Babys in der Kita

amaria
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Babys in der Kita

Beitrag von amaria »

Hallo!

Was in anderen Ländern üblich ist, ist in Deutschland meist die Ausnahme.
In Krefeld werden nur zwei Prozent der unter Einjährigen in einer Kindertagesseinrichtung betreut. Wie sieht es anderswo aus?

Freundliche Grüße

amaria
„Ausdauer wird früher oder später belohnt - meistens aber später.“
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"Natürlicher Verstand kann fast jeden Grad von Bildung ersetzen, aber keine Bildung den natürlichen Verstand."
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amaria
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Re: Babys in der Kita

Beitrag von amaria »

Der Beitrag stammt aus 2007 und die Überschrift lautet: "Kleinstkinder in die Krippe - Psychiater haben keine Bedenken"
http://www.kinderaerzte-im-netz.de/news ... -bedenken/

Es ist gleichwohl davon auszugehen, dass es auch unter den Psychiatern andere Meinungen gibt.

Freundliche Grüße

amaria
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Johanna2

Re: Babys in der Kita

Beitrag von Johanna2 »

Hallo!

Ich vermisse den Gegenthread zu meinem. Dort hat gleich zu Beginn eine Erzieherin die Frage gestellt, was sie denn Positives zur Krippenerziehung schreiben solle. Schade, dass so viele gute und kritische Beiträge in den Moderationsbereich verschoben wurden.

Hier ist nun eine neue Gelegenheit, die frühe Betreuung in einer Krippe oder Kita zu loben.

Ich passe.

Freundliche Grüße

Johanna
Tobias84
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Re: Babys in der Kita

Beitrag von Tobias84 »

Worum soll es denn gehen? Statistiken über die Fremdbetreuung von Kleinstkindern? Psychologische Studien? Persönliche Überzeugungen? Alle drei Fragen sind ziemlich irrelevant für die pädagogische Praxis. Wichtiger wären doch folgende Fragen:

Welches theoretische Wissen benötigt der Pädagoge, um mit Kleinstkindern zu arbeiten? Reicht die Ausbildung dafür? Wenn nicht, wie kann man dieses Wissen erlangen?
Welche praktischen Fähigkeiten benötigt der Pädagoge, um mit Kleinstkindern zu arbeiten? Gibt es Unterschiede im Vergleich zur Arbeit mit größeren Kindern?
Welche Konzeption der Einrichtung ist für die Arbeit mit Kleinstkindern gut/weniger gut geeignet?
Welche Ressourcen können die Arbeit mit Kleinstkindern entscheidend verbessern (Personal, Raumsituation, Aus-/Weiter-/Fortbildungen etc.)?
Zenobia
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Re: Babys in der Kita

Beitrag von Zenobia »

Zunächst ein paar Links zum Thema: http://www.zeitklicks.de/ddr/zeitklicks ... dergarten/

https://www.bundesregierung.de/Content/ ... heute.html

https://books.google.de/books?id=Czq1Zk ... DR&f=false

http://zdfcheck.zdf.de/faktencheck/kinderbetreuung/

Hier in Berlin gibt es sehr viele Einrichtungen, in denen auch U1 Kinder betreut werden.

Wir haben zwei sehr gute/qualifizierte Erzieherinnnen für diese Altersgruppe. Für mich bleibt die Frage offen, welchen Sinn es heute, in unserer ach so aufgeklärten Welt, macht, so kleine, zarte Lebewesen von fremden Menschen betreuen zu lassen? Wozu brauchen Eltern/Erwachsene tatsächlich Kinder, wenn sie diese so früh in fremde Hände/Arme geben?

Ich brauche hierfür keine early excellence Programme oder Kindheitspädagogen. Ich bin für die Abschaffung der U3/U1 Betreuung in öffentlichen Einrichtungen.
amaria
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Re: Babys in der Kita

Beitrag von amaria »

Hallo!

Zenobias Meinung kann ich gut nachvollziehen. Sie scheint gar nicht so selten zu sein. Ein Delmenhorster Institut hat Erzieherinnen befragt:

"Ein erstes Ergebnis: Rund die Hälfte der Erzieherinnen ist der Meinung, dass Kinder im ersten Lebensjahr „nach Hause gehören“. Die andere Hälfte sagt, wo die Kinder betreut werden, sei irrelevant, solange Sicherheit und Geborgenheit garantiert seien."

Die zweite Hälfte hätte vermutlich Schwirigkeiten, zu begründen, wie die Sicherheit und Geborgenheit der Kinder garantiert werden kann. Etliche Fragen oder Beiträge in den Fachforen zeigen, dass es daran hapert, den Kleinsten eine Umgebung zu bieten, in der ihre Grundbedürfnisse verlässlich erfüllt werden.

Nachrichten aus der Schweiz: Eine konservative Politikern sagte vor der Presse, dass in der Frage der Kinderbetreuung ihr Herz ganz weit links schlage.
http://www.blick.ch/news/politik/svp-po ... 48313.html

Freundliche Grüße

amaria
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Tobias84
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Re: Babys in der Kita

Beitrag von Tobias84 »

Persönlich würde ich mein Baby auch nicht im ersten Jahr in die Krippe geben, im Gegenteil, ich würde sogar mehr als die üblichen zwei Vätermonate nehmen wollen. Aber ich schreibe anderen Menschen nicht vor, wie sie zu leben haben. Sollen Selbständige auf Kinder verzichten, weil ein Jahr oder mehr Auszeit ihre Lebensgrundlage zerstören würde? Sollen Alleinerziehende weiter in die Falle tappen, dass sie erst ein paar Jahre aussetzen und dann mit kleinen Kindern nie wieder einen Job finden? Soll die promovierte Ärztin jahrelang zuhause bleiben?

Wer Krippenerzieher ist, muss dies auch vor sich selbst rechtfertigen können, sonst müsste er konsequenterweise alle Eltern seiner betreuenden Kinder als schlechte Eltern ansehen und seine eigene Arbeit per se schlecht finden. Wer Fremdbetreuung an sich doof findet, sollte daher woanders arbeiten.
Juliala
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Re: Babys in der Kita

Beitrag von Juliala »

Tobias84 hat geschrieben: Sollen Selbständige auf Kinder verzichten, weil ein Jahr oder mehr Auszeit ihre Lebensgrundlage zerstören würde? Sollen Alleinerziehende weiter in die Falle tappen, dass sie erst ein paar Jahre aussetzen und dann mit kleinen Kindern nie wieder einen Job finden? Soll die promovierte Ärztin jahrelang zuhause bleiben?
Nein, natürlich nicht, aber wie wäre es, über andere Modelle nachzudenken?
Mir fällt nun spontan keine Wunderlösung ein, aber ich bin überzeugt davon, dass viele kluge Leute eine Lösung finden könnten, die dem Kindswohl gerecht wird, aber irgendwie will man sich in der Politik und Wirtschaft nicht mit dem Wohl des Kindes auseinandersetzen.
Könnte ja Geld kosten.
Erziehung: einen Kopf drehen, bis er verdreht ist - natürlich auf den neuesten Stand.“
―Karlheinz Deschner
Lenina
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Re: Babys in der Kita

Beitrag von Lenina »

Ich lese grad von Renz-Polster Menschenskinderund er hat zu dem thema eine interessante meinung: er sagt, dass es unnatürlich sei bei einer eigentlich kooperativ audfziehenden spezies wie dem menschen, dass kinder das erste oder dke edsten jahre nur von einer person betreut werden, meist xer mutter.
Ein baby sei in der lagd, mehre tiefe verbindungen einzugehen und dass dies auch wichtig sei.
Er plädiert also für eine frühe etreuung durch andere.
Gleichzeitig pra gert er auch unsere erziehungslandschaft an, in der fast nur altershomogene gruppen mit nicht ausrei henden und später zu vielen erwachsenen vorhanden sind. Er ruff zu einem umdenke in unserem so reichen land auf.
Er erinnert an das "dorf". An eine lebenssituation, in der wie i der früheren grossfamilie ältere kindef und erwachsene jeden alters dem kind zur erfügung stehen.
Erstebestrebungen wie z.b. generationenhäused, in denen familien, alleinstehende, paare, alte und hilfsbedürftige zusammen wohnen und jeder so viel einbringt in die gemeins haft, wie er kann, hebt er positiv hervor.
Sorry für knappe Antworten, tablet und Baby machen das Schreiben nichg leicht :kappe:
amaria
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Re: Babys in der Kita

Beitrag von amaria »

Tobias84 hat geschrieben:Sollen Selbständige auf Kinder verzichten, weil ein Jahr oder mehr Auszeit ihre Lebensgrundlage zerstören würde? Sollen Alleinerziehende weiter in die Falle tappen, dass sie erst ein paar Jahre aussetzen und dann mit kleinen Kindern nie wieder einen Job finden? Soll die promovierte Ärztin jahrelang zuhause bleiben?
Hallo Tobias,

fühlst du dich mehr für das Wohl der Eltern oder für das Wohl der Kinder verantwortlich?

Es ist nicht so, dass diejenigen, die eine bestimmte Haltung haben und auf eine bestimmte Weise argumentieren, Eltern mehrheitlich etwas vorschreiben wollten. Erzieherinnen sind absolut vorrangig für das Wohlbefinden und eine gedeihliche Entwicklung der Kinder verantwortlich. Ein Kind kann unter der Krippe leiden, auch wenn seine Eltern ein Haus abbezahlen müssen. Robustere Kinder mögen eine frühe Betreuung im Kindergarten verkraften, aber es sind nicht alle Kinder robsut genug, für das, was ihnen zugemutet wird. Auf das Kindeswohl bezogen ist es unerheblich, ob seine Mutter hoch qualifiziert ist und gut verdienen könnte. Ein Baby, dessen Eltern beide ganztags in der Alten- oder Krankenpflege arbeiten, könnte mehr von seinen Eltern haben, wenn diese nach einem anstrengenden Tag nicht erschöpft und ausgelaugt wären, was gerade in etlichen sozialen Berufen der Fall ist.

Ich habe für Selbstständige als fest angestellte Kinderfrau gearbeitet und kann dir angesichts der Anfragen, die ich noch bekomme, versichern, dass es gerade unter den Selbstständigen einige gibt, die ihre Babys auf keinen Fall früh wecken und in eine Einrichtung bringen wollen, in der die Kinder unnatürlich oft krank sind und mit den Gefühlen anderer Kinder, die zum Teil heftig schluchzen, wütend oder tieftraurig sind, zwangsweise konfrontiert werden. Wer heute Geld hat, kann sich eine bessere Kinderbetreuung leisten und es sind die abhängig Beschäftigten, die in erster Linie unter Druck stehen. (Politiker, die besonders engagiert für die Ausweitung der Betreuungskapazitäten sind, mögen sich verpflichtet fühlen, ihre eigenen Kinder auch früh in einer Krippe oder Kita betreuen zu lassen.)
Junge Mütter beispielsweise arbeiten in Teilzeit in penetrant nach Chemie stinkenden Läden, bekommen nicht viel Geld, müssen keine Krippenbeiträge bezahlen und die Arbeitgeber profitieren. Würden mehr Menschen lieber Sozialhilfe nehmen als den nicht minder teuren Krippenplatz - wem würde das schaden? Doch wohl kaum der Mehrzahl aller Kinder, sondern lediglich jenen Kindern, um deren Familien sich ohnehin das Jugendamt kümmern müsste. Und um noch mal auf die ebenfalls mögliche Betreuung von Babys in 24-Stunden-Kitas einzugehen: Eltern entscheiden sich dafür, eine durchgängige Erwerbsbiografie zu haben, aber kurz vor der regulären Altersrente werden sie aufgrund der Arbeitsbelastungen, die die Nachtarbeit mit sich bringt, unter Umständen berufsunfähig... Dann hat sich die Plackerei gar nicht gelohnt und es wäre vielleicht besser gewesen, durch ein Kind zu lernen, wie wichtig es ist, Zeit zu haben.

Es ist irre, wie Menschen sich heute unter Druck setzen lassen und wie erfolgreich die Presse darin ist, fundierte Kritik an Krippen stiefmütterlich zu behandeln.
Kennt jemand das 2007 erschienene umstrittene Buch von Christa Müller "Dein Kind will dich!" https://www.amazon.de/Dein-Kind-will-di ... 386744014X
Obwohl die Linke und Exfrau von Oskar Lafontaine schon vor der Ehe eine erfolgreiche Journalistin war, fand sich offensichtlich kein allgemein bekannter Verlag bereit, das klar geschriebene Buch zu veröffentlichen. Es erschien im sehr konservativen Verlag Sankt Ulrich erschien. Überhaupt wird Kritik an Krippenbetreuung schnell dem rechten Spektrum zugeordnet. Leider.
Frau Müller hatte ursprünglich nach der Geburt ihres Sohnes Karriere machen wollen, aber mit Kind entschied sie sich dann dafür, mehr Zeit für ihre Familie zu haben.

Wenn circa die Hälfte der Erzieherinnen zugibt, dass sie es besser finden, wenn ein Baby zu Hause betreut wird, dann ist es empörend, wie gering die Bereitschaft der Presse ist, den Ursachen für die ablehnende Haltung vieler Erzieherinnen nachzuspüren.

Kommt es anderen eigentlich auch schon mal so vor, als ob Erzieherinnen als Dokumenteusen, die die Krippenbetreuung von Problemen befreit und nett geschönt darstellen, geschätzt werden, nicht aber wenn sie fundiert kritisieren und zugeben, dass es zu Vernachlässigungen in der Pflege, Betreuung und Bildung der Kinder kommt? (In den Elternforen tauchen immer wieder Beiträge auf, in denen Mütter sauer sind, weil ihrem Kind nicht früh genug die Windeln gewechselt wurden.)

Freundliche Grüße

amaria
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Re: Babys in der Kita

Beitrag von amaria »

Hallo Julia,

kennst du das Buch von Esther Vilar? https://www.amazon.de/Die-F%C3%BCnf-Ges ... 3776608943
es könnte dir gefallen.

Freundliche Grüße

amaria
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Tobias84
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Re: Babys in der Kita

Beitrag von Tobias84 »

Hallo Amaria,

Ich glaube, hier werden immer wieder zwei Fragen durcheinander gebracht:

1. Ist U3/U1-Betreuung generell kindeswohlgefährdend?
2. Ist U3/U1-Betreuung bei einer schlechten Qualität der Einrichtung kindeswohlgefährdend?

Ich würde die erste Frage mit Nein und die zweite mit Ja beantworten. Daher bin ich nicht für die Abschaffung der U3-Betreuung und suche nach gesellschaftlichen und politischen Alternativen, sondern finde, dass die Familien maximale Wahlfreiheit haben sollte. Die Qualität der Einrichtung muss natürlich gewährleistet sein, daher meine Fragen zur Qualität in meiner ersten Antwort auf den Thread.

Darüber hinaus bin ich einfach realistisch. Ob ich es nun gut finde oder nicht, dass Kinder 50 Stunden und mehr in Schule und Hort sind, spielt für meine tägliche Arbeit kaum eine Rolle - wichtiger ist, mich zu fragen, wie ich die Kinder, die lange im Hort sind gut betreuen und fördern kann. Den meisten Einfluss habe ich, wenn ich mein eigenes pädagogisches Handeln reflektiere, ein bisschen kann ich auch Rahmenbedingungen wie Raumgestaltung beeinflussen. Strukturelle oder politische Veränderungen werde ich kaum bewirken können, also lege ich meine Energie lieber auf das, was ich beeinflussen kann.
amaria
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Re: Babys in der Kita

Beitrag von amaria »

Hallo Tobias,

meinst du insbesondere ich würde die von dir genannten Fragen durcheinander bringen oder bezieht sich das auf ein allgemeines Phänomen?

Was heißt generell? Der Begriff ist nicht hinreichend klar, da er mehrere Bedeutungen hat.
Für mich ist auch die Betreuung von Babys in Krippen oder Regelgruppen nicht unter allen Umständen mit dem Kindeswohl unvereinbar. Allerdings finde ich, dass Eltern Risiken auf Kosten ihrer Kinder eingehen, wenn sie sich für einen frühen Krippenbesuch ihres Kindes und eine alsbaldige Steigerung der Zeiten, in denen ihr Kind betreut wird, entscheiden.
Da manche Kinder das erste Lebensjahr in der Krippe fast verschlafen können, wenn sie nicht über die volle Zeit betreut werden, erfolgt im zweiten oder dritten Jahr oft eine Erhöhung der Betreuungszeit. Dann sind die Kleinen immer noch sehr auf intensive emotionale Zuwendung angewiesen und ihre Bezugserzieherinnen müssen sich nun verstärkt den neu aufgenommenen Kindern zuwenden. Das ist keine schöne Situation für die "alten Kleinen" und manche verkraften diese Veränderung gar nicht gut. Da kommt es den Interessen der Wirtschaft entgegen, wenn Begriffe wie "Kindergartenreife" oder gar "Krippenreife" zur Bedeutungslosigkeit verdammt sind.

Dass jede Betreuung von Kindern, wenn die Qualität der Einrichtung schlecht ist, dadurch das Kindeswohl gefährden kann, versteht sich von selbst. Das Kind muss keine Qualen leiden, um gefährdet zu sein. Ich finde, dass wir als Erwachsene nicht das Recht haben, so zu planen, dass eine Fähigkeit von Kindern zu einer hohen Resilienz einfach unterstellt wird. Es sind nicht alle Kinder robust. Viele Kinder leiden und da wir uns mit Realismus allein nicht in sie einfühlen können, bin ich für viel behutsamere Pläne, die nicht zwangsläufig arbeitgeber- oder arbeitnehmerfreundlich sein müssen. - Es geht um die ersten Eindrücke, die Kinder von ihren Mitmenschen bekommen. Meinem Empfinden nach sollten Kleinkinder nicht immer wieder sehen, dass Eltern ihre Kleinkinder gegen deren Willen in der Krippe oder Kita zurücklassen. Unsere Berufsgruppe geizt seit Jahren nicht mit dem Begriff "Reizüberflutung" und Entspannungsreisen waren lange Jahre sehr in Mode. Aber der nicht minder wichtige Begriff "Kindergartenreife" ist und scheint tabu zu sein, seit ihm an unseren Erzieherfachschulen und Universitäten keine Bedeutung mehr beigemessen wird.

Ich finde, man hätte niemals den Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz für die Jüngsten schaffen sollen. In Deutschland werden Menschen in Altenheimem nicht gut genug gepflegt, viele Schulen und Kitas sind renovierungsbedürftig. Aber anstatt derart profane Probleme ernst zu nehmen und für Abhilfe zu sorgen, wurden Versprechungen an die Eltern abgelassen, die berufserfahrene Erzieherinnen sich nie hätten ausdenken können.

Wenn wir realistisch sein wollen, sollten wir uns nicht scheuen, Missstände im Betreuungssystem so gründlich zu kritisieren, dass sie endlich ernst genommen werden. Es bringt weder uns noch den Kindern etwas, wenn wir gebetsmühlenartig wiederholen, was Journalisten berichten oder was uns im Rahmen von Studium, Ausbildung oder in Fortbildungen vermittelt wird.

"Wir dürfen Eltern kein schlechtes Gewissen machen" ist so eine Parole, die ich nicht mehr hören mag, denn erstens können wir das gar nicht und zweitens haben Eltern keinen Anspruch darauf, dass wir sie mit Nettigkeiten einlullen.
Es hat sich im Laufe der letzten fünfzehn Jahre nichts daran geändert, dass ich von Erzieherinnen immer wieder den Satzanfang zu hören bekam "Wenn das mein Kind wäre..." Was folgte war meist eine Bemerkung, die zum Ausdruck brachte, dass die Erzieherin das Kind nicht so lange oder so früh in den Kindergarten gebracht hätte. Selbst du würdest ein Baby nicht alsbald in ein "Kinderparadies" bringen.

Es ist schade, dass es Eltern leicht gemacht wird, auszublenden, wie kritisch viele Erzieherinnen die Betreuung der Jüngsten sehen. Wenn die Kinder dann einmal in der Kita sind, sind Arbeitsvertäge unterschrieben und es heißt nur noch "Da muss das Kind dann eben durch."

Freundliche Grüße

amaria
Zuletzt geändert von amaria am Sonntag 18. September 2016, 17:47, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Babys in der Kita

Beitrag von amaria »

Auch wenn Babys schlafen, werden sie ebenso wie Menschen, die operiert werden, noch aufnehmen können, was um sie herum geschieht und wie die Stimmung ist. Es ist ihnen nicht bewusst, was um sie herum geschieht, aber gleichwohl hinterlässt es prägende Eindrücke.
Die Vorstellung, dass Kinder schon als Baby lernen können, dass Eltern ungeachtet der Stimmung ihres Babys von ihrem Kind fortgehen, finde ich schrecklich. Es wird so gern über "Bildung" geredet, aber nicht darüber, was es bedeutet, wenn die Erziehungskultur sich an den Belangen der Wirtschaft ausrichten soll.
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Re: Babys in der Kita

Beitrag von Johanna2 »

Tobias84 hat geschrieben: Sollen Selbständige auf Kinder verzichten, weil ein Jahr oder mehr Auszeit ihre Lebensgrundlage zerstören würde? Sollen Alleinerziehende weiter in die Falle tappen, dass sie erst ein paar Jahre aussetzen und dann mit kleinen Kindern nie wieder einen Job finden? Soll die promovierte Ärztin jahrelang zuhause bleiben?
Nie wieder einen Job finden? Oder meintest du einen schlechter bezahlten Job annehmen müssen? Mir sind Ärztinnen bekannt, die über Jahre eine Praxisvertretung hatten. Die eine wegen ihres Babys, die andere ist lange ins Ausland gereist. Beide haben wieder in ihrem Beruf arbeiten können. Ob die Mutter promoviert hat spielt für ein Kleinkind keine Rolle.
Tobias84 hat geschrieben:Wer Krippenerzieher ist, muss dies auch vor sich selbst rechtfertigen können, sonst müsste er konsequenterweise alle Eltern seiner betreuenden Kinder als schlechte Eltern ansehen und seine eigene Arbeit per se schlecht finden. Wer Fremdbetreuung an sich doof findet, sollte daher woanders arbeiten.
Nicht wenige ErzieherInnen wurden erst in die Krippe (oder auch Container) versetzt, nachdem der rechtliche Anspruch auf einen Krippenplatz bestand. Nahezu jeder Arbeitsvertrag eines Trägers erlaubt es ihm, sein Personal wenn die Umstände es erfordern zu versetzen. Will man woanders arbeiten, ist eine Kündigungsfrist einzuhalten. Und manch eine Erzieherin mag die Kleinen nicht einer weiteren Bezugsperson berauben....
Manch eine stimmt die starke Fluktuation von Erzieherinnen in Krippen nachdenklich.

Johanna
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