Zumutbarkeit

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Achtzehnelf
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Zumutbarkeit

Beitrag von Achtzehnelf »

Hallo, ich bin gelernte Erzieherin und arbeite seit heute als pädagogische Fachkraft in der Einzelbetreuung eines Jungen im 1. Schuljahr tätig.
Heute war der erste Unterrichtstag, ich bin etwas entsetzt über das Verhalten der Lehrerin. Sie wies mir eine kleine Bank zu mit Lamellen einer Heizung im Rücken, das sei jetzt mein Arbeitsplatz für ein Jahr.
Als ich dort so saß und sich langsam die Lamellen abmalten in meinem Rücken, holte ich mir einen Kleinen Stuhl mit Lehne und bat am Ende des Unterrichts höflichst um diesen Stuhl.
Niemand bräuchte den, aber bitte wenn sie meinen, ich muss sehen wo ich den her bekommen soll. Mal abgesehe das die Lehrerin mich den Kindern erst am Ende des Unterrichtes vorstellte, ich am Ausgang saß und es meine Einzige Aufgabe sein sollte die Türe aufzuhalten. Muss ich sagen ich war etwas entsetzt und frage mich jetzt ob das zumutbar ist, wo beide Lehrer einen Tisch und einen STuhl haben? Ich bin 46 und muss mir ebnso Notitzen machen, ich fühle mich dort wie auf einer STtrafbank. Vielleicht bin ich als Erzieherin verwöhnt, aber ich finde den Zustand nicht zumutbar.
Bitte einfach um Rückmeldung.

Matushka
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Re: Zumutbarkeit

Beitrag von Matushka »

Hallo und willkommen,

Du Arme! Beim Lesen kam mir die Wut hoch -- ich kenne solch' wenig wertschaetzendes Verhalten von KlassenlehrerInnen, allerdings als Mutter. Das reichte mir aber schon.

An deiner Stelle wuerde ich die Woche beenden und sehen, ob die Lehrerin nur einen schlechten Tag hatte. Das geht schliesslich jedem mal so. Vermutlich muesst Ihr erst Euer Arbeitsverhaeltnis zu- und miteinander ausloten.

Zeitgleich wuerde ich mir aber (ab morgen) zum Verhalten der Lehrerin (welches ja einen direkten Einfluss auf die Qualitaet deiner Arbeit hat!) Notizen machen.

Nach einer Woche weisst du womoeglich etwas mehr und kannst ueberlegen, ob und wie du weiter verfahren willst. Durch die Notizen haettest du z.B. gleich etwas in der Hand, worauf du die Lehrerin dezent hinweisen kannst.

Gruss,

Sabine

amaria
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Re: Zumutbarkeit

Beitrag von amaria »

Hallo Achtzehnelf!

Was nützen diese so genannten "wertschätzenden Gesprächstechniken", die man Erzieherinnen nahezu überall beibringt, wenn sie nicht dazu führen, dass Fachkräfte schneller ein sicheres Gespür dafür bekommen, wann eine unmissverständliche Klarstellung im Interesse der eigenen Wertschätzung nötig ist?

An deiner Stelle hätte ich mich auch überrumpelt gefühlt und ich vermute, dass diese Lehrerin einfach keine Schulbegleiter in ihrem Unterricht sitzen haben möchte, da sie durch diese zwangsläufig beobachtet wird. So hatte sie sich den Lehrerberuf vielleicht zu Beginn ihrers Studiums nicht vorgestellt. Könnte es sein, dass es ein Versuch war, dich gleich am ersten Tag zu vergraulen? Mit einer derartigen "Begrüßung" war nicht zu rechnen. Gerade weil du am ersten Tag das Kind, für das du zuständig bist, noch nicht kennst, warst du auch in einer Situation, die es wirklich nicht leicht gemacht hat, dich für deine Interessen einzusetzen. Denn während deiner Arbeitszeit geht es in erster Linie um ein Kind, das deine Untersützung braucht und nicht in Konflikte reingezogen werden soll, die es vielleicht schwer verarbeiten könnte.

Ist es besonders wichtig, verständnisvoll gegenüber der Lehrerin zu sein, für den Fall dass sie "nur" einen schlechten Tag hatte? Was fällt dieser Person ein, dich als TÜRÖFFNER vorzustellen? Das ist der Gipfel schlechten Benehmens! Selbst wenn du an einer Schule arbeitest, an der viele Kinder eine Behinderung haben und Türen aufgehalten werden müssen, ist das eine unglaubliche Entgleisung. Ob sie weiß, dass du eine Fachkraft bist oder nicht, spielt keine Rolle. Die Lehrerin hätte dich freundlich begrüßen und bitten können, dich selbst vorzustellen, wenn sie zu wenig von dir weiß, aber dir keinen Stuhl für Erwachsene anzubieten und dich stattdessen an den Heizkörper zu verbannen, ist eine Zumutung. In der Heizperiode würdest du von den Lamellen übrigens schnell trockene Verbrennungen bekommen, die unschöne braune Stellen an der Haut zurücklassen.
Achtzehnelf hat geschrieben: Mal abgesehe das die Lehrerin mich den Kindern erst am Ende des Unterrichtes vorstellte, ich am Ausgang saß und es meine Einzige Aufgabe sein sollte die Türe aufzuhalten. Muss ich sagen ich war etwas entsetzt und frage mich jetzt ob das zumutbar ist, wo beide Lehrer einen Tisch und einen STuhl haben? I
"Etwas entsetzt?" - Entweder ist man wütend oder entsetzt - aber "etwas wütend" oder "entwas entsetzt" - das geht nicht! Eine normale Reaktion wäre es gewesen, sogleich zu protestieren, wenn etwas über dich behauptet wird, was eindeutig nicht stimmt. Sonst glaunben unter Umständen Kinder der Lehrerin oder sie glauben, dass du dich nicht selbst behaupten kannst...

Hätte die Dame nur einen schlechten Tag gehabt, müsste sie sich spätestens am nächsten gemeinsamen Arbeitstag bei dir entschuldigen.

Sabine, ich finde es lebensfremd, wie viel Verständnis du für die Lehrerin hast. Ich würde bei einem derartigen Konflikt nicht raten, mit Notizen zur Lehrerin zu gehen. Ein kurzes, klärendes Gespräch unter vier Augen sollte reichen. Ändert sich danach nichts, weiß die Lehrerin schon, dass sie mit Widerworten und weiteren Reaktionen zu rechnen hat. Der Threaderstellerin würde ich dazu raten, dass sie einen großen Stuhl fordert, wie ihn die Lehrer haben. Einen kleinen vielleicht noch dazu, damit sie wählen kann, bei welchen Aufgaben welcher Stuhl für sie am angenehmsten ist.

Da auch die Schulbegleiter Teambesprechungen haben, könnte der Vorfall auch dort erörtert werden. Hoffentlich motivieren dich die anderen, die Stelle nicht aufzugeben. Es kann sein, dass es gerade gut ist, wenn jemand in der Klasse sitzt, der den Unterricht mitbekommt.

Freundliche Grüße und alles Gute!

amaria
„Ausdauer wird früher oder später belohnt - meistens aber später.“
Wilhelm Busch

"Natürlicher Verstand kann fast jeden Grad von Bildung ersetzen, aber keine Bildung den natürlichen Verstand."
Arthur Schopenhauer

Matushka
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Re: Zumutbarkeit

Beitrag von Matushka »

Hallo amaria,
Matushka hat geschrieben:Sabine, ich finde es lebensfremd, wie viel Verständnis du für die Lehrerin hast. Ich würde bei einem derartigen Konflikt nicht raten, mit Notizen zur Lehrerin zu gehen. Ein kurzes, klärendes Gespräch unter vier Augen sollte reichen.
amaria, wahrscheinlich habe ich mich missverstaendlich ausgedrueckt. Als "lebensfremd" wuerde ich meine Reaktion auf die Lehrerin nicht bezeichnen. Allerdings hast du auch meine Reaktion auf das Verhalten der Lehrerin faelschlicherweise als "Verstaendnis" ausgelegt. Ich habe fuer derlei Verhalten kein Verstaendnis, besonders wenn es in einem Raum voller Kinder passiert.

Ich sehe die Situation nur aus einer etwas anderen Perspektive (und versuche dabei, auf Waende aus Text zu verzichten, damit mein Hauptpunkt nicht untergeht). Die Wut, die du bei den Zeilen empfindest, teile ich. Aber ich bin logischerweise nicht so betroffen wie du.

Niemand hier war dabei, und niemand weiss genau, was vorher und nachher vorgefallen ist. Wer so unhoeflich agiert wie diese Klassenlehrerin, der weiss es entweder nicht besser (soll es geben!), oder den plagt etwas.

Mein Tipp an die Threaderstellerin war deshalb, 1) sich selbst eine Woche zu geben, zur Beobachtung, evtl. zur Bestaetigung, dass etwas nicht stimmt, etc., und 2) sich gleichzeitig Informationen zusammenzustellen, die sie im Konfliktfall zum eigenen (oder allgemeinen) Nutzen einsetzen kann. Nirgendwo habe ich geschrieben, sie solle die Notizen zur Lehrerin tragen.

Die Faehigkeit, spontan ein "kurzes, klaerendes Gespraech" zu fuehren, muss von vielen Menschen erst erlernt werden. Ich bin sicher, du haettest das drauf. Ich wahrscheinlich ebenso. Allerdings kann man damit auch viel Geschirr zerschlagen.

Und wer mit erwachsenen Kollegen so umgeht wie die Lehrerin, hat vielleicht gravierendere Probleme als Unhoeflichkeit. Findest du nicht, dass es sich lohnen wuerde, das festzustellen, bevor man sich auf ein Gespraech unter vier Augen einlaesst, welches schon von Anfang an emotionell vorbelastet ist?

Das dazu. :-)

Gruss,

Sabine

amaria
Stammgast
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Re: Zumutbarkeit

Beitrag von amaria »

Hallo Sabine,

es kann sogar sein, dass die Lehrerin es bei uns oder bei einem männlichen Schulbegleiter gar nicht auf die Idee gekommen wäre, uns vor den Kindern derart falsch vorzustellen.
Was diese Angelegenheit angeht, bin ich übrigens gar nicht wütend, denn ich habe es nicht mit eigenen Augen gesehen und ich werde wohl ohnehin längst nicht so schnell wütend, wie diejenigen, die nur meine Forenbeiträge kennen, manchmal meinen. Wut hat viel mit Ohnmacht zu tun und wenn wir es schaffen, aufkommende Gefühle angesichts einer solchen Behandlung nicht zu unterdrücken, muss erst gar keine Wut aufkommen. Es wird wesentlich öfter von Wut als von Zorn gesprochen. Man spricht schon mal von "gerechtem Zorn" und von "schwelender Wut". Gerade diejenigen, die immer nett und sanft sein wollen, scheinen oftmals viel Wut in sich zu tragen. Angst kann bewirken, dass wir es nicht schaffen, zornig zu werden. Dabei wäre es so gut, wenn Empörung und Zorn dem Gegenüber in einem Konflikt gleich zeigen würden, dass etwas unbedingt geklärt werden muss.
Psychotherapeuten sagen, dass Frauen mehr Probleme mit unterdrückter Aggression und Männer mehr Probleme mit unterdrückter Traurigkeit haben. "Etwas entsetzt" - eine derartige Ausdrucksweise habe ich auch schon in Supervisionsspielchen von berufserfahreren Erzieherinnen gehört. Sie erscheint mir symptomatisch. Unser Berufsstand hat ein kollektives Problem. Während anderswo Frauen im Berufsleben mit Männern meist gelernt haben, selbstbewusster aufzutreten, dulden Erzieherinnen einfach viel zu viel, was ihnen nicht gefällt.

Anstatt über das Image als Bastel- undKaffeetante zu lamentieren, wäre es vielleicht lohnender, wenn Erzieherinnen sich die Frage stellen würden, ob der Anteil der Konfliktscheuen in unserem Beruf nicht ein größeres Problem ist als bloße "Lackschäden" am Image.

Damit will ich der Threaderstellerin nicht zu nahe treten. Sie hat sich immerhin zügig nach dem Vorfall an ein Fachforum gewandt, wo andere es auch nicht in Ordnung finden, dass eine Erzieherin auf diese Weise behandelt wird. Im Kindergartenworkshop gabe es doch mal einen Thread, wo sich eine Erzieherin ans Forum gewandt hatte, weil die Toiletten für die Erwachsenen nicht repariert wurden. Am Ende hat diese Erzieherin ihrer Chefin gezeigt, dass sie sich nicht auf die Kindertoiletten schicken lässt und es gab ein Happy End. Diesen Thread würde ich hier gern verlinken. Weiß jemand in welcher Rubrik er steht?

Freundliche Grüße

amaria
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