Krippenerziehung

Annkathrin007
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Krippenerziehung

Beitrag von Annkathrin007 » Samstag 6. April 2013, 17:06

Ein sehr guter und wissenschaftlich fundierter Artikel.
FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG
MITTWOCH, 4. APRIL 2012
·
NR. 81
·
SEITE 7

Die Gegenwart
Geht es nach der Bundesfamili-
enministerin Kristina Schröder (CDU), dann wird es im
kommenden Jahr in Deutsch-land 750 000 Betreuungsplät-ze für Kinder unter drei Jahren geben, diemeisten davon in Krippen. Dieses Ziel der
Familienpolitik ist ehrgeizig: Bezogen auf
drei Geburtsjahrgänge, entspräche die
Vorgabe der Bundesregierung einer außer-
familiären Betreuungsquote von 47 Pro-
zent. Verteilte man Plätze nur auf Ein-und Zweijährige, dann betrüge die Quote
annähernd 70 Prozent.
Soll das Lebensumfeld der Kleinstkinder derart einschneidend verändert wer-den, ist eine hohe Sensibilität bei der Pla-
nung und der Einführung des nahezu flächendeckenden Angebots an Betreuungs-
möglichkeiten unabdingbar. Doch auchdamit ist es noch nicht getan. Ebenso un-
abdingbar ist es, die gesetzlichen Vorgaben an dem jeweils aktuellen Stand der
psychologischen, medizinischen und anthropologischen Forschung auszurichten.
In dieser Hinsicht sind den politischen Entscheidungsträgern schwerwiegende
Versäumnisse vorzuwerfen.
Im Kreis der Industrienationen istDeutschland, zumindest in den Grenzen
der alten Bundesrepublik, in Bezug auf außerfamiliäre Betreuung eher ein Nachzüg-
ler. Diese Position bietet aber auch dieChance, Fehler zu vermeiden, die andere
gemacht haben. Dazu lohnt es sich, einenlick in das Ausland zu werfen, etwa in
die Vereinigten Staaten und damit in ein Land, das einer der Vorreiter auf dem Feldder außerfamiliären Kinderbetreuung ist.Dort haben die Globalisierung und
eine staatlich tolerierte, zunehmende Ungleichheit der Erwerbseinkommen dazu
geführt, dass aufgrund ökonomischerZwänge der Doppelverdienerhaushalt seit
den achtziger Jahren zur Regel gewordenist. Parallel dazu die Nachfrage nach ei-
nem System umfassender Kinderbetreuung bis herab zum Säuglingsalter. Inzwi-
schen ist „daycare“, die Tagesbetreuungfür Säuglinge und Kinder von null bis vier
Jahren, zusammen mit „preschool“ und„kindergarten“ der Regelfall.
Indes entbrannte in den VereinigtenStaaten gleichfalls in den achtziger Jahren
eine Debatte über die Frage, ob kleine Kinder in diesem grundlegend veränderten
Umfeld nicht womöglich Schaden nähmen. Wissenschaftliche Untersuchungenerbrachten zunächst uneinheitliche Ergebnisse. Für Unruhe sorgte die Längsschnittstudie des Entwicklungspsychologen Thomas Achenbach (Universität Vermont),der nach Untersuchungen an mehr als 3000 Schülern einen deutlichen Rückgangsozioemotionaler Kompetenzen feststellte. Im Vergleich zu den siebziger Jahrenwaren amerikanische Kinder 15 Jahre später verschlossener, mürrischer, unglückli-
cher, ängstlicher, depressiver, aufbrausender, unkonzentrierter, fahriger, aggressi-
ver und wurden häufiger straffällig. Sie zeigten bei 42 Verhaltensindikatoren
schlechtere Ergebnisse, bei keinem Kriterium schnitten sie besser ab.
Um diese auch als „child care wars“ bezeichneten Auseinandersetzungen zu be-
frieden, wurde eine Großstudie ins Augegefasst. Unter der Regie des renommier-
ten National Institute of Child Health andDevelopment (NICHD) entwickelte eine
Gruppe weltweit führender Spezialistenfür frühkindliche Entwicklung Anfang der
neunziger Jahre ein ausgefeiltes Untersuchungsdesign, in dem nahezu alle Fakto-
ren berücksichtigt wurden, die für die kindliche Entwicklung relevant sind. Dar-
aufhin wurden mehr als 1300 Kinder, überwiegend aus weißen Mittelschichtfamili-
en, im Alter von einem Monat in die Studie aufgenommen. Über einen Zeitraum
von fünfzehn Jahren wurden sodann diekognitive Entwicklung und das Verhalten
der Kinder detailliert gemessen. Erhoben wurden überdies der Bildungsstand, der
sozioökonomische Status und der Familienstand der Eltern, dazu verschiedene Di-
mensionen der Eltern-Kind-Interaktionsowie eine Vielzahl an Daten zur außerfa-
miliären Betreuung wie Art der Einrich-tung, Besuchsdauer und Betreuungsquali-
tät. Dieser weltweit einzigartige Datensatz wurde bis heute in mehr als 300 wis-
senschaftlichen Publikationen ausgewertet und steht auch externen Forschern für
eigene Analysen zur Verfügung.
In Deutschland wurden die Ergebnisseder Studie im vergangenen Jahr während
des Kinderärztekongresses in Bielefeld vorgestellt. Wie Jay Belsky, ein Psycholo-
ge aus San Francisco, berichtete, konnte nachgewiesen werden, dass die Eltern-
Kind-Bindung durch außerfamiliäre Betreuung nicht grundsätzlich negativ beein-
flusst wird. Unzweifelhaft ist aber auch,dass sehr frühe und umfangreiche Betreu-
ung von zweifelhafter Qualität mit erheblichen Risiken für das Bindungsmuster zwi-
schen Mutter und Kind einhergeht. Damit
erhöht sich auch das Risiko, später an einer psychischen Störung zu erkranken.
Hohe Betreuungsqualität führte, im Vergleich zu Betreuung geringerer Qualität,
zu etwas besseren kognitiven Leistungenim Vorschulalter. Dieser Unterschied war
auch noch in der Sekundarstufe nachweisbar. Die Dauer außerfamiliärer Betreuung
hatte hingegen keinen signifikanten Einfluss auf die schulischen Leistungen.
!!!Am beunruhigendsten war indes der Befund, dass Krippenbetreuung sich unab-
hängig von sämtlichen anderen Messfaktoren negativ auf die sozioemotionale Kom-
petenz der Kinder auswirkt. Je mehr Zeit kumulativ Kinder in einer Einrichtung ver-
brachten, desto stärker zeigten sie später dissoziales Verhalten wie Streiten, Kämp-
fen, Sachbeschädigungen, Prahlen, Lügen,Schikanieren, Gemeinheiten begehen,
Grausamkeit, Ungehorsam oder häufiges Schreien. Unter den ganztags betreuten
Kindern zeigte ein Viertel im Alter von vier Jahren ein Problemverhalten, das
dem klinischen Risikobereich zugeordnet werden muss. Später konnten bei den in-
zwischen 15 Jahre alten Jugendlichen signifikante Auffälligkeiten festgestellt wer-
den, unter anderem Tabak- und Alkoholkonsum, Rauschgiftgebrauch, Diebstahl
und Vandalismus. Noch ein weiteres, ebenfalls unerwartetes Ergebnis kristallisierte
sich heraus: Die Verhaltensauffälligkeitenwaren weitgehend unabhängig von der
Qualität der Betreuung. Kinder, die sehr gute Einrichtungen besuchten, verhielten
sich fast ebenso auffällig wie Kinder, diein Einrichtungen minderer Qualität be-
treut wurden. Grundsätzlich zeigte sich
aber, dass das Erziehungsverhalten der Eltern einen deutlich stärkeren Einfluss auf
die Entwicklung ausübt als die Betreuungseinrichtungen.
Die Autoren der NICHD-Studie leitetenaus diesen Ergebnissen zahlreiche Emp-
fehlungen ab. Kurz gefasst lauten diese:Die Qualität der Betreuung müsse gestei-
gert werden, die Dauer der Betreuung sei
zu reduzieren, während die Eltern in ih-rem Erziehungsauftrag gestärkt werden
müssten. In den Vereinigten Staaten hat
man sich allenfalls des ersten Punktes an-
genommen. In Deutschland wiederum
sind die Politiker auf dem besten Weg, die
erste und dritte Empfehlung nicht ernst
zu nehmen und die zweite Empfehlung –
die Verringerung der Betreuungsdauer –
in ihr Gegenteil zu verkehren.
Warum dieses Vorgehen mehr als be-
denklich ist, zeigen wissenschaftliche Da-
ten, die in den vergangenen zehn Jahren
erhoben wurden. Sie belegen, dass es sich
bei den Verhaltensauffälligkeiten, die in
der NICHD-Studie registriert wurden, nur
um die sprichwörtliche Spitze des Eis-
bergs handelt.
Dank einer neuen Technik konnten
Wissenschaftler in den Vereinigten Staa-
ten Ende der neunziger Jahre bei Klein-
kindern in ganztägiger Betreuung in zwei
Daycare Centers erstmals das Tagesprofil
des wichtigsten Stresshormons Cortisol
bestimmen. Entgegen dem normalen Ver-
lauf an Tagen im Kreis der Familie – ho-
her Wert am Morgen und kontinuierli-
cher Abfall zum Abend hin – stieg die Aus-
schüttung des Stresshormons während
der ganztägigen Betreuung im Verlauf
des Tages an – ein untrügliches Anzei-
chen einer erheblichen und chronischen
Stressbelastung. In der ersten Einrich-
tung, deren Betreuungsqualität als geho-
ben gelten konnte, zeigten fast alle Kin-
der diesen auffälligen Verlauf. In der zwei-
ten Einrichtung mit sehr hoher Betreu-
ungsqualität standen am Abend immer-
hin noch fast drei Viertel der Kinder un-
ter abnormem Stress. Eine Metaanalyse
einer niederländischen Wissenschaftle-
rin, die neun ähnliche Folgestudien aus-
wertete, hat diese Ergebnisse bestätigt.
Somit muss als gesichert gelten, dass be-
sorgniserregende Veränderungen des Cor-
tisolprofils vor allem bei außerfamiliärer
Betreuung von Kleinkindern auftreten,
und das selbst bei qualitativ sehr guter Be-
treuung.
Jene Cortisol-Tagesprofile, wie sie bei
Kleinkindern in Kinderkrippen nachge-
wiesen wurden, lassen sich am ehesten
mit den Stressreaktionen von Managern
vergleichen, die im Beruf extremen Anfor-
derungen ausgesetzt sind. Bei Kindern lie-
gen die Hormonwerte weit jenseits der
milden und punktuellen Aktivierungen
des Stresssystems, die als entwicklungsför-
derlich anzusehen sind. Vielmehr muss in
der chronischen Stressbelastung eine Ursa-
che dafür gesehen werden, dass Krippen-
kinder häufiger erkranken. Sie leiden
nicht nur öfter an Infektionen, sondern
auch an Kopfschmerzen oder immunologi-
schen Störungen wie Neurodermitis.
Aus der psychobiologischen Forschung
ist bekannt, dass chronische Stressbelas-
tung ein Kernphänomen bei misshandel-
ten und vernachlässigten Kindern dar-
stellt. Die amer
ikanische Anthropologin
Meredith Small bezeichnete Stress, sexu-
elle Übergriffe und Gewalt daher auch als
als „dunkle Seite der Kindheit“: Die dau-
erhafte Aktivierung des Stresssystems
mündet oft in eine Erschöpfungsreakti-
on: Das Immunsystem geht sozusagen un-
ter dem Stress-Trommelfeuer in die Knie.
Genau dieser Effekt wurde jetzt auch in
Wien in einer Studie über Kinderkrippen
nachgewiesen. Vor allem Kinder im Alter
unter zwei Jahren zeigten nach fünf Mo-
naten qualitativ durchschnittlicher Krip-
penbetreuung stark abgeflachte Cortisol-
Tagesprofile – vergleichbar mit den Wer-
ten, die in den neunziger Jahren bei zwei-
jährigen Kindern in rumänischen Waisen-
häusern gemessen wurden. Diese Befun-
de lassen keinen anderen Schluss zu als
den, dass eine große Zahl von Krippen-
kindern durch die frühe und langdauern-
de Trennung von ihren Eltern und die un-
genügende Bewältigung der Gruppensi-
tuation emotional massiv überfordert ist.
Wie sich diese Überforderung im späte-
ren Leben auswirken kann, lässt sich mitt-
lerweile der NICHD-Studie entnehmen.
Kürzlich wurden die morgendlichen Cor-
tisol-Werte der inzwischen 15 Jahre alten
Studienteilnehmer gemessen. Bei den Pro-
banden, die schon früh ganztags betreut
worden waren, zeigten sich die gleichen
Veränderungen wie bei Kindern, die in
der Familie emotional vernachlässigt
oder misshandelt worden waren. Beson-
ders fällt auf, dass die Effekte in beiden
Gruppen gleich stark waren, dass die Ver-
änderungen unabhängig von der Qualität
der Betreuung auftraten und dass sich die
Stresseffekte von Tagesbetreuung und fa-
miliärer Vernachlässigung addierten. Mit
anderen Worten: Die Krippenbetreuung
wirkte sich weder kompensatorisch noch
schützend aus. Alles in allem steht damit
fest, dass Krippenbetreuung die Stressre-
gulation auch langfristig negativ beein-
flusst. Und: Das in der Öffentlichkeit ver-
breitete Mantra ist falsch, alle Probleme
der Krippenbetreuung ließen sich alleine
mit Qualität lösen.
In den vergangenen Jahren ist in einer
Fülle von Publikationen dargelegt wor-
den, dass und wie chronische Stressbelas-
tungen die Entwicklung des Gehirns be-
einträchtigt, speziell die Zentren für die
Stressregulation und die sozioemotionale
Kompetenz. Nun zählen die beiden ers-
ten Lebensjahre zu den besonders heik-
len Phasen der Entwicklung des Gehirns.
In dieser sensiblen Periode gräbt sich
chronischer Stress sogar in die Gene ein
und führt auf dem Weg sogenannter epi-
genetischer Mechanismen zu dauerhaf-
ten Regulationsstörungen, die sogar an
die folgenden Generationen vererbt wer-
den können. Die Wissenschaft weiß mitt-
lerweile, dass chronische Stressbelastung
durch kindliche Vernachlässigung und
Misshandlung mit einem langfristig deut-
lich erhöhten Risiko verbunden ist, an
schwer behandelbarer Depression zu er-
kranken oder aber Suizid zu begehen. Ne-
ben psychischen Störungen geht mit chro-
nischem Stress auch ein erhöhtes Risiko
für körperliche Krankheiten wie Herz-
Kreislauf-Erkrankungen und Fettsucht
einher, ja sogar für Krebs.
S
äuglinge und Kleinkinder können
Stressbelastungen noch nicht in
Worte fassen. Auch in ihrem Ver-
halten sind Anzeichen für chroni-
schen Stress oft diskret, wenn
nicht fast unmerklich. Jetzt haben die neu-
en Techniken zur Messung von Stress ein
weiteres Fenster zur Seele des Kleinkinds
geöffnet. Derzeit fällt es vielen noch
schwer, das Bild anzunehmen, das diese
neuen, objektiven Messdaten zu erkennen
geben. Aber es führt kein Weg um die Ein-
sicht herum, dass die Mehrheit ganztagsbe-
treuter Krippenkinder, selbst wenn sie in
schönen Räumen mit anregendem Spiel-
zeug von engagierten Erziehern oder Erzie-
herinnen betreut wird, den Tag in ängstli-
cher Anspannung verbringt, dass sich dies
bei einem Teil der Kinder in anhaltenden
Verhaltensauffälligkeiten niederschlägt
und dass mit dieser Form der Betreuung Ri-
siken für die langfristige seelische und kör-
perliche Gesundheit einhergehen.
Die Gesellschaft muss sich also der Tat-
sache stellen, dass sich emotionale Miss-
handlung nicht nur unter familiären oder
institutionellen Deprivationsbedingun-
gen, sondern – unbeabsichtigt – häufig
auch im kognitiv stimulierenden Umfeld
einer Krippe ereignet.
Indes hat sich selbst die Kinder- und Ju-
gendmedizin in Deutschland diesem The-
ma bislang nicht eingehend gestellt. Noch
im Jahr 2008 hieß es in der Monatsschrift
„Kinderheilkunde“, dass es keinen einzi-
gen Artikel gebe, in dem Daten zum The-
ma Krippen und Gesundheit in Deutsch-
land in einer Peer-reviewed-Zeitschrift
publiziert wurde und der somit eine da-
tengestützte Antwort auf die Frage geben
könnte, inwieweit mit der Kinderbetreu-
ung in einer Krippe erhöhte (oder auch
verminderte) gesundheitliche Risiken ver-
bunden sind. Dieser Befund ist umso be-
merkenswerter, als die damalige Bundes-
familienministerin von der Leyen (CDU)
das Ziel ausgab, binnen weniger Jahre
750 000 Kinder in U3-Betreuung zu ha-
ben.
In dieser Situation erfordert das „pri-
mum nil nocere“ – das erste Gebot ärztli-
chen Handelns, keinen Schaden zuzufü-
gen – größere Anstrengungen. Niemand
kann exakt vorhersehen, wie sich ein ein-
zelnes Kind in Betreuung entwickeln
wird. Zu vielfältig sind die Faktoren, die
Einfluss auf die kindliche Entwicklung
nehmen. Wichtig neben den familiären
Lebensumständen ist vor allem die geneti-
sche Ausstattung eines Kindes, denn sie
ist mitursächlich für die Resilienz gegen-
über Belastungssituationen. Fachleute
müssen Eltern und Politikern jedoch an-
gemessene Informationen über statistisch
erfassbare Risiken der U3-Betreuung ge-
ben.
Dieses Risiko liegt für Verhaltensauffäl-
ligkeiten in einem moderaten Bereich.
Hinsichtlich einer chronischen Beein-
trächtigung des emotionalen Wohlbefin-
dens ist das Risiko jedoch stark erhöht.
Nicht zu verschweigen ist ferner ein er-
höhtes Risiko für späte seelische Erkran-
kungen.
Erhöhte Stressbelastung und vermehr-
te Verhaltensauffälligkeiten wurden mitt-
lerweile auch bei ersten systematischen
Untersuchungen zur U3-Betreuung in Ta-
gespflege gefunden. Durch nichts zu bele-
gen ist dagegen die Hoffnung auf Förde-
rung des Sozialverhaltens, die viele El-
tern derzeit den frühen Besuch einer Krip-
pe in Betracht ziehen lässt. Eine signifi-
kante, moderate Förderung der Lernleis-
tungen kann nur bei hoher Betreuungs-
qualität erwartet werden. Diese ist in
deutschen Krippen derzeit nur in Ausnah-
mefällen anzutreffen. Die von der Bertels-
mann-Stiftung mit großem publizisti-
schen Aufwand plakatierte hohe Rate an
Gymnasialanmeldungen nach Krippenbe-
treuung ist daher eher auf höhere Ansprü-
che der Eltern zurückzuführen und nicht
auf einen tatsächlichen Gewinn kogniti-
ver Fähigkeiten.
Anstatt dass die Erziehungsleistung
der Eltern von politischer oder gesell-
schaftlicher Seite schleichend entwertet
wird, muss Müttern und Vätern die Be-
deutung bewusst gemacht werden, die
ihre liebevolle und kontinuierliche Prä-
senz für die gesunde seelische Entwick-
lung ihrer Kinder gerade in deren ersten
Lebensjahren hat. Die herkömmliche Auf-
teilung von familiären Aufgaben kann
durchaus überdacht werden. Während
Mütter durch Geburt und Stillzeit die
Hauptbeziehungsperson der ersten Le-
bensphase sind, sollten Väter darin be-
stärkt und gefördert werden, diese Rolle
häufiger im fortgeschrittenen Kleinkind-
alter zu übernehmen.
Aufgrund der dargelegten Risiken ist
es unumgänglich, dass alle Eltern die Ent-
scheidung über eine mögliche frühe au-
ßerfamiliäre Betreuung frei von ökonomi-
schen Zwängen treffen können. Hierfür
muss der Grundsatz „the money goes
with the child“ (das Geld geht mit dem
Kind) wegweisend werden. Die Wahlfrei-
heit für Eltern könnte über ein Kinder-
Grundeinkommen oder ein Betreuungs-
geld sichergestellt werden, wie es mittler-
weile in allen skandinavischen Ländern
gezahlt wird und deutlich höher ist als die
eher symbolische Summe, die in Deutsch-
land zur Debatte steht. Es wäre dann in
das Ermessen der Eltern gestellt, ob sie
sich ganz der Erziehung der Kinder wid-
men oder Kind und Geld einer außerfami-
liären Betreuungsinstanz anvertrauen
möchten, um selbst einer Erwerbstätig-
keit nachzugehen.
W
issenschaftlich fundierte
und evidenzbasierte Vorbe-
halte gegenüber früher
Krippenbetreuung dürfen
freilich nicht dazu führen,
dass auf die frühe Förderung jener Grup-
pe von Kindern verzichtet wird, die beson-
deren sozialen oder biologischen Entwick-
lungsrisiken ausgesetzt sind. Allerdings
zeigen alle Studien, dass auch diese Kin-
der in ihren ersten Lebensjahren im Rah-
men ihrer Familie und in Anwesenheit ih-
rer primären Bindungspersonen gefördert
werden sollen, etwa durch Familienhe-
bammen, Elterntrainings, heilpädagogi-
sche Frühförderung, sozialpädagogische
Familienhilfe oder auch in gemeinde-
oder stadtteilzentrierten Kleinkind-Spiel-
gruppen. Für alle diese Formen liegen
Wirksamkeitsnachweise vor.
Die deutsche „Krippenoffensive“ geht
wesentlich auf die massive politische und
publizistische Lobbyarbeit von Wirt-
schaftsverbänden zurück, die angesichts
der demographischen Entwicklung versu-
chen, Arbeitskraftreserven auch unter
jungen Eltern zu mobilisieren. So wird
etwa in Publikationen wirtschaftsnaher
Institute versucht, den Begriff „Familien-
freundlichkeit“ wesentlich über das Ange-
bot an Krippenbetreuungsplätzen zu defi-
nieren. Die Bertelsmann-Stiftung, der
operative Arm des größten europäischen
Medienkonzerns, bereitet seit Jahren sys-
tematisch den Boden für eine langfristig
geplante Expansion der Konzernaktivitä-
ten ins lukrative und konjunkturunabhän-
gige Bildungsgeschäft. Dabei wird auch
die Meinungsführerschaft im Sektor früh-
kindliche Bildung angestrebt. Kritische
Stimmen werden marginalisiert, andere
dagegen in eigene „Studien“ eingebun-
den, die die Konzernziele unterstützen.
Auch die Betreuungsbranche macht sich
für die Ausweitung des Krippenangebots
stark, da sie sich von diesem Schritt
Wachstumschancen erwartet, die durch
staatliche Subventionierung abgesichert
sind. Marktchancen winken auch Fachver-
lagen, die sich einen neuen Publikations-
sektor erschließen können. Universitäten
und Fachschulen schließlich hoffen auf
Steuergelder für neue Ausbildungsgänge.
Der Eigendynamik all dieser Entwick-
lungen muss mit besonderer Wachsam-
keit begegnet werden. Auf der Basis der
NICHD-Studie und der neuen Ergebnisse
der Stressforschung wurde daher wäh-
rend des Kinderärztekongresses in Biele-
feld ein Vorschlag zu einer entwicklungs-
medizinisch evidenzbasierten Empfeh-
lung unterbreitet. Erstens: Keine Grup-
pentagesbetreuung von Kindern unter
zwei Jahren. Zweitens: Zwischen dem
zweiten und dritten Geburtstag maximal
halbtägige Betreuung von bis zu zwanzig
Stunden in der Woche. Drittens: Ab dem
dritten Geburtstag je nach individueller
Bereitschaft ganztägige Betreuung mög-
lich. Viertens: Konsequente Orientierung
an hohen Qualitätsstandards in jeglicher
außerfamiliärer Betreuung. Notwendig
sind außerdem wissenschaftliche Begleit-
studien sowie eine laufende Anpassung
von Empfehlungen an den aktuellen
Stand der Forschung. Dabei muss auch
die bisher völlig vernachlässigte Stressbe-
lastung von berufstätigen Eltern kleiner
Kinder und von Krippenerzieherinnen in
den Blick genommen werden.
Chronische Stressbelastung ist im Kin-
desalter die biologische Signatur der Miss-
handlung. Kleinkinder dauerhaftem
Stress auszusetzen, ist unethisch, verstößt
gegen Menschenrecht, macht akut und
chronisch krank. Ein freiheitlicher Staat,
der frühkindliche Betreuung in großem
Umfang fördert, ist verpflichtet nachzu-
weisen, dass Kleinkinder keine chroni-
sche Stressbelastung erleiden. Das staatli-
che Wächteramt gebietet, eine Gefähr-
dung des Kindeswohls gerade in öffentli-
chen Institutionen auszuschließen. Der
Gesetzgeber sollte daher von seinen der-
zeitigen Planungen Abstand nehmen, ein
Recht auf außerfamiliäre Betreuung ab
dem ersten Geburtstag einzuführen.

Der Verfasser ist Kinder- und Jugendarzt mit
Schwerpunkt Neuropädiatrie und Leitender Arzt
des Sozialpädiatrischen Zentrums Bielefeld-Bethel.

Wolfgang Klähn, Deckenentwurf I, 1961, Aquarell, 72 × 90 cm

Kleinkinder dauerhaftem Stress auszusetzen, ist unethisch, verstößt gegen
Menschenrecht, macht akut und chronisch krank.
Dieses Wissen hindert die
Bundesregierung und Wirtschaftsverbände nicht daran, die Erhöhung der Zahl der
außerfamiliären Betreuungsplätze zum Ausweis moderner Familienpolitik zu stilisieren.
Eine Analyse der Risiken und Nebenwirkungen der deutschen Krippenoffensive.
Von Dr. Rainer Böhm
Die dunkle Seite der Kindheit
(Die Ergebnisse überraschen mich übrigens nicht. Sie dürften wohl keinen überraschen, der Herz, Augen und Ohren hat und bereit ist, diese zu öffnen. Herzlichst, Ann. (Mutter und Erzieherin) :kappe:

Nachtrag von Michi: Vielen Dank an Herr Dr. Böhm für die Genehmigung, dass wir seinen Artikel veröffentlichen dürfen. Der Artikel ist nachzulesen im "Fachportal Bildung und Seelische Gesundheit" unter http://www.fachportal-bildung-und-seeli ... Itemid=176

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Re: Krippenerziehung

Beitrag von Basti85 » Samstag 6. April 2013, 17:09

darf man das ganzhe artikel in einem forum posten, mach lieber mal nur den link hier rein, das ist besser, außerdem erschlägt das einen

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Re: Krippenerziehung

Beitrag von Basti85 » Samstag 6. April 2013, 17:10

Geht es nach der Bundesfamili-
enministerin Kristina Schröder (CDU)


gut das die im august nichts mehr zu wollen hat

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Re: Krippenerziehung

Beitrag von Annkathrin007 » Samstag 6. April 2013, 17:19

Einen Link gibt es nicht. Daher der ganze Artikel. Er ist wirklich nicht so schwierig zu lesen.

Annkathrin007
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Re: Krippenerziehung

Beitrag von Annkathrin007 » Samstag 6. April 2013, 17:20

Mich interessiert übrigens nicht, was ich darf oder nicht darf. :zunge:

Basti85
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Re: Krippenerziehung

Beitrag von Basti85 » Samstag 6. April 2013, 17:23

naja das ich den text verstehe wird wohl funktionieren, aber es gibt auch regeln in foren, bezüglich texte verlinken, deswegen frage ich.

alles gut

Basti85
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Re: Krippenerziehung

Beitrag von Basti85 » Samstag 6. April 2013, 17:30

13 seiten das dauert bis ich das gelesen habe, werd es aber machen

Annkathrin007
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Re: Krippenerziehung

Beitrag von Annkathrin007 » Samstag 6. April 2013, 17:34

Das sind doch keine 13 Seiten???? Verstehe ich jetzt wirklich nicht.

Basti85
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Re: Krippenerziehung

Beitrag von Basti85 » Samstag 6. April 2013, 17:36

ja doch
ich hab es mir als word dokument kopiert

Annkathrin007
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Re: Krippenerziehung

Beitrag von Annkathrin007 » Samstag 6. April 2013, 17:38

Ja, super. Die Textlänge ergibt sich wahrscheinlich aus der Gestaltungsform (Spaltenformat).

Gruß, Annkathrin

Basti85
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Re: Krippenerziehung

Beitrag von Basti85 » Samstag 6. April 2013, 17:41

das war auch ein grund warum ich das kopiert habe so kann ich das nicht lesen, aber nun ist alles gut lesbar für mich

michi
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Re: Krippenerziehung

Beitrag von michi » Dienstag 9. April 2013, 15:58

Hallo,
ich habe den ersten Beitrag abgetrennt und erst mal in einen geschützten Bereich gelegt.
So bald ich Feedback von der FAZ habe, ob man das darf oder nicht, melde ich mich noch mal.

Gruß,
Michi

amaria
Stammgast
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Re: Krippenerziehung

Beitrag von amaria » Dienstag 9. April 2013, 18:20

Hallo Michi,

wenn du dich an die FAZ wendest, könntest du bei der Gelegenheit vielleicht darauf aufmerksam machen, dass das Programm Papilio nun auch noch auf Krippenkinder ausgeweitet werden soll. Es wäre sehr nett, wenn ein Journalist der FAZ sich einmal eingehend mit dem Programm "Papilio" beschäftigen würde. Für die Leser der FAZ könnte insbesondere das Engagement der Krankenkassen und der Wohlfahrtsberbände für Freudibold, Heulibold, Zornibold, Bibberbold und das Fräulein Pädagogibold eine Überraschung sein.

Ich überlege, ob ich die Krankenkasse wechseln soll.

Freundliche Grüße

amaria
„Ausdauer wird früher oder später belohnt - meistens aber später.“
Wilhelm Busch

"Natürlicher Verstand kann fast jeden Grad von Bildung ersetzen, aber keine Bildung den natürlichen Verstand."
Arthur Schopenhauer

michi
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Re: Krippenerziehung Original

Beitrag von michi » Donnerstag 18. April 2013, 09:04

Hallo,
da ich jetzt die offizielle Genehmigung von Herr Dr. Böhm bekommen habe, ist der Beitrag inklusive Link wieder online.

Viele Grüße,
Michi

amaria
Stammgast
Beiträge: 7691
Registriert: Samstag 12. Juni 2010, 15:17
Kontaktdaten:

Re: Krippenerziehung

Beitrag von amaria » Samstag 4. Juli 2015, 16:40

Hallo!

In einem Forum für Alleinerziehende gingen die Meinungen über der Artikel von Dr. Böhm weit auseinander. http://www.allein-erziehend.net/forum/beitrag58897.html
Wer ihn noch nicht kennt: Lesenswert!

Sobald im August die neuen "Kleinen" ohne Begleitung und zunehmend länger bleiben sollen, werden die ehemals Jüngsten spüren, dass ihre Erzieherinnen nun viel weniger Zeit für sie haben...

Solange der Personalschlüssel nicht stimmt,werden KInder zu kurz kommen.

amaria
„Ausdauer wird früher oder später belohnt - meistens aber später.“
Wilhelm Busch

"Natürlicher Verstand kann fast jeden Grad von Bildung ersetzen, aber keine Bildung den natürlichen Verstand."
Arthur Schopenhauer

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