Negative Folgen der Fremdbetreuung von Kleinkindern

Johanna2

Negative Folgen der Fremdbetreuung von Kleinkindern

Beitrag von Johanna2 » Donnerstag 12. Juli 2012, 19:07

Hallo!

Ich finde, es wird viel zu wenig von den möglichen negativen Folgen der frühen Fremdbetreuung berichtet. Krippen von hoher Qualität gibt es kaum. Aber dennoch soll der Krippenausbau vorangetrieben werden.

http://kirschsblog.wordpress.com/2011/1 ... ndearzten/

http://suite101.de/article/negative-fol ... rn-a125640

Freundliche Grüße

Johanna

Lenina
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Re: Negative Folgen der Fremdbetreuung von Kleinkindern

Beitrag von Lenina » Donnerstag 12. Juli 2012, 22:37

Sehr interessant, danke Johanna.

Ich bin inzwischen auch mehr und mehr der Meinung, dass wir in der Krippe immer mehr und immer wieder einfach an unsere personellen Grenzen stoßen. Ich kann kein Baby vollkommen betreuen, wenn ich nebenbei noch auf 5 andere Kinder achtgeben muss. Irgendwo sind einfach die Grenzen.

Und wenn Erzieherinnen auch in mancher Karikatur als alleskönnendes Wesen mit 1000 Armen, Augen und Ohren dargestellt wird. Dem ist einfach nicht so.

Den Betreuungsschlüssel, der im ersten Artikel gefordert wird, den hätte ich gerne.
Sorry für knappe Antworten, tablet und Baby machen das Schreiben nichg leicht :kappe:

Johanna2

Re: Negative Folgen der Fremdbetreuung von Kleinkindern

Beitrag von Johanna2 » Freitag 13. Juli 2012, 12:14

Hallo Lenina,

ja, der Personalschlüssel ist wirklich grauenhaft. Und da wo er angeblich besser ist, gibt es oft keine Krankheits-und Urlaubsvertretung.

Das Erzieherinnen häufig als Karikaturen (sogar in Büchern von Fachschulen!) dargestellt werden, wundert mich nicht.

Dafür bieten viele Einrichtungen (in denen Kinder ab acht Wochen aufgenommen werden) Frühenglisch, Psychomotorik, Sprachfördereinheiten und musikalische Früherziehung an. Als ob es für Kleinkinder nichts wichtigeres gäbe!

http://www.psychoanalyse-aktuell.de/kin ... euung.html

Freundliche Grüße

Johanna


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Mehl-Anie
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Re: Negative Folgen der Fremdbetreuung von Kleinkindern

Beitrag von Mehl-Anie » Sonntag 15. Juli 2012, 11:27

Hi,

ich finde nicht, dass die Betreuung von Kleinkindern viele negative Folgen hat, schließlich lernen die Kleinen viel von den größeren und können so gezielter ihre eigene Meinung und ihren eigenen Willen entwickeln.
Ich finde es schlimm, wenn man sich so manche Familie anschaut in der die Kinder nicht selbst bestimmen können und schon mit ca. 1 bis 2 Jahren mit Terminen vollgepummt werden.
Man kann sich super um alle Kinder zu deren Zufriedenheit kümmern. Auch wenn mal ein Kind kurz warten muss lernt es viel bei diesem kurzen aufschub seines Bedürfnisses und lernt auch, dass nach einer kurzen Wartezeit sein Bedürfniss befriedigt wird.
Ich finde Krippen sind in unseren heutigen Gesellschaft eine wunderbare Ergänzung und Hilfe für das Familienleben. Schließlich können die Kinder in der Krippe viele soziale Fähigkeiten schon sehr früh lernen und sind später Sozialkompetenter als Einzelkinder, die immer nur zu Hause waren in den ersten Jahren.

Lg Mehl-Anie
Kleinen Kindern die Welt zu öffnen, damit sie diese erforschen und kennenlernen können ist das BESTE was man in diesem Beruf machen kann^^

Johanna2

Re: Negative Folgen der Fremdbetreuung von Kleinkindern

Beitrag von Johanna2 » Sonntag 15. Juli 2012, 16:03

Hallo!

Mehl-Anie, in vielen Krippen ist der Tagesablauf derartig strukturiert, dass Kindern ihre eigene Meinung und ihr freier Wille nicht viel nützen. Kinder haben überhaupt nicht die Möglichkeit sich z.B. gegen den Stuhlkreis zu entscheiden, da die Erwachsenen ihnen rhetorisch weit überlegen sind. Ich konnte schon öfter lesen, dass sogar Zeitpunkte zum Windelwechsel festgelegt werden.

Du sprichst dich dagegen aus, Kinder mit Terminen vollzupumpen. Auch ich bin der Meinung, dass Kinder kaum Termine brauchen. Dennoch ist bei Kleinkindern die eine Krippe besuchen das Stresshormon Cortisol nachgewiesen worden. Managern mit diesen Werten hätte man dringend dazu geraten kürzerzutreten. Auch der Krippenbesuch ist ein Termin für die Kinder.

Du schreibst, man kann sich super um die Bedürfnisse aller Kinder zu deren Zufriedenheit kümmern. Mich wundert, dass du diese Aussage pauschal und unabhängig vom Betreuungsschlüssel gemacht hast. Säuglinge kennen den Begriff "Wartezeit" überhaupt nicht. Sie merken, dass ihre Bedürfnisse nicht dann befriedigt werden wenn sie es brauchen, sondern sobald sich eine Betreuerin Zeit nimmt. Oft wird Nicht-Schreien als Verständnis seitens der Kinder gewertet, als Verständnis welches sie alterbedingt gar nicht aufbringen können. Resignieren können schon die Kleinsten!

Kinder, auch Einzelkinder, müssen doch trotzdem nicht nur zu Hause sein. Besuche von und bei Freunden, Verwandten oder Großeltern werden die Kinder sicher nicht in der Entfaltung ihrer Sozialkompetenz einschränken. Mehl-Anie, auf welche Quelle stützt du dich bei der Behauptung deines letzten Satzes?

Freundliche Grüße

Johanna

amaria
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Re: Negative Folgen der Fremdbetreuung von Kleinkindern

Beitrag von amaria » Sonntag 15. Juli 2012, 18:06

Hallo!

Da ich als Kind vor der Schule keine Einrichtung besucht habe und privat Kinder als Erzieherin betreut habe, kann ich anhand meiner Beobachtungen nur sagen, dass ich den Bewegungsdrang von Kindern als so ausgeprägt erlebt habe, dass er meiner Meinung nach in Einrichtungen gar nicht wirklich befriedigt werden kann. Natürlich leben auch Eltern zum Teil in beengten Wohnverhältnissen, lassen es aber doch meist zu, dass ihr Kind von einer Seite des Flures zur anderen krabbelt oder nach Belieben um einen Tisch rennt. Sie nehmen Kinder zu vielen Besorgungen mit und begleiten die Entwicklungsschritte ihres Kindes mit einer innigen Freude und einem Stolz, den eine berufserfahrene Erzieherin wohl kaum noch aufbringen kann. (Und wenn sie ihn zeigen würde, würden andere Kinder eifersüchtig werden und auch mehr Beachtung erhalten wollen.) Würde man Kindern Schrittzähler an die Fersen heften (es gibt sie), würde man vermutlich feststellen, dass privat betreute Kleinkinder sich mehr bewegen als Kinder, die die Erzieherinnen programmgemäß am Morgenkreis, am gemeinschaftlichen Frühstück, an Geburtstagsfeiern und "Angeboten" teilnehmen lassen.

Man halte sich nur einmal vor Augen, welche speziellen Möbel und Vorrichtungen es bereits für Kindergärten gibt, die den Bewegungsdrang von Kindern zu manipulieren helfen: Kinderstühle mit einer verschließbaren Schranke, als ob ein Kind nicht vor dem Aussteigen aus einem Stuhlkreis, sondern vor dem gefährlichen Verlassen einer Achterbahn geschützt werden müsse. Oder diese Wannen, an denen Kinder stehend im Gruppenraum im Sand spielen können! Es gibt sie noch nicht überall, aber wenn es "in" ist, sie zu besitzen, werden sie in einem noch höheren Ausmaß als bisher bestellt werden. An Wannen stehende Kinder, die noch nicht so recht laufen können, werden durch den attraktiv erscheinenden Sand dazu animiert, lange am"Feinsandtrog" stehen zu bleiben. - Um wie vieles sinnlicher ist aber für Kinder ein gewöhnlicher Erdhaufen, der von Insekten belebt ist,durch den sie krabbeln und in dem sie graben können und dessen Beschaffenheit sich je nach Wetterlage ändert. Gerade in der Zeit, in der Kinder besonders lernfähig sein sollen, werden sie in Krippen einem - tut mir leid, aber ich sehe es nun mal so - eher stumpfsinnigen Programm ausgesetzt. Hoffentlich könnt ihr meine Erläuterungen als Kritik an einem System verstehen, in dem an den falschen Ecken gespart wird. Ich finde es einfach falsch, dass man Erzieherinnen zu viele Kleinkinder in einem gekünstelten Ambiente betreuen lässt.

Betrachten wir die beliebten Rasierschaumpanscherein, die Kindern augenscheinlich viel Spaß machen. Kinder, die eine für Schadstoffe besonders durchlässige Haut haben, haben lange anhaltenden Kontakt mit einem chemischen Produkt, dass als effektives Reinigungsmittel von Hausfrauen als Alternative zu Teppichschaum eingesetzt wird. Und was lernen Kinder, wenn sie mit ihren Fingern durch den weichen Schaum fahren, ihn mit Spielzeugautos durchfahren, ihn mit alten Kämmen und Bürsten bearbeiten? - Eigentlich wohl nichts,was sie in einer freieren Umgebung nicht aus eigenem Antrieb auch lernen könnten. Schon früh spreizen Kinder ihre Finger und durchfahren mit ihnen Sand, Gras oder andere Naturmaterialien. Herabgefallene Äste werden wie Besen benutzt, der Erfindungsreichtum von Kleinkindern ist enorm und vermutlich ist es für Kinder bereichernder, wenn sie ganz allein eine Entdeckung gemacht haben - und nicht etwas nachgemacht haben, was Erzieherin, Praktikantin oder das fitteste Kind der Gruppe vorgemacht haben.
Auf der Didacta habe ich jedes Mal die neusten Anbauelemente dieser "bespielbaren Trennwände" bestaunt. Auch an ihnen können Kinder sich aufrichten und dabei etwas befühlen, in Bewegung bringen oder durch Handgriffe ein paar Geräuscheffekte bewirken. - Das aber können Kinder daheim auch. Vom Schoß eines Erwachsenen aus (mehr Nähe zu einem vertrauten Menschen) können sie das Licht- an und ausknipsen und dabei ebenso wie Krippenkinder erfahren, dass sie durch Tun etwas bewirken können. Doch im Gegensatz zu Krippenkindern sammeln sie ihre Erfahrungen im Umkreis von Familienmitgliedern und lernen ihre nächsten Angehörigen im Tagesverlauf mit all ihren Launen besser kennen. - Kindergartenkindern hingegen werden Gefühlsgesichter und Gefühlsbolde vorgeführt, was als spielerische Förderung bezeichnet werden mag, aber nüchtern betrachtet durchaus als verschultes Lernen angesehen werden kann. Gezwungenermaßen lernen Kinder in Institutionen mehr Menschen kennen, als sie kennenlernen wollen, wenn es allein nach ihnen ginge und nicht nach den "Sach- und Sparzwängen" der Erwachsenen.

Weder Eltern noch Erzieherinnen können vorab sagen, ob aufgenommene Kleinkinder einen Fortgang einer Erzieherin psychisch gut verkraften. Ist zur Erzieherin eine Bindung aufgebaut worden, hat das Kind einen Verlust zu verarbeiten. Wurde jedoch keine Bindung aufgebaut, wurden kindliche Bedürfnisse nicht angemessen befriedigt, was dann schädliche Folgen für die Psyche haben kann, aber auch für den Körper. Gestresste Kinder werden schneller krank als Kinder die echte Wonneproppen sind.

Logisches Denken muss uns eigentlich sagen, dass der unter dem Engagement Ursula von der Leyens forcierte Ausbau der Betreuungsplätze für unter Dreijährige längst nicht für alle Kinder eine Wohltat sein kann.

Beim morgendlichen Joggen habe ich über Jahre darauf geachtet, wie die Kinder ausgesehen haben, die früh in Einrichtungen gebracht haben. - Solche Bilder hätte man in keiner Broschüre eines Familienministeriums zeigen können! Ein Kontrast dazu dagegen die älteren Kinder, die in meinem Heimatdorf nach dem Aussteigen aus dem Auto meist los stürmen, um in den Kindergarten zu kommen!

Jedes Mal, wenn ich Kleinkinder sehe, die traurig sind, weil sie in die Krippe gehen sollen, halte ich es wie Johanna für möglich, dass ihr Urvertrauen dadurch nachhaltig beeinträchtigt wird und sie vorzeitig lernen, sich abzufinden und zu verstellen.

Freundliche Grüße

amaria
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Mehl-Anie
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Re: Negative Folgen der Fremdbetreuung von Kleinkindern

Beitrag von Mehl-Anie » Sonntag 15. Juli 2012, 21:00

Hi,

Johanna2, der letzte Satz meiner Aussage fundiert aus meiner persönlichen Erfahrung von Kindern die aus der Krippe oder aus dem Elternhaus in einen Kindergarten kommen.
Und ich rede von einem Personalschlüssel von 2-3 Erzieher für 8-10 Kinder im Alter von 1-3 Jahren.
Aber bevor wir uns hier noch weiter verstricken möchte ich doch mal gerne wissen welches Alter ihr als Kleinkindalter bezeichnet.
In meiner Einrichtung gibt es für die Kinder genügend Rückzugsmöglichkeiten und zwar nicht nur die Toilette. Ich weis ja nicht was bei euch für Standarts für Krippen gelten, aber bei uns können sich die Kinder genug bewegen und unseren Morgenkreis machen wir nicht auf Stühlen sitzend sondern auf den Fußboden und die Kinder können in der Zeit endweder zuhören oder sich mit anderen Sachen beschäftigen. Wir versuchen den Morgenkreis für alle Kinder so spannend zu gestalten, dass sie von selbst gerne zuschauen und mitmachen.

Lg Mehl-Anie
Kleinen Kindern die Welt zu öffnen, damit sie diese erforschen und kennenlernen können ist das BESTE was man in diesem Beruf machen kann^^

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Re: Negative Folgen der Fremdbetreuung von Kleinkindern

Beitrag von amaria » Sonntag 15. Juli 2012, 22:05

Hallo Mehl-Anie,

mit Kleinkindern meine ich Kinder, die schon gehen können, aber noch keine Kindergartenkinder sind, also unter-Dreijährige, die nicht mehr auf Milch und Breikost, sowie auf eine ausgiebige Betreuung mit besonders viel Körperkontakt angewiesen sind.

In NRW, aber auch in anderen Bundesländern habe ich mitbekommen, dass Krippenkinder gemeinsam in Kellerräumen oder Nebenräumen die leider nicht unmittelbar am Gruppenraum lagen, ihren Mittagsschlaf halten mussten. Längst nicht überall sieht es so aus, dass Kinder sich zum Schlafen, Ruhen oder einfach nur so zum Alleinsein in einen Nebenraum zurückziehen können. Ist nämlich nur ein Ruheraum vorhanden, besteht Anlass zur Befürchtung, dass wache Kinder ein bereits schlafendes stören.
Auch sind längst nicht alle Einrichtungen nach dem neusten Stand der Technik gedämmt, was aber nötig wäre, damit Kinder sich nicht schon früh an ein Remmidemmi gewöhnen müssen, was langfristig ihren Ohren nicht gut tut. Die berüchtigten 80 - 85 Dezibel sollen nämlich auch in Krippen immer wieder erreicht werden!

Leider haben sich viele Erzieherinnen schon bald nach dem Berufsbeginn an die phasenweise stark ansteigende Geräuschkulisse gewöhnt. Wenn sie sie selbst jedoch als hinnehmbar ansehen, fehlt oft die Fähigkeit, zu erkennen, dass Kinder still unter dem Lärm leiden und ihm hilflos ausgesetzt sind. Erstaunlicherweise reagieren viele ältere Erzieherinnen wieder empfindlicher auf Kinderlärm. - Tinnitus ist unter älteren Erzieherinnen gar nicht so selten! - Und obwohl ich nicht davon betroffen bin, kann ich aufgrund eines weit überdurchschnittlich gut funktionierenden Gehörs mit Überzeugung sagen, dass es in Kitas wirklich überwiegend zu laut zugeht und dass privat betreuten Kindern dieser Lärmpegel erspart bleibt. Je größer und überschaubarer die Gruppenräume, umso mehr neigen Kinder dazu, andere Kinder an Lautstärke zu überbieten. Die Umgebung hat einen prägenden Einfluss und der ist in Institutionen nun mal davon bestimmt, dass mehr Kinder einer Altersgruppe in einem Raum betreut werden als in einer Familie, wo zu wenigen älteren und jüngeren Geschwistern allenfalls noch eine überschaubare Anzahl an Nachbarskindern oder Freunden kommen.
Der Lärmpegel in Krippen und Kitas ist meiner Meinung nach dafür verantwortlich, dass Kinder sich nicht so gut konzentrieren können, wie dies der Fall wäre, würde man sie in einer ruhigeren Umgebung weitgehend ungestört spielen lassen. Auch denke ich, dass die Fähigkeit zur Empathie bei Kindern langfristig abstumpfen muss, wenn sie immer wieder miterleben müssen, wie oft Kinder in der Krippe weinen, weil ein Elternteil gegangen ist. Sowohl die laute als auch die stumme Verzweiflung prägt die Atmosphäre und Kinder wollen nicht jedes Spiel unterbrechen, um ein anderes Kind zu trösten.
Es kommt übrigens oft genug vor, dass sich Kinder darüber beklagen, dass andere Kinder ihnen zu oft weinen.
Kein normales Kind kann bei jedem Weinen noch Mitgefühl empfinden. Bei Geschwistern ist dies aber sehr oft der Fall. Trotz vorhandener Eifersucht reagieren sie empört, wenn ihre Mutter nicht schleunigst zum weinenden Säugling geht.

Ist eigentlich außer mir noch jemandem aufgefallen, dass viele Erzieherinnen die Krippenbetreuung mit zunehmender Verweildauer im Beruf, vor allem aber nach der Geburt eigener Kinder auf einmal kritischer sehen, als in den ersten Jahren ihrer Berufstätigkeit?

Mehl-Anie, welche Gedanken hast du dir zur Erhöhung des Cortisol-Spiegels bei Krippenkindern gemacht? Wenn dieser auch unter scheinbar optimalen Bedingungen steigt, kann die Betreuung doch gar nicht optimal für die betroffenen Kinder sein! - Ich mag deren Situation nicht direkt mit der Prüfungsangst von Schülern und Studenten vergleichen, da ich Kleinkinder als schutzbedürftiger und schutzwürdiger erlebe. Doch wenn man sich vor Augen hält, dass Prüfungen für die meisten Menschen ziemlich unangenehm sind, auch wenn sie nach außen hin souverän wirken, so wird schnell klar, dass man selbst nicht regelmäßig unter Prüfungsstress stehen möchte.

Nicht vergessen möchte ich bei der Nennung negativer Folgen der Fremdbetreuung, dass Kindern in Krippen erheblich mehr Antibiotika gegeben werden, als Kleinkindern, die daheim betreut werden und immer wieder lediglich für kürzere und weniger stressende Zeit Kontakte zu anderen Kindern haben.
Bei den daheim betreuten Kindern entfällt auch das leidige Problem, dass sie angeschlagen oder sogar richtig krank in die Gruppe gebracht werden.

amaria
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Johanna2

Re: Negative Folgen der Fremdbetreuung von Kleinkindern

Beitrag von Johanna2 » Sonntag 15. Juli 2012, 22:53

Hallo!

Mehl-Anie, deine Aussage, dass man sich super um alle Kinder zu deren Zufriedenheit kümmern kann war pauschal.
Das du von einem Personalschlüssel von zwei bis drei Erziehern für acht bis zehn Kinder im Alter von einem bis drei Jahren ausgehst hast du erst in deinem letzten Beitrag ergänzt.
Deinem Profil habe ich entnommen, dass du aus Schleswig-Holstein kommst. Da darfst du dich mit eurem Personalschlüssel schon glücklich schätzen, da der gesetzlich vorgeschriebene schlechter ist. Soviel ich weiß (Recherche folgt) müssen Krippen auch Kinder aufnehmen die jünger als ein Jahr alt sind.

Freundliche Grüße

Johanna

Lenina
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Re: Negative Folgen der Fremdbetreuung von Kleinkindern

Beitrag von Lenina » Montag 16. Juli 2012, 00:20

Amaria, du schreibst, dass Erzieherinnen im Laufe der Jahre die Krippen kritischer sehen - ich tu es jetzt schon.
Auch wenn ich nun in einer ziemlich guten Krippe arbeite (so denke ich), möchte ich mein Kind nicht dort hin geben. Einfach weil ich weiß, dass Kindern auch dort, wo es gut läuft, Situationen begegnen, die man sich nicht wünscht.

Solange der Erzieher - KInd Schlüssel gut ist, solange geht es meist auch den Kindern ganz gut. Wenn man Zeit hat für jedes Kind, wenn man in Ruhe wickeln kann, wenn man den Kindern Zeit geben kann, sich mit allem, was ihnen über den Weg läuft auseinander zu setzen, wenn man nicht gestresst ist und laut wird, wenn es genügend Platz im Raum gibt, wenn man mal mit einem Kind rausgehen oder sich zurück ziehen kann. Wenn dafür einfach Zeit und Personal ist, dann kann das Ganze klappen.

Aber wie oft und wo überall kommt es so vor?

3 Erzieher für 8-10 Kinder von 1-3 Jahren sehe ich inzwischen als Minimum. Und zwar IMMER, nicht bloß auf dem Papier. Auch in Krankheitszeiten und beim Urlaub.

Und hat man dann noch 1-2 Babies in der Gruppe müsste es für diese noch jemanden extra geben.

Ich denke, was den Empathie-Faktor angeht, ist es zweischneidig. Denn einerseits erlebe ich im Moment sehr, sehr oft, dass die Kinder vor allem von den anderen getröstet werden (also nicht, dass wir es nicht machen würden, aber wenn es "nichts Schlimmes" ist, dann freue ich mich, wenn die Kinder es erkennen und diese Rolle übernehmen, halte mich also beobachtend im Mittelpunkt und "lobe" das tröstende Kinder später mit Worten wie: Du hast XY aber schön getröstet, er war ganz schön traurig vorher, oder?).
Aber dann wiederrum gibt es Situationen bei denen die Kinder, die schon länger da sind, ein weinendes Kind nicht mehr beachten. Gerade, wenn neue Kinder kommen, reagieren diese häufiger auf ein weinendes Kind. Aber ich bemühe mich, diese Aussagen immer wahr und ernst zu nehmen, in dem ich zuhöre und auch benenne, was der Grund sein könnte. Z.B. Ja, xy ist hingefallen, das hat ihm weh getan. Magst du ihn trösten?

Ich glaube, wenn wir Erzieherinnen durchweg die Bedürfnisse der KInder wahr und ernst nehmen, dann haben die KInder eine gute Chance viele positive Sachen mitzunehmen.
Und wenn die Eltern sie so früh es die Arbeit erlaubt nachmittags wieder abholen.

Aber icn denke inzwischena uch, dass die ausbildungsinhalte überholt sind.
All diese DInge, die "ganz nett" sind, die könnte man sich sparen und sich wirlklich mal auf das Wesentliche konzentrieren.
Wie läuft die Entwicklung?
Was braucht ein Kind in welchem Alter ganz besonders und wie kann ich es ihm geben?
Welche Vorgänge gibt es im Körper (hier das Beispiel mit dem Cortisol)?
Welche Rolle spielt die Erzieher-Kind-Bindung?

und vieles mehr.

Ich will eigentlich grad noch so viel schreiben, aber es will sich grad nicht in Worte fassen lassen.

Aber was ich zum Schluss noch wichtig finde: Die Motivation jeder einzelnen, sich auf die Stunden mit den Kindern wirklich einlassen zu können und sie nicht nur abzusitzen. Und die Fähigkeiten der Leitung und des Trägers, diese Motivation einzuforden und zu ermöglichen durch entsprechende Rahmenbedingungen!
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Re: Negative Folgen der Fremdbetreuung von Kleinkindern

Beitrag von Frips Fuchs » Montag 16. Juli 2012, 18:11

Shalom
Frips

Wo kämen wir hin, wenn alle sagten, wo kämen wir hin, und keiner ginge, um zu sehen, wohin wir kämen, wenn wir gingen.

© Kurt Marti

Johanna2

Re: Negative Folgen der Fremdbetreuung von Kleinkindern

Beitrag von Johanna2 » Dienstag 17. Juli 2012, 18:41

Hallo!

Noch ein Link:

http://www.weltwoche.ch/ausgaben/2007-4 ... en-ke.html

Es liest sich immer seltsam wenn es in Berichten heißt, dass Babys auf Betreuungsplätze warten.

Freundliche Grüße

Johanna

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Re: Negative Folgen der Fremdbetreuung von Kleinkindern

Beitrag von amaria » Dienstag 17. Juli 2012, 20:31

Mehr als einmal habe ich von Verwandten oder Dorfbewohnern erzählt bekommen, dass die in der Krippe betreuten Enkel oder Neffen und Nichten schneller etwas wegnehmen oder ein Spielzeug aggressiv verteidigen würden, während die daheim betreuten Kinder alles insgesamt viel ruhiger und gelassener hinnähmen. Einmal wurde ein "nur" familiär betreutes Kind als "etwas lahm" bezeichnet. Dem Spruch folgte aber sogleich ein "aber dat is nicht schlimm, dat jibt sich." Es klang nicht so, als ob in größeren Familien lebende Erwachsene das Verhalten der früh in die Kita gebrachten Kinder als "besseres" Sozialverhalten eingestuft hätten.

In den Medien wird immer wieder behauptet, dass Kinder in Kindergärten mehr lernen würden. Dabei lernen alle Kinder zwischen zwei und drei erheblich besser sprechen und machen auch auf anderen Gebieten Fortschritte. Das ist in den ersten Lebensjahren einfach so. Diese Fortschritte auf die Familienbetreuung oder die tolle Krippe oder Kita zurückzuführen, berücksichtigt vielleicht nicht genügend, welche enorme Energie in Kindern steckt, die sie dazu bringt, immerzu Neues ausprobieren und dazulernen zu wollen.

amaria
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Re: Negative Folgen der Fremdbetreuung von Kleinkindern

Beitrag von Johanna2 » Mittwoch 18. Juli 2012, 12:44

http://www.familie-ist-zukunft.de/seite/?p=2024

Hier noch ein Link zu einem Fachartikel.

Johanna

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