Bildungswahn - Wollen wir diese Entwicklung unterstützen?

Juliala
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Re: Bildungswahn - Wollen wir diese Entwicklung unterstützen

Beitrag von Juliala »

Natürlich darf ein mieser Personalschlüssel keine Ausrede sein. Wo liest du das heraus, dass man nichts tun sollte? Das behaupte ich doch gar nicht. Jeder gibt meist sein Bestes, aber dennoch können auch Erzieher nicht zaubern.

Ich lehne bestimmte Neuerungen in der Bildungslandschaft ab, aber das heißt doch nicht, dass ich meine Hände in den Schoß lege und mit einer Tasse Kaffee den Kindern genüsslich beim Buddeln und Wachsen zuschaue. :nene:
Erziehung: einen Kopf drehen, bis er verdreht ist - natürlich auf den neuesten Stand.“
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Tobias84
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Re: Bildungswahn - Wollen wir diese Entwicklung unterstützen

Beitrag von Tobias84 »

Johanna, du hast mir den Ball elegant zurückgespielt. Zugeben, momentan bin ich selbst noch Laie und falls ich in der Ausbildung kaum nützliches lerne, wäre ich sehr enttäuscht. Ich habe in einem anderen Thread was zur entwicklungsgemäßen Praxis geschrieben, da hat natürlich keiner geantwortet. Ich merke zumindest beim Reflektieren, dass ich oft nicht entwicklingsgemäß agieren und Kinder über- oder unterfordere, hab aber auch schon ins Schwarze getroffen und Kinder zu Ergebnossen gebracht, die sie ohne mich nie versucht und sich nicht zugetraut hätten. Ich glaube also, dass ich mich noch sehr steigern kann und dann als Profi sehr viel öfter Kinder im geeigneten Maße herausfordere und effizienter fördete. Da fehlt mir sicher auch ne Menge Erfahrungswissen, aber es kann auch gut sein, dass mir die Lektüre von Psychologie und Pädagogik weiterhilft.

Klar hat man mit einer Lernwerkstatt im Rücken auch einfach einen Vorteil in der Infrastruktur gegenüber dem zuhause der Kinder.

Juliala, ist nicht unbedingt auf dich bezogen. Ich hab diese Ich würde ja gerne, aber Menschen schon erlebt, während andere dann auch bei Engpass ihr Ding durchgezogen haben. Ich habe aber auch festgestellt, dass es in diesem Forum sehr wenig um Pädagogik geht, da gewinnt man schnell so einen Eindruck.
Jelka
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Re: Bildungswahn - Wollen wir diese Entwicklung unterstützen

Beitrag von Jelka »

Juliala hat geschrieben:
Jelka hat geschrieben: Sammeln die Kinder im Garten Ameisen, [...]sondern sie in ihrem Wissensdrang zu unterstützen, indem wir ihnen den entsprechenden Rahmen z.B. in Form von entsprechendem Material (Lupengläser, Sachbücher etc.) anbieten und sie als Gesprächspartner begleiten.
... dem kann ich nur beipflichten, aber ist das nicht selbstverständlich? Muss man dafür eine pädagogische Ausbildung haben? Ich nenne es gesunden Menschenverstand.
So sollte es eigentlich immer sein.
Ja, so sollte es sein, aber selbstverständlich ist es nicht. Ohne es wissenschaftlich belegen zu können, wage ich die Behauptung, dass dies trotz der Ausbildung an wenigstens einem Drittel aller ErzieherInnen vorübergegangen ist.
Deshalb sehe ich das Problem des "Bildungswahns" auch nicht als "das massive Problem", sondern viel eher die Unsicherheit dieser Kolleginnen. Denn sie bedienen die Eltern, die selbst noch unter Anleitung gelernt haben, weil sie nicht in der Lage sind, den Eltern zu vermitteln, worauf es ankommt.
So verstehe ich Bildung und so kenne ich es schon aus meiner Kindheit. Fast jedes Kind hatte damals in den 70er Jahren z.B. eine Lupe. Sachbücher haben auch wir damals schon gehabt.
Wir sind durch die Wälder und die Gegend gestreift und haben die Welt erkundet......heutzutage unmöglich.
Als Vierjährige habe ich schon alleine mit Wasser und allerlei Naturmaterialien herumexperiment.
Dann bist du vermutlich entweder mit Eltern aufgewachsen, die diese Werte noch hochgehalten haben oder du kommst aus einer ländlichen Gegend.
Ich selbst bin ohne Bücher aufgewachsen und eine Lupe habe ich nie besessen. Lesen, rechnen und Schleife binden konnte ich nicht, als ich zur Schule kam. Mein Sohn dagegen (70er Jahre) hatte eine (oder zwei??) Lupe und Bücher, konnte kleine Sätze lesen und war insgesamt sehr selbständig. Auch Ausflüge in den Wald haben wir oft genug gemacht.
Ich gehöre noch zu der Generation, die mit dem Glauben aufgewachsen ist, dass man zum Lernen angeleitet werden muss und keiner freiwillig lernt. Dass ich heute vom Gegenteil überzeugt bin, habe ich nicht meiner Ausbildung, sondern meiner Beobachtungsgabe und meinem Wissensdrang zu verdanken. Mit anderen Worten: ohne meinen Beruf wäre ich heut noch auf dem Wissensstand von früher.
Und das ist ziemlich der gleiche Wissenstand, den die meisten Eltern haben, wenn es um Bildung und Lernen geht. Was wir an Lernprogrammen verteufeln, finden viele Eltern super, weil die Kinder nicht nur lernen, sondern dies auch spielerisch passiert.
Genau dies ist der Punkt, wo wir die Eltern mit ins Boot holen könnten, weil wir eigentlich das gleiche Ziel haben.
Tobias84 hat geschrieben: Ich habe aber auch festgestellt, dass es in diesem Forum sehr wenig um Pädagogik geht, da gewinnt man schnell so einen Eindruck.
Das ist nicht nur dein Eindruck. Statt über den "Bildungswahn" und den eigenen Umgang damit auszutauschen, geht auch dieses Thema verstärkt in die Richtung ob und unter welchen Bedingungen Kitas eine Daseinsberechtigung haben.
Ich glaube, du hattest Sokrates erwähnt?
An den muss ich in dieser Diskussion auch oft denken. Die Entwicklung bleibt nicht stehen, egal, ob wir es gut finden oder nicht.
Ich würde mir auch wünschen, dass die Lebensbedingungen der Familien so gut gestellt sind, dass sie selbst entscheiden könnten, ob sie ihre Kinder in Einrichtungen geben. Außerdem gibt es genug Eltern, die ihre Kinder in Einrichtungen geben, obwohl sie es finanziell nicht nötig hätten. Wie könnte ich diesen Eltern begegnen, wenn ich ihre Lebenseinstellung negativ bewerte?
Und würde es etwas am "Bildungswahn" ändern?
Liebe Grüße Jelka
Johanna2

Re: Bildungswahn - Wollen wir diese Entwicklung unterstützen

Beitrag von Johanna2 »

Hallo Tobias!

Schade, dass meine weiter oben gestellten Fragen unbeantwortet blieben. Ich stelle sie hier noch einmal:

Welche Effekte kannst du denn, im Gegensatz zu den Eltern, erzielen? Welche Bildungsmöglichkeit haben die Kinder bei dir, die sie bei ihren Eltern nicht haben könnten?

J.
amaria
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Re: Bildungswahn - Wollen wir diese Entwicklung unterstützen

Beitrag von amaria »

Hallo Herr Uhl,

danke für deine Beiträge, denen ich zustimme.

Der Hinweis auf den "Bürotratsch" hat mich an einen Besuch des Kongresses von "Männer in Kitas" erinnert. Dort bekam ich die Klage über den Bürotratsch ungefähr ebenso oft zu hören wie die Klage darüber, dass Erzieherinnen oft derart übervorsichtig seien, dass sie überall Gefahren wittern würden.

Für viele Frauen im Beruf scheint es normal zu sein, dass alles Mögliche, auch vor und nach den Teamsitzungen, ausgiebig besprochen wird. Um so erstaunlicher, wie schwer es Erzieherinnen fällt, solidarisch zu sein und sich erfolgreich für Veränderungen einzusetzen.

Die Kehrseite des Bildungswahns sind für mich die unsäglichen Schlampereien und Vertuschungsmanöver zugunsten des "schönen Scheins". Wenn beispielsweise von den Medien eine extravagante Architektur gelobt, aber nicht kritisiert wird, dass der "ausgezeichnete" Bau diverse Mängel aufweist, die beispielsweise die Fluchtwege betreffen. Was über die Medien bekannt wird, ist meiner Meinung nach nur die Spitze des Eisbergs.

Ohne Erzieher/innen, die jeden Tag ihr Bestes geben, aber leider kaum bereit sind, sich mal als Sand im Getriebe zu bewähren, würde zwingend in vielen Bereichen nachgebessert werden müssen. Unsere Berufsgruppe scheint sich hartnäckig zu weigern, ihre Chancen zu nutzen.

Nach wie vor bin ich für die freiwillige Rückgabe diverser Zertifikate. Schade, dass dieses Anliegen nur von wenigen verstanden wird. (Und ich selbst habe keins zum Zurürückgeben.)

Freundliche Grüße

amaria
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"Natürlicher Verstand kann fast jeden Grad von Bildung ersetzen, aber keine Bildung den natürlichen Verstand."
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Tobias84
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Re: Bildungswahn - Wollen wir diese Entwicklung unterstützen

Beitrag von Tobias84 »

Jelka hat geschrieben:Ich gehöre noch zu der Generation, die mit dem Glauben aufgewachsen ist, dass man zum Lernen angeleitet werden muss und keiner freiwillig lernt. Dass ich heute vom Gegenteil überzeugt bin, habe ich nicht meiner Ausbildung, sondern meiner Beobachtungsgabe und meinem Wissensdrang zu verdanken. Mit anderen Worten: ohne meinen Beruf wäre ich heut noch auf dem Wissensstand von früher.
Und das ist ziemlich der gleiche Wissenstand, den die meisten Eltern haben, wenn es um Bildung und Lernen geht. Was wir an Lernprogrammen verteufeln, finden viele Eltern super, weil die Kinder nicht nur lernen, sondern dies auch spielerisch passiert.
Genau dies ist der Punkt, wo wir die Eltern mit ins Boot holen könnten, weil wir eigentlich das gleiche Ziel haben.
Ist das nicht ein guter Grund, sich intensiv mit Pädagogik auseinanderzusetzen? Spielerisches, entdeckendes Lernen findet sich ja auch schon in etwas älteren Ansätzen wie Reggio, aber in der Mitte der Gesellschaft ist das noch nicht angekommen. Nicht bei Eltern, nicht bei Lehrern und nur teilweise bei Erziehern. Wenn man damit aufgewachsen ist, dass Lernen lästige Pflicht und Spielen keine Bildung ist, ist es ja gegen die eigene Intuition, beides zu verbinden.
Jelka hat geschrieben:Statt über den "Bildungswahn" und den eigenen Umgang damit auszutauschen, geht auch dieses Thema verstärkt in die Richtung ob und unter welchen Bedingungen Kitas eine Daseinsberechtigung haben.
Es ist gleichzeitig amüsant und traurig, wenn Kita-Erzieherinnen den Sinn der Kita abstreiten. Irgendwie ist das aber eine Debatte von vorgestern. Klar ist eine miese Krippe schlecht für Kleinkinder und schlechte Betreuungsschlüssel oder schlechte Räume weder für die Kinder noch für die Erzieherin förderlich. Aber ich dachte eigentlich, dass es Konsens ist, das Kinder in der Kita schon allein sozial enorm profitieren - und sie lernen andere Umgebungen, andere Werte, andere Kulturen, Kinder mit anderer Hautfarbe oder mit Beeinträchtigungen kennen, manchmal lernen sie auch erst die deutsche Sprache. Das kann die beste Hausfrau so nicht leisten.
Herr Uhl hat geschrieben: Die Kita ist in einer Sinnkrise. Man versucht eine Aufwertung durch den Bildungsauftrag, während die Entwicklung der Kitas zum Elternhausersatz geht. Bedingt durch eine Arbeitsmarktsituation unzähliger Überstunden und übertriebener Mobilitätsanforderungen, auflösung klassischer Familienverhältnisse, etc...
Die Vater-Mutter-Kind-mit-Alleinverdiener-und-Hausfrau-Familie ist inzwischen weder in der Mehrheit noch von der Mehrheit der jüngeren Generation gewollt. Junge Frauen sind heute genauso gut qualifiziert wie Männer und wenn man fünf Jahre Medizin studiert hat, bleibt man nicht drei bis fünf Jahre pro Kind zuhause, selbst wenn man es sich leisten könnte. Im Gegenteil, viele Beziehungen zerbrechen nach dem ersten Kind, weil die Mutter von einer gleichberechtigten Beziehung ungewollt in die traditionelle Rollenverteilung gedrängt wird und das überhaupt nicht möchte. Ohne gute Bildung müssen hingegen Vater und Mutter arbeiten, weil ein Gehalt gar nicht mehr zum Leben reicht.

Kita ist kein Elternhausersatz, aber auch keine Institution mehr, in der die Kinder für ein paar Stunden pro Woche zum Bespaßen abgegeben werden. Kinder sind heute nun mal oft 40 Stunden und länger in der Kita oder im Hort, da muss ein gewaltiger Anteil von Erziehung und Bildung durch die Erzieher geschehen. insofern ist dieser Satz aus dem Ursprungspost...
Juliala hat geschrieben: Wir ErzieherInnen nehmen uns in der Kindererziehung und Bildung viel zu wichtig.
...aus meiner Sicht vollkommen falsch. Klar kann man Zertifikate und Stiftungen kritisieren, aber doch nicht den Bildungsauftrag der Kitas als solches.

Das ist aber auch ein Generationenproblem unter den Erziehern. In der Pädagogik und in der Gesellschaft hat sich in den letzten 20 Jahren enorm viel getan und manche Alten wollen oder können sich dem nicht anpassen.
Jelka
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Re: Bildungswahn - Wollen wir diese Entwicklung unterstützen

Beitrag von Jelka »

Tobias84 hat geschrieben:Ist das nicht ein guter Grund, sich intensiv mit Pädagogik auseinanderzusetzen? Spielerisches, entdeckendes Lernen findet sich ja auch schon in etwas älteren Ansätzen wie Reggio, aber in der Mitte der Gesellschaft ist das noch nicht angekommen. Nicht bei Eltern, nicht bei Lehrern und nur teilweise bei Erziehern. Wenn man damit aufgewachsen ist, dass Lernen lästige Pflicht und Spielen keine Bildung ist, ist es ja gegen die eigene Intuition, beides zu verbinden.
Aber genau hier, finde ich, sind wir Erzieherinnen gefragt. Wenn man den Eltern z.B. erklärt, dass die mathematische Bildung nicht in der Schule anfängt, sondern schon weit vorher und dazu auch Beispiele benennt, verstehen dies auch Eltern. Aber solange Erzieherinnen sich von falschen Bildungsansprüchen verunsichern lassen, ist es auch für Erzieherinnen schwer, beides zu verbinden.
Tobias84 hat geschrieben:
Jelka hat geschrieben:Statt über den "Bildungswahn" und den eigenen Umgang damit auszutauschen, geht auch dieses Thema verstärkt in die Richtung ob und unter welchen Bedingungen Kitas eine Daseinsberechtigung haben.
Es ist gleichzeitig amüsant und traurig, wenn Kita-Erzieherinnen den Sinn der Kita abstreiten. Irgendwie ist das aber eine Debatte von vorgestern. Klar ist eine miese Krippe schlecht für Kleinkinder und schlechte Betreuungsschlüssel oder schlechte Räume weder für die Kinder noch für die Erzieherin förderlich. Aber ich dachte eigentlich, dass es Konsens ist, das Kinder in der Kita schon allein sozial enorm profitieren ...
Konsens ist es nicht. In Foren und in der Praxis habe ich schon oft gelesen und gehört, dass Kinder zu Hause besser aufgehoben sind. Ich denke, jeder hat seine Meinung, und die darf man ihm auch nicht absprechen. Unverständlich ist für mich nur, dass genau diese Leute in diesem Beruf arbeiten und sich nicht umorientieren.
Tobias84 hat geschrieben:Klar kann man Zertifikate und Stiftungen kritisieren, aber doch nicht den Bildungsauftrag der Kitas als solches.

Das ist aber auch ein Generationenproblem unter den Erziehern. In der Pädagogik und in der Gesellschaft hat sich in den letzten 20 Jahren enorm viel getan und manche Alten wollen oder können sich dem nicht anpassen.
Abgesehen davon, dass ich selbst zur älteren Generation gehöre, sehe ich das Problem weniger in den Generationen, als in der Einstellung zum Berufsbild.
Liebe Grüße Jelka
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Re: Bildungswahn - Wollen wir diese Entwicklung unterstützen

Beitrag von wildblume20 »

Also ich fnde diesen Trend total bescheuert. Ich kenne durch meine Eltern viele Akademiker Familien. Es ist eibfach die Angst, mein Kind könnte in dieser Wettbewerbsgesellschaft nicht mehr mithalten, ergo muss Kind in der Kita schon Englisch, Manadrin und die Grundrechenarten können. Unsere ganze Gesellschaft ist nur noch auf Wettbewerb getrimmt und Leistung. Das zieht sich von der Kita bis ins Studium und in die Arbeitswelt. Das dies Kinder total überfordert interessiert Elten und Politiker anscheinend gar nicht. Ich finde gegen diesen Trend müsste man sich wehren.Aber wie?
amaria
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Re: Bildungswahn - Wollen wir diese Entwicklung unterstützen

Beitrag von amaria »

Hallo Wildblume,

(einen sympathischen Nick hast du. Bestimmt findest du auch die Tatsache, dass Kinder in Kindergärten ohne Garten betreut werden dürfen, auch unmöglich (an dieser Stelle bitte in Gedanken ein paar deftige Flüche einsetzen!).

Mit mehr Zivilcourage müsste unsere Berufsgruppe eigentlich einiges auf die Reihe bekommen können. Allerdings müssten wir dazu im übertragenen Sinn in Fettnäpfchen treten. Das Gehumse um die angeblich so tolle Bildung könnte man als einen besonders breiten Fettnapf ansehen. Breit genug für ein Team! Symbollisch gesehen müssten wir ungeniert durch die Fettnäpfe trampeln.

- Keinerlei Zertifikate mehr an Kinder austeilen und alle überflüssigen eigenen Auszeichnungen zurückgeben.
- Ab und an mal ein Plakat raus hängen, auf dem ERWACHSENE etwas Provozierendes geschrieben haben. Wie wäre es mit "Bildung kann so doof sein"? Oder "Schluss mit dem Bildungsstuss!"
- Eltern zu Beginn des Kindergartenjahres in allen Gruppen darum bitten, nicht unüberlegt ein Einverständnis zur Führung einer Bildungsdokumentation und zum Filmen und Fotografieren der Kinder zu geben. Selbstverständlich können Erzieher dokumentieren, wenn sie es für sinnvoll halten. - Aber es muss doch nicht über jedes Kind dokumentiert werden! Solange der Personalschlüssel nicht besser ist als diese momentan der Fall ist, wäre es dochsinnvoller, mehr Zeit in der Gruppe bei den Kindern sein zu können.
- Sich bei Verlagen über schlechte Fachbücher beschweren und Fachzeitschriften abbestellen, die nicht gelesen werden.
- Eltern darum bitten, sich an einem Tag der offenen Tür einmal die Fachliteratur für Erzieherinnen und die Inhalte von Förderprogrammen, die seit ein paar Jahren angesagt sind, anzusehen. Kostproben aus unseren Fachbüchern haben wir mal in einem Thread zusammen getragen. http://www.kigasite.de/phpBB3/viewtopic ... 48&t=53820 (Meine Nachbarin, die durch ihre Reaktion auf ein "sonderbares Fachbuch" bewirkt hat, dass ich spontan diesen Thread gestartet habe, ist mittlerweile 94 Jahre alt und geistig immer noch rege und fit.)
- Erzieherinnen und auch die Fachschüler und Studenten sollten keinen Minderwertigkeitskomplex gegenüber Akademikern haben. (Nicht alle sind verkopfte Theoretiker, aber einige nutzen ihren Verstand leider nicht, um etwas zu lehren oder zu vertreten, was den Interessen von Kindern entspricht. Bildung ist ein Geschäft und die Opfer sind Kinder, Eltern und Erzieherinnen, die besser dastünden, wenn sie sich als Konsumenten verweigern würden.
- Wer nicht an Verbesserungen und wesentliche Veränderungen glaubt, sieht vermutlich keinen Sinn darin, auf irgendeine Weise aktiv zu werden. Also ist es besser optimistisch zu sein und sich nicht darüber zu beklagen, dass Erzieherinnen ja sowieso nichts auf die Reihe bekommen würden.

Bildung ist natürlich sehr wichtig. Aber damit Eltern sich ein vollständigeres Bild von Kindergärten machen können, müssen wir mehr über die Schattenseiten der institutionellen Kinderbetreuung und Bildung sagen!

Freundliche Grüße

amaria
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Re: Bildungswahn - Wollen wir diese Entwicklung unterstützen

Beitrag von wildblume20 »

Ja aber mit passiver Haltung erreicht man doch nichts. Alles bleibt beim Alten. Es ist doch wie in einem Teufelskreis. man müsste den Eltern und Politikern mal klipp und klar sagen das durch diese blöden Beobachtungsbögen und Zusatzzerfikate viel weniger Zeit am kind bleibt. Es ist ein hoher bürokratischer Aufwand noch dazu. Für mich leben Eltern und Politiker oft realitätsfern. Im Fordern sind diese beiden Gruppen immer gut,aber sich mit der Realität in deutschen Kitas wollen die sich nicht auseinandersetzten.
Tobias84
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Re: Bildungswahn - Wollen wir diese Entwicklung unterstützen

Beitrag von Tobias84 »

Erste Frage: Lehnt ihr beobachten und dokumentieren generell ab oder was genau habt ihr daran auszusetzen? Ich erlebe im Hort viele verhaltensauffällige und einige verhaltensgestörte Kinder. Im Alter von drei bis vier Jahren hätte man da viel leichter ansetzen können und anfängliche Entwicklungsverzögerungen/schwierigkeiten leichter pädagogisch behandeln können - mit acht Jahren geht es manchmal nur noch therapeutisch. Dazu muss man die Kinder in der Kita aber genau kennen und sich mit den Eltern gut abstimmen können - wie soll das ohne Beobachtung und Dokumentation funktionieren?

Zweite Frage: Welche Zertifikate sind sinnlos und welche nicht? Bekommt man sowas nicht durch Fort- und Weiterbildungen? Findet ihr Weiterbildungen als Erzieher sinnlos?
Juliala
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Re: Bildungswahn - Wollen wir diese Entwicklung unterstützen

Beitrag von Juliala »

Hallo Tobias,

dass Kinder so spät therapeutisch behandelt wurden/ werden liegt nicht an den Erziehern.
Das liegt an der schlechten kinderärztlichen Ausbildung!
Ich könnte die Hände über den Kopf zusammenschlagen, wenn mir immer mitgeteilt wird, welchen Stuss Kinderärzte erzählen und einfach nicht erkennen wollen, dass das Kind Erntwicklungaauffälligkeiten zeigt.
Ich selber habe diese leidvollen Erfahrungen leider auch privat machen müssen.
Das kostet wertvolle Zeit und ich kämpfe dagegen an, dass Erzieherinnen diese Schuld aufgeladen wird.
Ich bin Erzieherin und keine Diagnostikerin. Dafür sind Ärzte, Psychologen und Therapeuten zuständig, die endlich mal eine vernünftige Ausbildung in diesem Bereich erhalten müssten, denn da gehört die Diagnostik hin.

Und glaubt du im Ernst, dass wir Erzieher vor der Einführung von Beobachtung und Entwicklungstabellen blind durch die Gegend gelaufen sind und nicht feststellen konnten, dass Kinder Probleme in der Entwicklung haben?
Es ist immer wieder das Gleiche katastrophale Spiel. Man erkennt, dass das Kind Hilfe braucht und schickt die Eltern zum Arzt. Dort werden sie von vielen Ärzten nach ein paar Minuten wieder weggeschickt, weil die Ärzte keinen Handlungsbedarf erkennen oder erkennen wollen (Budget?) Das Kind erhält somit keine Hilfen. Und wem glauben die Eltern? Dem Arzt oder der Erzieherin?????
Das ist echt eine Katastrophe!
Oh man, macht mich das wütend und dann kommst du und stellst die Erzieher als Schuldige hin und Entwicklungs- und Beobachtungsbögen als Retter.
Entschuldige, wenn ich jetzt etwas aufgebracht bin. Sei mir nicht böse, aber das musste jetzt mal raus.

Wenn man solche Instrumente zur Verfügung stellt und sie zur Pflicht macht, dann sollte man auch dafür sorgen, dass sie auf einem aktuellen Stand sind und Erzieher eine Ausbildung in Diagnostik erhalten. Wenn man Diagnostiken erstellt, braucht man dafür eine fundierte Ausbildung. Eine Fortbildung reicht auf keinen Fall.
Hast du solch eine fundierte Ausbildung, oder wurde dir das in der Ausbildung mal so nebenbei vermittelt?
Ich habe Ärzte und Therapeuten kennengelernt, die die gängigsten Entwicklungstabellen komplett ablehnen, weil sie völlig veraltet sind und somit ein verfälschtes Ergebnis begünstigen.

Solche Entwicklungstabellen sind zudem völlig unzuverlässig.
Mehrere Kollegen kommen zu unterschiedlichen Einschätzungen und Ergebnissen, obwohl es sich um das Gleiche Kind handelt. Das ist keine Seltenheit.
Dass das Kind aber Hilfe benötigt, war allen Kollegen auch ohne Tabellen und Beobachtungen klar.

Ich bin zwar schon viele Jahre im Beruf, bin aber noch nicht alt und antiquiert.
Für mich sind einfach viele Dinge selbstverständlich, die die heutige Pädagogik uns als etwas Neues verkaufen will.
Auch ich finde Bildung wichtig, aber Bildung funktioniert auf unterschiedliche Weise und auf vielen Wegen und nicht jeder Weg, der uns vorgegeben wird, ist richtig.
Ich nehme mir die Freiheit heraus, selbst individuell zu entscheiden, was gut für die Kinder ist.
Ich bin der Meinung, das funktioniert gemeinsam durch Zuwendung und Zeit AM Kind und nicht durch Abwendung, weil ich zeitintensive Tabellen erstellen und Beobachtungen auswerten muss.

Als Berufsanfänger favorisierst du Beobachtungen, Tabellen und Diagnostik.
Vielleicht hätte ich das in deinem Fall auch getan, weil mir einfach die Erfahrung fehlte und solche Tabellen geben dann vielleicht Orientierung und Halt.
Mit den Jahren kommt aber die Erfahrung hinzu.
Das mag jetzt abgehoben klingen, aber nach ein paar Jahren hat man die Kindesentwicklung meist im Blut und es fällt eindeutig auf, wenn Kinder auffällig sind, sich anders verhalten und die Entwicklung verzögert verläuft.
Ich würde sogar behaupten, dass wir Erzieher im Erkennen von Auffälligkeiten besser als manch Kinderärzte sind.

Julia
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Re: Bildungswahn - Wollen wir diese Entwicklung unterstützen

Beitrag von Juliala »

Ich möchte noch etwas ergänzen:
Glaubt hier einer wirklich, dass Kinder eher Hilfen erhalten, wenn sie per Beobachtung und Entwicklungstabellen inspiziert werden?
Wer liest denn im Anschluss solche Tabellen und Auswertungen?
Kein Arzt oder Therapeut wird sich von solch einer Auswertung beeindrucken lassen, oder diese in seine Einschätzung bzw. Diagnostik mit einfließen lassen.
Ich habe mir vor einiger Zeit mal mit dem Einverständnis der Eltern die Mühe gemacht, über die Kinder, die ich zu Ärzten weitergeschickt habe, einen kleinen Bericht zu schreiben. Ich habe echt geglaubt, ich würde etwas Gutes tun. Ein Arzt war darüber völlig erbost und schrieb mir, dass ich IHM die Einschätzung doch bitte überlassen solle. Peng, das hat gesessen.

Was machen wir Erzieher mit den Ergebnissen, die wir nach unseren subjektiven Testergebnissen erhalten? Was wollen wir denn "diagnostizieren"?
Auffälligkeiten gehören in kinderärtzliche, neurologische oder kinderpsychiatrische Hände und sollten dort diagnostiziert werden. NICHT im Kindergarten durch Erzieher!
Da müssen Fachleute ran.

Ich als Erzieherin stelle fest, dass das Kind Auffälligkeiten zeigt und verweise die Eltern an Ärzte oder andere Fachleute weiter.
Mich interessiert, ob es hier tatsächlich Erzieherinnen gibt, die ohne Beobachtungen und Entwicklungstabellen Auffälligkeiten nicht erkannt haben.
Manchmal ist es so, dass wir Erzieher Auffälligkeiten bemerken, sie aber nicht in Worte fassen können, weil uns medizinische Hintergrundinformationen und medizinisches Wissen fehlt, wir können somit keinesfalls diagnostizieren, aber wir können definitiv diese Auffälligkeiten erkennen.

Ich als Erzieherin kann dem Kind bestimmte Förderangebote bereitstellen. Das tue ich auch, aber ich bin halt keine Therapeutin und habe auch nicht diesen Anspruch, daher möchte ich auch nicht alleine für die Förderung Auffälliger Kinder zuständig sein, aber das passiert immer wieder. DAS ist unprofessionell und schadet dem Kind. Kostbare Zeit geht verloren!
Professionell wäre es, wenn Fachleute und Erzieher gemeinsam einen Förderplan erarbeiten würden.
Doch das geschieht definitiv IM IDEALFALL nur bei den Integrationskindern, d.h. selbst bei Integrationskindern wird oftmals nicht zusammengearbeitet.
Und genau das müssen wir bemängeln.

Diese Tabellen und Beobachtungen geben doch nur etwas zum Schein vor. Sie sollen Professionalität vorgaukeln, die gar nicht vorhanden ist, weil wir für diese Bereiche gar nicht genügend ausgebildet wurden bzw. werden und weil viele Einrichtungen mit veralteten Tabellen arbeiten.

Diese Zustände sind gelinde gesagt ZUM MÄUSE MELKEN!

Julia
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Re: Bildungswahn - Wollen wir diese Entwicklung unterstützen

Beitrag von Tobias84 »

Hallo Julia,

Vielen Dank für deine ausführlichen Antworten. Das hilft mir wirklich viel mehr weiter als einfach nur der Satz, dass diese Entwicklungsdokumentationen doof sind. Vielleicht war ich etwas zu naiv, ich habe wirklich angenommen, dass solche Dokumentationen auch in der therapeutischen Arbeit berücksichtigt werden. Psychotherapeuten haben natürlich eine sehr viel höhere Kompetenz in der Diagnostik als Erzieher, aber dafür kennen die Erzieher (und natürlich die Eltern) die Kinder viel besser und eine Langzeitbeobachtung kann eine halbstündige Diagnose daher idealerweise sehr gut ergänzen. Es ist schade und unverständlich, wenn sowas (fast) nie passiert.

Ansonsten sind wir glaube ich im selben Boot. Natürlich können Erzieher keine psychologische Diagnose geben. Pädagogische Diagnostik besteht lediglich darin festzustellen, dass es Entwicklungsauffälligkeiten gibt, die tieferliegende Ursache und eine angemessene Behandlung muss vom Spezialisten kommen. Auch da sollte ein Austausch stattfinden, ergänzende (nicht alleinige) Arbeit kann man ja auch als Erzieher machen, zumal man das Kind ja auch täglich in der Einrichtung hat, wenn es in therapeutischer Behandlung ist.

Was kann man denn als Erzieher tun? Ich glaube, wir können leichte Probleme beheben, damit sie später keine schwierigen werden. Ein Kind mit sehr wenig Selbstvertrauen kann von uns viel Wertschätzung und mit etwas Anleitung einige Erfolgserlebnisse bekommen und dann lassen sich vielleicht spätere Minderwertigkeitskomplexe vermeiden. Oder wenn ein Kind öfter mal wütend wird und es zuhause dafür sehr hart gemaßregelt wird, kann man einen Weg finden, die Wut des Kindes zuzulassen und dem Kind Wege zeigen, so dass es dabei nicht mit Ausdrücken und Handgreiflichkeiten um sich wirft - damit erspart man dem Kind vermutlich einige Probleme durch unterdrückte Gefühle.

Das geht sicherlich auch ohne Beobachtungsdokumentationen, aber es ist doch objektiver als allein durch Intuition und für andere Kollegen und Eltern leichter nachvollziehbar.

Warum Fachschulen auf einem veralteten wissenschaftlichen Stand sind, kann ich nicht sagen. Aber aus dem was du geschrieben hast könnte man schlussfolgern, dass eine Akademisierung des Berufes gar keine so schlechte Idee ist.

LG Tobias
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Re: Bildungswahn - Wollen wir diese Entwicklung unterstützen

Beitrag von amaria »

Hallo Tobias,

keine engagierte Erzieherin kann etwas gegen Beobachtungen oder Dokumentationen, sofern sie denn wichtig sind, haben. Da in Westdeutschland die frühe Betreuung der Kinder über Jahrzehnte nicht üblich war und nach der Wende in den westlichen Bundesländern noch weitgehend Konsens bestand, dass man für Kinder keine Betreuungsverhältnisse haben wollte wie sie in der DDR üblich waren, müsste wohl der Hype um die frühkindliche Bildung entfacht werden. Wo gab es je Demonstrationen von Eltern, die eine frühere Betreuung ihrer Kleinkinder gefordert hätten? Die Anspruchshaltung, die es in den östlichen Bundesländern aufgrund der anderer Sozialisationsbedingungen in der Kindheit gab, wurde in den westlichen Bundesländern dann durch den Rechtsanspruch ausgelöst, nachdem es zuvor schon Veränderungen gab, die die wirtschaftliche Situation der Familien betrafen. Das Betreuungsgeld wurde systematisch mies gemacht und die Schaffung von Betreuungsplätzen, egal wie mangelhaft die Bedingungen waren, wurde von der Presse bejubelt. Und nun glauben die Eltern, die es partout glauben wollen, in den modernen Krippen und Kitas würden Kinder trotz Personalmangels besser betreut und vor allem gebildet. Die Angst, ihr Kind könne durch einen späteren Kindergartenbesuch Nachteile haben und einen schlechteren Start in der Schule, beherrscht überängstliche Eltern. Das ist so schade, denn Eltern verdienen Anerkennung für das, was sie ihren Kindern mitgeben können, indem sie sich liebevoll um sie kümmern und sie an einem Familienalltag regelmäßig zu den Zeiten teilnehmen lassen, an denen die Kinder noch wach und nicht überdreht von der Kita und quengelig sind.

Wäre es nicht besser, weniger Versprechungen in die Welt hinauszuposaunen und tolle Konzepte von externen Beratern schreiben zu lassen, die in Krippen und Kitas mangels Personal gar nicht wie versprochen umgesetzt werden können?

Julias Erklärungen kann ich bestätigen. Von befreundeten Grundschullehrerinnen habe ich erfahren, dass sie sich selbst unvoreingenommen ein Bild von jedem Kind machen wollen und deshalb meist keine Dokumentationen lesen. Sie haben mir anvertraut, wie sie gemeinsam mit Erzieherinnen die Ergebnisse des zum Glück abgeschafften verpflichtenden Sprachteste Delfin 4 manipuliert haben. Meist richtete man sich nach den Wünschen von Erzieherinnen. So manches Migrantenkind kam so doch noch zur Sprachförderung und trotzigen Kindern, die beim Test konsequent geschwiegen haben, im Alltag aber redegewandt waren, blieb eine für sie überflüssige Sprachförderung erspart.

Wenn wir nur wollten, könnten wir jede Menge Beispiele anführen, wie Weisungen von oben missachtet werden - und zwar aus vernünftigen Gründen und bestimmt nicht zum Schaden der Kinder.
Leider trauen sich zu wenige, Tacheles zu reden. Insbesondere konkrete Schilderungen könnten erkannt werden und den Betreffenden Nachteile bescheren. Davor haben viele Angst. Leider.

Auch wenn Erzieherinnen die diversen Fehlentwicklungen, die unter dem hoch gelobten Bildungsanspruch einfach stattfinden, nicht unterstützen wollen, tun sie es tatsächlich doch. Sie lassen zu, dass andere ihre Geschäfte mit der Bildung machen und wenn irgendwo Geld lockt, um der Unterfinanzierung der Einrichungen etwas entgegenzusetzen, lässt man sich auf Sponsoren ein, die sich einen guten Ruf kaufen wollen.

Um noch mal auf den grotesk-komischen Sprachtest Delfin 4 zurückzukommen. Dieser Test löste bei zahlreichen Erzieherinnen Augenrollen und Stöhnen aus. Viele fanden ihn screcklich und haben ihn nicht ernst genommen. Verweigert aber wurde er in erster Linie nicht von Erzieherinnen sondern von Kindern. (Und nicht selten waren Eltern und sogar Erzieher stolz auf die Testverweigerer.) Habe ich aber Erzieherinnen die Frage gestellt, warum sie den test den überhaupt mitmachen, wenn sie ihn so schlecht finden, kam sogleich die Verteidugung für ihr Mitmachen. "Der Test hat aber den Vorteil, dass Eltern ihn ernster nehmen, als wenn wir als Erzieherin sagen, dass ein Kind Sprachförderung braucht." - "Durch den Test werden wir ernster genommen."

Dass Erzieherinnen aufgrund der Durchführung von Test und durch den Erhalt von Zertifikaten ernster genommen würden, halte ich für einen Trugschluss. Auch wenn manche es nicht gern zum wiederholten Mal lesen: Gebt doch einfach scharenweise die Zertifikate zurück. Ein Dominoeffekt müsste einsetzen.

Freundliche Grüße

amaria
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