Bildungswahn - Wollen wir diese Entwicklung unterstützen?

Juliala
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Bildungswahn - Wollen wir diese Entwicklung unterstützen?

Beitrag von Juliala »

Hallo,

ich habe interessante Artikel zum Bildungswahn im Netz gefunden.
Ich würde mir wünschen, dass endlich mehr ErzieherInnen diese Entwicklung hinterfragen und kritisieren.
Als ich Mitte der 80er Jahre meine Ausbildung anfing, waren viele ErzieherInnen noch richtige unbequeme "Kämpfernaturen".
Mittlerweile habe ich das Gefühl, wir ErzieherInnen wurden erfolgreich umerzogen und verkümmern zu einem braven alles schluckenden Völkchen und bejubeln alles, was uns fachfremde Berufsstände und Politiker vor die Füße werfen.

Wollen wir uns wirklich fremdbestimmen lassen und kleine Einsteins heranziehen, die zwar im Kindergarten schon bestens die Grundrechenarten beherrschen und chemische Experimente deuten können und über Grundkenntnisse in Englisch verfügen, aber immer mehr das Spielen verlernen und z.B. in der Selbständigkeit beim Anziehen hinterherhinken?
Kinder brauchen keine aufgestülpten Experimente in künstlicher Umgebung. Kinder brauchen das Spiel und die Natur, in dem sie die Welt begreifen und eigene Lernerfahrungen machen dürfen.

Wir ErzieherInnen nehmen uns in der Kindererziehung und Bildung viel zu wichtig.

Hier nun die Artikel:
http://www.tagesspiegel.de/wissen/frueh ... 05448.html
http://www.openpr.de/news/698405/ABC-un ... erten.html

Viele Grüße
Julia
Erziehung: einen Kopf drehen, bis er verdreht ist - natürlich auf den neuesten Stand.“
―Karlheinz Deschner

amaria
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Re: Bildungswahn - Wollen wir diese Entwicklung unterstützen

Beitrag von amaria »

Danke für die lesenswerten Artikel.

Je länger die Schaumschlägerei in Sachen "Bildung" anhält, um so mehr Erzieherinnen geht die Puste aus.
Was könnte man dem Bildungswahn eigentlich entgegensetzen? Eigentlich bietet das Internet doch Möglichkeiten, die wir früher nicht gehabt haben... Auch ohne die Mitgliedschaft in einem Verein ließe sich einiges klarstellen.

Freundliche Grüße

amaria
„Ausdauer wird früher oder später belohnt - meistens aber später.“
Wilhelm Busch

"Natürlicher Verstand kann fast jeden Grad von Bildung ersetzen, aber keine Bildung den natürlichen Verstand."
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yael66
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Re: Bildungswahn - Wollen wir diese Entwicklung unterstützen

Beitrag von yael66 »

Hallo Julia,
dick und fett bei dir unterschreib!!! :-)

Obgleich ich demnächst erst mit der Erz. Ausbildung beginne, treibt mich dieses Thema, als Mutter von drei Kindern (18,5/ 13 und 11) schon seit langer Zeit um.
Ich kann nun auch schon fast zwei Jahrzehnte auf die Entwiklung zurückblicken und bin immer mehr entsetzt und auch arg wütend, was diesbezüglich in diesem Land passiert.
Aktuell erleben wir zum dritten Mal den G8- Wahn, leider gibt es hier in BaWü keine Schulalterativen, wenn du ein pfiffiges Kind hast.

Letzte Woche war ich in einer priv. Krippe zum hospitieren, ich bin auf der Suche nach einem Praktikumsplatz -da ich mich ab Sept. zweimal wöchentlich in der Berufsschule auf die "Schulfremdenprungfür Erz. " vorbereite.
Diese Krippe hat fast nur Akademiker Eltern, denn die Krippe ist auf einem Gelände eines großes Forschungszentrum.
Es schien die Sonne, sie haben 6000qm Außengelände und ich wunderte mich, warum, sie nicht mit den Zwergen nach draußen gehen.
Nein, das ginge nicht, sie sind personell unterbesetzt und 1 Jähriger würde heute eigewöhnt (9 Kinder in einer Gruppe 3 Fachkräfte) außerdem erwarten !!! die Eltern, dass jeden Morgen ein bestimmtes Programm
den Kleinkindern geboten wird
Ein großer Übersichtsplan hing im Flur: von Englisch, Kunst, Erste Experimente, Sport, Musik bishin zu erste Zahlen und Buchstaben!
nur Nachmittags nach dem Motto "erst die Plficht, dann das Vergnügen!" wäre es machbar.

Demnächst kriegen sie einen Säugling Mitte/ Ende Mai geboren und die Mutter war entnervt und machte beim Träger Rabatz, dass sie acht Wochen nach der Geburt warten muss, damit das Kind in die Einrichtung darf.
Es gibt ein Stillzimmer, Zitat von der Mutter: "das Baby schläft doch eh de ganzen Tag!"
Die noch sehr junge Leiterin und ihre Kolleginnen sehen es äußerst kritisch, aber haben, natürlich, den Anweisungen von oben zu folgen.

Mich hat der Tag sehr sehr nachdenklich gemacht!!

Ich bin Gründungsmitglied einer Elternini von 1996, die Kita gibt es noch heute, später haben meine Söhne eine Erzieherinneninitiative besucht, wo es altersgemischte Gruppen gab 1- Schuleintritt
bei einem Personalschlüssel von 37 Kindern 8 Erzieherinnen und einer Kochomma :-)
Wunderbare Jahre haben dort meine Söhne erlebt
Eine phantastische Mischung aus Matsche, kleckern, kleben und Bildung.

Sprich, auch mir war als Jungmutter es wichtig eine tolle Kita zu finden, wo es motivierte Erz. gab und eine tolle Atmosphäre.

Aber dieses hat alles garnix mit dem zu tun, was nun hier passiert - fürchterlich und wie gesagt ich erlebe diesen Druck ja auch in den Schulen!!!

Wärend der langen Jahre als Familienfrau habe ich mich vielfälltig weitergebildet und u.a. auch eine psychotherp. Coachingausbildung vor 1,5 Jahren abgeschloßen.
Dort saßen dann auch in meinen Sitzungen Menschen ausgebrannt bis zum geht nicht mehr.
Und eine Ausbildung weiter für Business Coaching für "non-Profit- Bereiche" sprich soziale Einrichtungen, Teams die sich gefetzt haben und wo das Thema Mobbing und führungsschwache Leitung,
stark dominierten.

Das ganze System- auch einer meiner Schwerpunkte- systemischer Blick, ist aus dem Gleichgewicht gekommen!!
Mir wird Angst und Bange, welch Generation da aufwächst, höher,schneller, weiter: ZackZack durch die Grundschule, ab in den G8 Stress und anschließend bitteschöön in den Bacstudiumsstreß
und ab auf die Coach!!

Ausgebrannt und fertig mit MItte 20 - schöne neue Welt!!!


Ich kann auch üüüberhaupt nicht nachvollziehen,angesichts des eklatanten Erz.mangels, dass sich die Menchen nicht ihrer "Machtposition" bewusst sind und wirklich politisch mit aller Konsequenz auf die Barrikaden gehen.
Gut, der Deutsche ist ja schon einige Jahrzehnte kein Revoluzzer mehr ;-)

Das es auch anders geht, las im am vergangenen Wochenende in der Samstagsausgabe der "BNN" / Tageszeitung aus Karlsruhe: " Im Kinderhaus hängt der Haussegen schief- Technido(Träger Kind und Beruf): 10 Erzieherinnen haben gekündigt !
und diese sind komplett zur Konkurrenz "Pro Liberis" gewechselt,

Es wäre schöön, wenn über so einem Forum, wie hier, viel mehr an Aktionen und Überlegungen ins Rollen käme :-)
Zuletzt geändert von yael66 am Donnerstag 4. Juli 2013, 15:23, insgesamt 1-mal geändert.

amaria
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Re: Bildungswahn - Wollen wir diese Entwicklung unterstützen

Beitrag von amaria »

Hallo yael!

Das tat gut, deinen Beitrag zu lesen!
yael66 hat geschrieben: Ich kann auch üüüberhaupt nicht nachvollziehen,angesichts des eklatanten Erz.mangels, dass sich die Menchen nicht ihrer "Machtposition" bewusst sind und wirklich politisch mit aller Konsequenz auf die Barrikaden gehen.
Gut, der Deutsche ist ja schon einige Jahrzehnte kein Revoluzzer mehr ;-)

Das es auch anders geht, las ich am vergangen Wochenende in der Tageszeitung aus meiner Nachbargroßstadt: da haben 10 Erzieherinnen !! aus einer priv "EdelBildungseinrichtung" gekündigt und sind komplett zur Konkurrenz gewechselt,
bessere Bezahlung, wesentlich höhrere Wertschätzung in ihren Einrichtungen.

Es wäre schöön, wenn über so einem Forum wie hier, viel mehr an Aktionen und Überlegungen ins Rollen käme :-)
Kannst du den Artikel verlinken? Mir ist er bei meiner Recherche nicht aufgefallen.
Wie wäre es, wenn wir zu mehreren die Fachzeitschriften der Erzieherinnen darum bitten, über entsprechende Ereignisse und ihre Folgen zu berichten. Und besonders schön wäre es natürlich, wenn sich Erzieherinnen, die sich was getraut haben, hier darüber berichten würden.

Freundliche Grüß0e

amaria
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yael66
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Re: Bildungswahn - Wollen wir diese Entwicklung unterstützen

Beitrag von yael66 »

Hallo Amaria,
verlinken kann ich leider nicht, das es ein Artikel in der BNN war und die stellen sehr wenig ins Netz- nur gegen Bezahlung = Abo online
Allerdings könnte ich versuchen den Artikel zu scannen und dir als PDF zu kommen zu lassen

Deine Idee finde ich prima !!
Ich würde wirklich sehr genau wissen, was da für konkrete Gründe vorlagen
Offiz. "Unstimmigkeiten"

Versuche mal zu scannen , bis später :-)
LG
Yael

amaria
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Re: Bildungswahn - Wollen wir diese Entwicklung unterstützen

Beitrag von amaria »

Danke!!!
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amaria
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Re: Bildungswahn - Wollen wir diese Entwicklung unterstützen

Beitrag von amaria »

Hallo!

Vor fast 3 Jahren hat Julia ein Thema eingestellt, das an Bedeutung nichts verloren hat.

Freundliche Grüße

amaria
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Juliala
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Re: Bildungswahn - Wollen wir diese Entwicklung unterstützen

Beitrag von Juliala »

Hallo amaria,

danke für das Hochholen des Threads.
Passend dazu habe ich letztens einen weiteren Artikel im Netz gefunden, der mir aus dem Herzen spricht:
ABC und Rechenkönig - Bildungswahn im Kindergarten
http://www.myheimat.de/friedberg/politi ... 33430.html

Und hier noch ein Zeitungsartikel über eine Erzieherin und wie sie über Pisa denkt.
Pisa ist nichts für kleine Kinder: http://www.zeit.de/gesellschaft/2012-05 ... uer-kinder

Wir Erzieher sollten die aktuellen Entwicklungen mehr hinterfragen und nicht alles umsetzen, was gefordert wird.
Ich finde es immer sehr befremdlich, wenn hier Praktikanten regelmäßig nachfragen und Tipps für ein Krippenprojekt (Kinder zwischen 1-2 Jahre) haben wollen, welches sie im Rahmen ihrer Ausbildung durchführen müssen. Brauchen wir wirklich schon KRIPPENPROJEKTE???
Geht mit den Lehrern in die Diskussion und fragt nach dem (Un-)Sinn eines solchen Projekts.

Julia
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amaria
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Re: Bildungswahn - Wollen wir diese Entwicklung unterstützen

Beitrag von amaria »

Danke Julia! Die verlinkten Beiträge werde ich noch lesen. Habe auch noch etwas gefunden:
http://www.wirtschaft.com/experten-klei ... en-lernen/

"Experten: Kleinkinder sollten Umgang mit elektronischen Medien lernen"
Dies forderten Experten (Quelle Spiegel) in einem bislang unveröffentlichten „Strategiepapier Medienbildung“ des baden-württembergischen Staatsministeriums.

Ob es demnächst noch Strategiepapiere für Ungeborene gibt?
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koenigin83
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Re: Bildungswahn - Wollen wir diese Entwicklung unterstützen

Beitrag von koenigin83 »

Immer öfter finde ich es unglaublich, was dieser Bildungswahn mit sich bringt. Auch die Eltern werden doch immer verunsicherter und denken im Kindergarten müsste ein immer grösseres Programm stattfinden. Erst letzte Woche hat mich ein Vater beim Abholen gefragt, was sein Kind den heute gemacht habe. Es war tolles Wetter und ich antwortete mit: Wir waren heute den ganzen Tag draussen und haben das gute Wetter genutzt. Was war die Antwort: Aha, heute also nur Freispiel?! Ich hab mir einen Kommentar verkniffen. :nein:
Marktbesuche, Ausflüge in den Wald, einfach mal draussen den ganzen Tag im Aussengelände toben, die Umgebung kennenlernen. Sind diese Sachen den nicht so viel Wert wie Experimente und Angebote?

Ach und noch was zu Medien:
Unglaublich, was da geredet wird. Vor allem wenn man mal in die Schulen schaut und merkt, wie wenig die Kinder dort vermittelt bekommen. Aktuelles Beispiel einer Bekannten auch aus BaWü: Siebte Klasse, ein Referat steht an. Es muss natürlich am Pc geschrieben werden. Aber niemand hat dem Kind jemals in der Schule erklärt wie Word funktioniert. Klar, die Grunddinge kannte sie, aber was ist mit Formatierung, etc. bei einer längeren Arbeit die nicht nur zwei Seiten hat. Es endete damit, dass wir länger damit beschäftigt waren, alles in eine richtige Form zubringen (ihr zu zeigen wie man es macht), als das Kind für die ganze Arbeit brauchte. :comp: Da sollte man doch erstmal schauen, dass da mehr in den Schulen läuft.

Jelka
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Re: Bildungswahn - Wollen wir diese Entwicklung unterstützen

Beitrag von Jelka »

koenigin83 hat geschrieben:Erst letzte Woche hat mich ein Vater beim Abholen gefragt, was sein Kind den heute gemacht habe. Es war tolles Wetter und ich antwortete mit: Wir waren heute den ganzen Tag draussen und haben das gute Wetter genutzt. Was war die Antwort: Aha, heute also nur Freispiel?! Ich hab mir einen Kommentar verkniffen. :nein:
Hallo Königin,
dass Bildung wichtig ist, steht doch hoffentlich nicht zur Debatte, oder? Das Problem sehe ich eher in der Unwissenheit, wie Kinder lernen. Wie sollte der Vater, der vermutlich sein Leben lang an seinen Leistungen gemessen wurde, auch wissen, wie Kinder lernen?
Freispiel wird von Eltern oft mit freier Tag, Urlaub, nichts tun, gammeln etc. gleichgesetzt. Deshalb sind wir gefordert, die Eltern an unserem Wissen teilhaben zu lassen. Auch wenn wir nicht alle Eltern erreichen oder überzeugen können, ist es eine unserer Aufgaben, die wir haben.
Was bedeutet: "Wir haben das gute Wetter genutzt" Wofür habt ihr es genutzt? Woher soll der Vater wissen, was du damit meinst und dass das Freispiel sehr wertvoll ist?
koenigin83 hat geschrieben:Vor allem wenn man mal in die Schulen schaut und merkt, wie wenig die Kinder dort vermittelt bekommen.[...] Da sollte man doch erstmal schauen, dass da mehr in den Schulen läuft.
Das könnten die Lehrer auch über uns sagen. Das Lernen beginnt nicht in der Schule. So wie du über die Schule denkst, denkt auch der Vater über das Freispiel.
Liebe Grüße Jelka

koenigin83
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Re: Bildungswahn - Wollen wir diese Entwicklung unterstützen

Beitrag von koenigin83 »

Was ich vielleicht noch dazu schreiben sollte: Bei uns wird seeehr transparent gearbeitet und viel, auch über das Freispiel, vermittelt.
Ich hab die Situation nur kurz zusammengefasst. Und obwohl wir sehr oft deutlich machen, was so ein Tag im freien alles vermittelt, kommt es bei vielen Eltern trotzdem noch wie "draussen rumstehen" rüber. Etliche Eltern bei mir sind sehr interessiert an Bildung und tauschen sich fachlich aus. Da hat man diesen Artikel und jenes Buch gelesen und öfter schon wurde berichtet, wie unsicher das alles macht. Ich finde es einfach nur schade, wenn Kinder nicht mehr die Möglichkeit haben Kind zu sein und die Tagesplanung zum Stundenplan der Förderungen wird.

Natürlich finde ich Bildung wichtig, klar. Und wie so oft finde ich einen Mittelweg aus Angeboten und Freispiel immer noch am Besten.
Immer öfter begegnen mir aber Kinder, die schon früh lesen und schreiben können, sozial oder emotional aber noch auf dem Stand von Kleinstkindern stehen.
Die Frage bei einem Entwicklungsgespräch eines zweijährigen, was man ihm denn noch so beibringen könnte und meine Erklärungsversuche das auch körperliche Nähe für das Kind mal wichtig wäre, was auf großes Unverständnis traf, ist schon Jahre her aber beschäftigt mich manchmal immer noch.
Da stellt man sich doch die Frage, woran das liegt und ob man aktiv etwas dagegen tun kann.

Ja, das mit den Medien stimmt wohl, das schieb ich vielleicht auf die Schule. Ich hab mir ja auch schon oft überlegt, ob der Einsatz eines Tabletts oder eines Laptops mit den Kindern sinnvoll und manchmal einfach auf praktisch sein könnte. Und dann begegnen mir wieder Kinder, die grad mal laufen können, ein Handy in der Hand haben und die typische wisch-Geste machen. Ich finde diese unterschiede nur sehr krass. 13 jährige, die kaum etwas an Pc und Programmen lernen und Kleinkinder, die schon genau wissen, was so ein Handy kann.
Wie so oft, verstehe ich dann auch diese Unterschiede an Schulen nicht. In der gleichen Stadt sollen an einer Schule nämlich jetzt die Kinder mit Tablett in die Schule kommen. Versuchsweise soll jetzt hierüber gelernt werden.

Jelka
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Re: Bildungswahn - Wollen wir diese Entwicklung unterstützen

Beitrag von Jelka »

Guten Morgen Königin,
danke für deine sachliche Antwort.
koenigin83 hat geschrieben: Und obwohl wir sehr oft deutlich machen, was so ein Tag im freien alles vermittelt, kommt es bei vielen Eltern trotzdem noch wie "draussen rumstehen" rüber.
Das erlebe ich auch oft und komme in Erklärungsnot. Erklärungsnot, weil auch in meiner Generation das Lernen auf stillsitzen, zuhören, mit Input gefüllt werden, verbunden ist. Mein fachlicher Verstand weiß, dass Kinder einem inneren Bauplan folgen. Wir müssen, vereinfach ausgedrückt, eigentlich "nur" ihre Interessen und den momentanen Entwicklungsschritt kennen und die Kinder dabei unterstützen/begleiten. Sammeln die Kinder im Garten Ameisen, ist es nicht unsere Aufgabe, ihnen im Stuhlkreis wissenschaftliche Abhandlungen über Ameisen zu vermitteln und dies in Arbeitsbögen oder mündlichen Prüfungen (Stuhlkreis) abzufragen, sondern sie in ihrem Wissensdrang zu unterstützen, indem wir ihnen den entsprechenden Rahmen z.B. in Form von entsprechendem Material (Lupengläser, Sachbücher etc.) anbieten und sie als Gesprächspartner begleiten. Auch dies sehe ich als Angebot. Es ist zwar kein Angebot für die ganze Gruppe, sondern ein individuelles für interessierte Kinder, aber andere Kinder haben andere Interessen, die auch irgendwie aufgegriffen werden.
Informiere ich die Eltern in Bezug auf ihr Kind, was es dabei gelernt hat und wie ich das Kind dabei unterstützt habe, sehen es die Eltern oft als Wertschätzung ihres Kindes an und sind stolz auf ihr Kind, weil es in der Lage war, das alles selbst zu erarbeiten.
Obwohl mir dies alles sehr bewusst ist und ich es den Eltern immer wieder vermittle, in Verbindung mit dem, was das interessierte Kind dabei alles gelernt hat, kommen auch mir oft Zweifel, weil in meiner Generation das Lernen eine andere Bedeutung hatte. Wer seinen Interessen nachging, war ein Müßiggänger, der dem lieben Gott die Zeit stahl, statt zu lernen.
Deshalb kann ich die Eltern verstehen, die Sorge haben, ihr Kind lernt nicht genug. Sicher wird es einige Generationen dauern, bis das neue Wissen bei allen selbstverständlich ist. Und die Zeit müssen wir uns nehmen.
Immer öfter begegnen mir aber Kinder, die schon früh lesen und schreiben können, sozial oder emotional aber noch auf dem Stand von Kleinstkindern stehen.
Wir haben auch viele Kinder, die schon vor der Einschulung lesen und manche, die auch schon schreiben können. Das schiebe ich eher auf unser Konzept, in dem die Kinder sich ihr Wissen individuell erarbeiten, indem wir sie wie oben beschrieben, dabei begleiten. Dazu gehört natürlich auch mal ein Arbeitsbogen, aber nicht, weil ich ihn wichtig finde, sondern weil das Kind Interesse daran signalisiert.
Die emotionale und kognitive Entwicklung klaffen in der Tat oft auseinander, wobei mir noch unklar ist, ob wir es nur so wahrnehmen, weil das Wissen und die emotionale Entwicklung nicht zusammen passen, ob es am Konzept der fast überall praktizierten offenen Arbeit liegt oder nochmal andere Gründe dafür verantwortlich sind.
Und dann begegnen mir wieder Kinder, die grad mal laufen können, ein Handy in der Hand haben und die typische wisch-Geste machen. Ich finde diese unterschiede nur sehr krass. 13 jährige, die kaum etwas an Pc und Programmen lernen und Kleinkinder, die schon genau wissen, was so ein Handy kann.
Auch ich finde den Anblick eines Kleinstkindes, welches über einen Baustein wischt und ihn ans Ohr hält sonderbar. Aber schaust du dir die Eltern an, ist klar, dass die Kinder nur das nachspielen, was sie täglich sehen. Und das war schon immer so. :wink:
Liebe Grüße Jelka

amaria
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Re: Bildungswahn - Wollen wir diese Entwicklung unterstützen

Beitrag von amaria »

Hallo Julia,

In einem anderen Forum fand ich ein Zitat, das "Kuhl, Schwer und Solzbach, Professionelle pädagogische Haltung, Schwer Sozbach, Klinkhardt Verlag 2014, Seite 217" zugeordnet wurde. (Das Buch möchte ich mir mal näher anschauen!)

"Eine professionelle Haltung ist ein hoch individualisiertes (d.h. individuelles, idiosynkratisches) Muster von Einstellungen, Werten, Überzeugungen, das durch einen autentischen Selbstbezug und objektive Selbstkompetenz zustande kommt, die wie ein innerer Kompass Stabilität, Nachhaltigkeit und Kontextsensibilität des Urteilens und Handelns ermöglicht, sodass das Entscheiden und Handeln eines Menschen eine hohe situationsübergreifende Kohärenz und Nachvollziehbarkeit und andererseits eine hohe situationsspezifische Sensibilität für die Möglichkeiten, Bedürfnisse und Fähigkeiten der beteiligten Personen aufweist."

Demnach wäre eine professionelle Haltung schon mal kein Mitläufertum. "Authentisch" schreibt man mit einem "th", aber das mag ein Flüchtigkeitsfehler sein, wie sie mir leider auch öfter passieren, vor allem, seit ich altersweitsichtig geworden bin.

"Objektive Selbstkompetenz!" - Könnte damit das Gegenteil von "subjektiver Selbstkompetenz" gemeint sein?
"Kontextsensibilität" hört sich auch imposant an, wie überhaupt alle Begriffe aufgepimpt werden können, wenn man sie nur stilsicher mit "Sensibilität" kombiniert.

Wie würden Professoren eigentlich "Bildungswahn" definieren?

Freundliche Grüße

amaria
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marienkäfer123
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Re: Bildungswahn - Wollen wir diese Entwicklung unterstützen

Beitrag von marienkäfer123 »

Jelka hat geschrieben:
Und dann begegnen mir wieder Kinder, die grad mal laufen können, ein Handy in der Hand haben und die typische wisch-Geste machen. Ich finde diese unterschiede nur sehr krass. 13 jährige, die kaum etwas an Pc und Programmen lernen und Kleinkinder, die schon genau wissen, was so ein Handy kann.
Auch ich finde den Anblick eines Kleinstkindes, welches über einen Baustein wischt und ihn ans Ohr hält sonderbar. Aber schaust du dir die Eltern an, ist klar, dass die Kinder nur das nachspielen, was sie täglich sehen. Und das war schon immer so. :wink:
Hallo :) Ich bin eigentlich genau deiner Meinung. Ich finde es verwerflich wenn zu junge Kinder schon Handys regelmäßig benutzen. Ich finde es einfach falsch, kann es nicht genau erklären. So ein Handy dass nur die Eltern und den Notruf etc anrufen kann, ist meines Erachtens aber okay, auch für jüngere. Also eins ohne Spiele, Internet, Chats, Facebook etc...nur für Eltern und Notdienst. Ich hab passend zum Thema auch noch hier auf http://www.handytarif.com/ratgeber/hand ... r-sinnvoll einen schönen Artikel gefunden, kann man ruhig mal lesen, vorallem Eltern oder halt wer interessiert ist. :) Wo ich dem Artikel allerdings nicht zustimme ist das Alter ab dem es okay sein soll angeblich....13 Jahre...is mir zu früh..ich würde meinen Kindern erst mit 16 ein richtiges neues Smartphone kaufen...vorher gibts nur Nokia-Totschläger^^...ganz einfach

Grüße

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