
Das Problem bei der Chefin (und auch allen anderen Kollegen) ist, dass sie die selben Probleme für sich selbst seit Jahren einfach hinnimmt und deswegen immer zwischen 150 und 300 Überstunden schwankt. Dadurch ist es für sie "normal" geworden und sie versteht die Beschwerde nicht, sondern wertet es als "Jammern, weil das in dem Beruf nun mal so ist". Ich fürchte, so ist es an vielen Stellen: Einige wenige gleichen die Missstände mit Herzblut aus und ruinieren sich damit innerhalb von max. 10-15 Jahren ... aber bis dahin ist ja schon die nächste "Erzieher-Lieferung" fertig, denen man noch mehr Angst vor Jobverlust und Armut eingeredet hat, so dass alle mitlaufen.

Was völlig aussen vor bleibt: Die pädagogische Arbeit ... man schaut halt nur, dass der Laden nicht zusammenbricht, mehr geht nicht.

Zum Thema Aufschreiben: Das ist prinzipiell völlig richtig, nur kann mir kein Geld der Welt die frustrierende Lebenszeit ausgleichen, die ich für das Aufschreiben opfern müsste. Kindisch? Ja! Aber als Erzieher soll ich ja authentisch sein, und daher würde ich eher sagen: Wieviel muss ich bezahlen, um mich nie wieder mit dem Bezahlungsmumpitz herumschlagen zu müssen. Wenn ich Geld scheffeln will, dann lasse ich mir das Rückgrat chirurgisch entfernen, kokse mir die Moral weg und gehe in die Finanzwirtschaft. ;) Es geht mir mehr um die Wertschätzung und den Anstand als um die Bezahlung für die Nacht.

Der erste Block der 10 Tage war auch echt ok, weil fast alle Kinder bei Eltern/Verwandten/Sorgeberechtigten ect. sind, und ich schau mal, wie die nächsten Tage laufen.


Nochmals vielen lieben Dank für die Antworten, und noch ein schönes Wochenende!

Celador

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