Bildungswahn - Wollen wir diese Entwicklung unterstützen?

Juliala
Schriftsteller
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Re: Bildungswahn - Wollen wir diese Entwicklung unterstützen

Beitrag von Juliala »

Hallo Tobias,

diese Sprachstandserhebungen, die amaria angesprochen hat, sind wirklich für die Katz.
Die laute Kritik will man "oben" aber nicht hören. Lieber brüstet man sich weiter mit scheinbar guter Qualität und ignoriert die Bedenken.

Meiner Erfahrung nach hat ein schlechtes Testergebnis noch nie dazu geführt, dass ein Kind z.B. Logopädie erhalten hat. Das Gegenteil ist der Fall. Ärzte interessieren sich in der Regel nicht für die Ergebnisse dieser Tests. Die machen sich ihr eigenes Bild und haben eigene Kriterien.

Ein schlechtes Testergebnis hat zur Folge, dass das Kind regelmäßig Sprachförderung im Kindergarten erhält und zum Kindergartenbesuch verpflichtet wird. Das hört sich erst einmal gut an.
Die Erzieher aber haben wiederum nur eine unzureichende Ausbildung in diesem Bereich, außer vielleicht ein paar Weiterbildungen und Zertifikate, aber das alleine macht nun wirklich keine professionelle Sprachförderung aus.
Darüber hinaus sagt eine Sprachstandserhebung NICHTS über die Art der Sprachstörung aus.

Man muss doch herausfinden, woher die Sprachstörung kommt und was sie verursacht. Dafür ist eine vernünftige Diagnostik notwendig, aber die erhält das Kind leider nicht automatisch und so werkelt die Erzieherin mit einer rudimentären Ausbildung in Sprachförderung am Kind herum, ohne die wirklichen Ursachen der Sprachstörung zu (er-)kennen. Bei Kindern mit Migrationshintergrund mag die Ursache vielleicht noch einfach zu erkennen sein, aber auch in diesem Fall können die Ursachen für eine Sprachstörung noch viel tiefer liegen z.B. eine doppelte Halbsprachigkeit, die mal nicht eben mit einer Sprachförderung in der Kita zu beheben ist.
Wertvolle Zeit geht verloren und Professionalität wird vorgekaukelt.

Andererseits erhalten Kinder Sprachförderung, die sie gar nicht benötigen, weil diese Tests einfach am Kind vorbeitesten. Du kannst viel Kritisches im Netz über die Sprachstandserhebungen lesen.

Ich nehme an, dass solche kritischen Diskussionen in der Regel an den Fachschulen nicht geführt werden, oder?

Julia
Erziehung: einen Kopf drehen, bis er verdreht ist - natürlich auf den neuesten Stand.“
―Karlheinz Deschner
Tobias84
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Re: Bildungswahn - Wollen wir diese Entwicklung unterstützen

Beitrag von Tobias84 »

Welche Zertifikate sind denn nun sinnlos und welche nicht? In Berlin kann man z.B. seinen Facherzieher für Integration, Sprache, Psychomotorik oder frühkindliche Bildung (=Arbeit mit Kindern unter drei Jahren) machen - mit 140 Unterrichtsstunden Weiterbildung und einer anschließend höheren Gehaltsstufe. Das sind sicherlich keine sinnlosen Zertifikate und ja auch gerade dazu da, die Kompetenzen der Erzieher in Bereichen wie Diagnostik oder Sprachförderung zu erhöhen. Ich vermute mal, dass 20 volle Tage Weiterbildung schon etwas bringen - eine Zertifikat für eine eintägige Fortbildung ist natürlich nicht sonderlich wertvoll, zumindest muss man sich damit nicht schmücken. Klar können Facherzieher keine Therapeuten oder Logopäden ersetzen, aber sie sind hoffentlich auch nicht komplett überfordert mit Kindern, die einen erhöhten Förderbedarf haben.

Allerdings wundert es mich schon, dass Erzieher in einigen Bundesländern fünf Jahre Vollzeit lernen und dann auf die Arbeit mit "schwierigen" Kindern so gut wie gar nicht vorbereitet werden. Was lernen die denn die ganze Zeit?

Amaria, ich teile deine Vorstellung allerdings nicht, dass Kinder immer in einem liebevollen Familienalltag leben, wenn sie nur zuhause bleiben würden. Wenn mir manche Kinder erzählen, dass sie das Wochenende oder jetzt die Ferienzeit hauptsächlich am Fernseher und vor dem Nintendo verbracht haben, bin ich ganz froh, wenn sie lange im Hort sind. Überforderte, desinteressierte oder aggressive Eltern sind genauso Realität wie liebevolle und fürsorgliche Eltern. Und genauso wie einigen Kindern Krippe oder Kita schadet, ist es für andere der einzige Ort, wo sie eine halbwegs normale Kindheit leben können. Ich glaube nicht, dass es ein Betreuungsmodell gibt, dass per se besser ist als alle anderen.
amaria
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Re: Bildungswahn - Wollen wir diese Entwicklung unterstützen

Beitrag von amaria »

Hallo Tobias,

an welcher Stelle habe ich denn gesagt, Kinder würden immer in einem liebevollen Familienalltag leben? Ich bin ganz bestimmt nicht so unrealistisch, so etwas zu glauben, zumal ich im Beruf (wie viele andere auch) schon die Erfahrung gemacht habe, dass es nötig war, Kontakt zum Jugendamt aufzunehmen.
Keine Familie, aber auch kein Kindergarten könnte ohne zu lügen ein Schild vor die Tür stellen, auf dem steht "Bei uns ist alles in Ordnung!" Wir müssen uns im Leben immer wieder mit den eigenen und fremden Unzulänglichkeiten arrangieren und versuchen, das Beste aus einer Situation zu machen. Genau das aber scheinen diese unsäglichen Imagekampagnen für unseren Beruf außer Acht zu lassen. Der Vergleich mit dem Rattenschwanz ist fies, aber vielleicht verstehst du meine Bedenken. Lieber nüchtern und sachlich wahrnehmen, was Erzieher unter den Rahmenbedingungen leisten können und was eben nicht möglich ist. Diese Lobhudeleien wirken doch wie ein Apell an einen Perfektionismus, der weder erstrebenswert noch erreichbar ist. Es wird zugleich aber auch ein gewisser Druck erzeugt, dass alle bitte schön nur Nettigkeiten von sich geben... Und das SCHWEIGEN zu unguten Zuständen ist ein kollektives Problem unserer Berufsgruppe.


Mich interessiert auch, welche Programme bei Erzieherinnen ankommen und welche sie ablehnen. Welche Gründe sprechen für oder gegen ein Förderprogramm?
Zu Programmen, von denen ich abraten würde, kann ich dir später noch Links raussuchen und per PN zuschicken. Ich finde es schade, wenn Erzieherinnen sich auf sie einlassen, obwohl sie in der Praxis jede Menge umändern. Manchmal wird so viel umgeändert, dass vom eigentlichen Programm gar nicht viel übrig bleibt. Wäre es dann nicht ehrlicher, manches Zertifikat zurückzugeben?

Wann ist eine Fortbildung sinnvoll? - Das muss jeder für sich entscheiden. Mir haben sowohl gute Bücher als auch Gespräche mit Berufskolleginnen wesentlich mehr gegeben als der Besuch von Fortbildungen. Allerdings war es früher leider so, dass die guten Fortbildungen früh ausgebucht waren und ich beiTrägern gearbeitet habe, die so wenig Personal hatten, dass man sich nicht auf frühe Buchungen eingelassen hat. Während des Besuchs einer von mir als besonders schlecht empfundenen Fortbildung zur Sexualpädagogik waren die Gespräche mit einer Erzieherin, die in der Pause über ihre Arbeit mit sexuell missbrauchten Kindern sprach, beeindruckend. Insofern war die nach meinem Empfinden schlechteste Fortbildung (Wenig Informationen, aber viel Animation, vom Redestein bis hin zum Grabbelsack) in anderer Hinsicht diejenige, die den intensivsten Eindruck hinterlassen hat.

Freundliche Grüße

amaria
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Wilhelm Busch

"Natürlicher Verstand kann fast jeden Grad von Bildung ersetzen, aber keine Bildung den natürlichen Verstand."
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