Aber wer nimmt die Bedürfnisse der Kinder ernst?

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Janette
Schnuppernase
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Aber wer nimmt die Bedürfnisse der Kinder ernst?

Beitrag von Janette »

Neulich bin ich auf eine neue Einrichtung (privater Träger) gestoßen, die sich mit folgenden Aussagen vorstellt:
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Für Eltern:
„Wir freuen uns, Ihnen mit dem Dussmann KulturKindergarten eine liebevolle Betreuung Ihrer Kinder anbieten zu können. Sie als Eltern und Arbeitnehmer können entspannt Beruf und Familie miteinander vereinbaren. Wir sind bei Bedarf rund um die Uhr für Ihre Kinder da. Und das auch an Wochenenden und Feiertagen.“

Für Unternehmen:

„Das Betreuungsangebot wird exakt auf den Bedarf Ihrer Mitarbeiter zugeschnitten.“
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Wäre es nicht normal und selbstverständlich, dass das Betreuungsangebot exakt auf den Bedarf DER KINDER zugeschnitten ist?????? :c0301:

Mir scheint, dass das einzig Wichtige ist, dass die Kinder möglichst wenig stören, selten ihre Eltern in Anspruch nehmen, damit die Arbeitnehmer bis zum Umfallen arbeiten können, ohne dabei von ihren Kindern irgendwie gestört zu werden. Wenn die Kinder 24 stunden/Tag und 365 Tage im Jahr in der Einrichtung sein können, steht der Karriere und dem hohen betriebswirtschaftlichen Gewinn nichts mehr im Wege.

Aber wer fragt die Kinder? Hat sich jemals in dieser Einrichtung jemand darüber Gedanken gemacht, wie es für ein 3jähriges Kind ist, wenn es mal 24-48 Stunden in der Kita ist? Der Träger beschreibt das so, als ob das eine eindeutig super Errungenschaft wäre… :c0301:
Klingeln bei Eltern nicht die Alarmglocken? Ist das Geld/Karriere wirklich so wichtig? Das einzig Wichtige?

amaria
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Re: Aber wer nimmt die Bedürfnisse der Kinder ernst?

Beitrag von amaria »

Hallo Janette,

noch werden verhältnismäßig wenig Betreuungsplätze von privaten Anbietern zur Verfügung gestellt. Wenn ich mir die Internetauftritte der privaten Anbieter ansehe, kann ich nur hoffen, dass es dabei bleibt, dass die meisten Kitas von den Kommunen oder von den großen Kirchen betrieben werden.
Würden Erzieherinnen sich eher in einer städtischen Kita trauen, die Betreuung eines kranken Kindes zu verweigern oder eher in einer Betriebskita, wenn sie wissen, dass man in der Firma großen Wert darauf legt, dass die Mitarbeiter so wenig wie möglich fehlen? Eltern, die es als Vorteil ansehen, ihr Kind kurz vor ihren Arbeitsbeginn in die Kita bringen und spät wieder abholen zu können. machen sich nicht klar, dass vielleicht aucgh sie irgendwie unter Erwartungsdruck gesetzt werden können. Ja, gewiss wird von Kindern viel erwartet. Sogar, dass sie ihren Schlafrhythmus den Anfordernissen des Erwerbslebens anpassen. Eltern, die niemals ihre Chefs aus dem Schlaf holen würden, wecken frühmorgendlich ihre Kinder. - Besonders "bedürfnisgerecht" ist das nicht.

Freundliche Grüße

amaria
„Ausdauer wird früher oder später belohnt - meistens aber später.“
Wilhelm Busch

"Natürlicher Verstand kann fast jeden Grad von Bildung ersetzen, aber keine Bildung den natürlichen Verstand."
Arthur Schopenhauer

amaria
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Re: Aber wer nimmt die Bedürfnisse der Kinder ernst?

Beitrag von amaria »

Hallo!

Ist es eigentlich respektvoll, ein Kind zum "Babywatching" vor Gruppen vorzuführen? Die Frage klingt polemisch, aber irgendwie lässt mich das "Babywatching" nicht an einen natürlichen Umgang mit einem Baby denken. Das Arrangement mag an eine Zirkusarena erinnern, oder an andere Veranstaltungen, die immerhalb einer Kreismitte stattfinden oder stattfanden.
http://www.khbrisch.de/241-0-Babys+als+ ... showId=241

Erstaunlicherweise stammen viele Ideen zu "Projekten" im pädagogischen Bereich von Männern - und die Frauen setzen sie brav um. Die Frage nach den Bedürfnissen der Kinder kann gar nicht oft genug gestellt werden.

amaria
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Wilhelm Busch

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Arthur Schopenhauer

Juliala
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Re: Aber wer nimmt die Bedürfnisse der Kinder ernst?

Beitrag von Juliala »

Hallo,

ich lehne solche fast schon "Rund-um-die-Uhr-Betreuung" für Kleinkinder komplett ab.
Die Bedürfnisse der Wirtschaft stehen über die Bedürfnisse von Kindern und deren Familien.
Diese neuartigen Kitaketten geben eine Richtung vor, die mir Sorgen bereitet, da das Kindswohl mit den überlangen Öffnungszeiten und der überlangen Trennung völlig übergangen wird.
Arbeitnehmer müssen ständig einsatzbereit sein. Somit hat der Arbeitgeber völlige Verfügbarkeit über seine Arbeitnehmer und deren Familien.
Ich finde diese Entwicklung wirklich gruselig und hoffe, dass sich kaum ein Erzieher für solch eine Einrichtung entscheiden wird.

Julia
Erziehung: einen Kopf drehen, bis er verdreht ist - natürlich auf den neuesten Stand.“
―Karlheinz Deschner

Zenobia
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Re: Aber wer nimmt die Bedürfnisse der Kinder ernst?

Beitrag von Zenobia »

Es müssen sich langfristig mehr Erzieherinnen politisch engagieren. Ich habe mich kurz nach Gründung der Grünen intensiv in die Kleinstadtpolitik eingebracht. Später in einer anderen Partei. Wenn wir den Kindern von heute nicht helfen, wer dann?

Es sind schon wieder dreißig Jahre ins Land gegangen und wenig hat sich für Kinder politisch verbessert.

Kinder wollen nicht gebildet werden, das können sie meistens von alleine. Kinder wollen mit ihren Familien zusammen sein.

Je mehr, je intensiver, desto besser.

Frips Fuchs
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Re: Aber wer nimmt die Bedürfnisse der Kinder ernst?

Beitrag von Frips Fuchs »

moin,
was ist von Familie noch übrig?
Ich übe Kritik an der Inklusion, die bei uns eine Mogelpackung ist und eigentlich Sparklusion heißen sollte.
Eine Schule Für Alle und das im Ganztag ist nur die Fortführung der Aufbewahrung der Kinder zur Humanressource Arbeitskraft!

Wenn der Elementarbreich zur Betreuung wird müssen wir uns nicht wundern, wenn Erziehungspartnerschaft und pädagogoische Fachlichkeit nicht mehr gewünscht werden, sondern nur noch Betreuungszeiten, damit Familie nach wirtschaftlichen Interessen funktioniert.

Armes Deutschland

Ach haben Kinder Bedürfnisse?
ErzieherInnen etwa auch?
:schnief:
Shalom
Frips

Wo kämen wir hin, wenn alle sagten, wo kämen wir hin, und keiner ginge, um zu sehen, wohin wir kämen, wenn wir gingen.

© Kurt Marti

amaria
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Re: Aber wer nimmt die Bedürfnisse der Kinder ernst?

Beitrag von amaria »

Zenobia hat geschrieben: Kinder wollen nicht gebildet werden, das können sie meistens von alleine. Kinder wollen mit ihren Familien zusammen sein.
Dieser Aussage kann ich nur zustimmen!
Hier noch ein älterer Artikel zu Dussmann: http://www.welt.de/wirtschaft/article11 ... Kette.html
Das Unternehmen hat mittlerweile schon seine "Kulturkindergarten-Kette"...
Frips Fuchs hat geschrieben: Ach haben Kinder Bedürfnisse?
ErzieherInnen etwa auch?
:schnief:
Ja. Aber sogar
Vertreter des Deutschen Kinderschutzbundes scheinen die Bedürfnisse von Erwachsenen wichtiger zu nehmen als den angeborenen und wichtigen Bewegungsdrang von Kindern.
http://www.kindergartenkritik.de/nobody-is-perfect/
Mittlerweile wurde derText auf der Webseite der Kita "Die Berghasen" geändert. Das Außengelände von educcare wird nicht mehr erwähnt...
:pfiff: :pfiff: :pfiff:
Ob sie noch einmal in der Woche das Außengelände der benachbarten Einrichtung educcare nutzen können?
Oder nutzen "die Berghasen" stattdessen anderweitig einen Garten? "Des Weiteren steht der Kita ein 13 Ar großer Garten in der Röckenwiesenstrasse zur Verfügung." Einen entsprechenden Hinweis fand ich nur auf der Seite des Kinderschutzbundes, nicht aber auf der Seite der Kita "Die Berghasen".

Können die Stuttgarter etwas sagen? Wie oft nutzen die Kinder das Areal? Seit wann besteht diese Möglichkeit?

Eigentlich müssten Erzieherinnen anfangen, die Kinderschutzverbände zu unterwandern. Sich zu mehreren absprechen, Mitglied werden und Tacheles reden!
Ein Außengelände von 13 ar direkt an der Kita wäre ein Traum, aber wenn KRIPPENKINDER dort hin gebracht werden müssen, kann es eine Zumutung für Kinder und Erzieher sein. Es kommt schließlich oft vor, dass plötzlich ein Kind krank ist und hohes Fieber hat. Oder eines hat die Windel randvoll und müsse geduscht werden...

Freundliche Grüße

amaria
„Ausdauer wird früher oder später belohnt - meistens aber später.“
Wilhelm Busch

"Natürlicher Verstand kann fast jeden Grad von Bildung ersetzen, aber keine Bildung den natürlichen Verstand."
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