Umgang mit Flüchtlingskindern / Frage

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Matushka
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Re: Umgang mit Flüchtlingskindern / Frage

Beitrag von Matushka »

Hallo Kathi, und herzlich willkommen,

Ich habe dein Posting aufmerksam gelesen und mir kam dabei eine grundsaetzliche Gegenfrage. Sicherlich wirst du noch weitere Antworten von Forenmitgliedern erhalten.

Zur Veroeffentlichung der Zustaende in der KiTa deiner Freundin: Welches Ziel hast du dir dabei selbst gesetzt?

Ich halte diese Frage absichtlich sehr allgemein. Dennoch zielt sie auf deine persoenliche Motivation ab.

Gruss,

Sabine

Matushka
Schriftsteller
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Re: Umgang mit Flüchtlingskindern / Frage

Beitrag von Matushka »

Ganz ehrlich...Ich frage mich, Kathi, ob das Pferd hier nicht von hinten aufgezaeumt wird.

Meine Logik geht so: Auf der Suche nach Erkenntnisgewinn ist es tatsaechlich besser, wenn man sich ein Bild machen kann, ohne ein Resultat vor Augen zu haben.

Aber du hast offensichtlich eines.

Es geht deiner Freundin darum, einen "Missstand aufzudecken". Sie hat -- moeglicherweise sehr berechtigte! -- Bedenken, fuer deren Aeusserung sie ein Forum sucht.

Du hast dich bereit erklaert, ihr den Weg in die Oeffentlichung zu ermoeglichen, wenn sich ihre Story bestaetigen laesst.

Indem du dich zu ihrem "Hilfsinstrument" machst, kann deine Ausgangslage gar nicht neutral sein.

Hat deine Freundin die Missstaende bereits dem Traeger gemeldet? Der Weg an die Presse, und somit an die Oeffentlichkeit, gilt oft als letzter Schritt.

Deine Freundin sollte sich zu 100 Prozent sicher sein, dass sie den "korrekten" Weg geht. Sonst koennte ihr Mut und ihre Ehrlichkeit sie in eine jaehe Sackgasse fuehren.

Und dich -- bei nicht unvorbelasteter Recherche z.B. -- womoeglich gleich mit.

Gruss, Sabine

Matushka
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Re: Umgang mit Flüchtlingskindern / Frage

Beitrag von Matushka »

Kathi, das, was deine Freundin aus der Einrichtung beschreibt, nennt sich auch "Klima der Angst". Die Machtverhaeltnisse sind deiner Beschreibung nach so verteilt, wie es z.B. in korrupten Organisationen ueblich ist.

Ich empfehle Euch beiden, Euch juristisch beraten zu lassen bevor Ihr weitere Schritte einleitet.

Juliala
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Re: Umgang mit Flüchtlingskindern / Frage

Beitrag von Juliala »

Hallo Kathi,

es gibt sicher gute und schlechte Einrichtungen.
In den schlechten Einrichtungen können solche Ereignisse, wie du sie beschreibst, vorkommen. Das ist nicht zu leugnen. Es gibt auch immer wieder Einrichtungen, die das Sprechen der jeweiligen Muttersprachen verbieten.
Ich selbst habe solche schlechten Kindergärten, die den von dir beschriebenen Umgang pflegen, noch nie erlebt, aber ich weiß, dass es sie leider gibt. Auch gibt es leider einzelne Kollegen, die in einem an sich guten Kindergarten, einen Alleingang machen und so handeln. Das wiederum habe ich erlebt, aber das ist schon einige Zeit her.

Ich habe viele Jahre in sozialen Brennpunkten mit hohem Ausländeranteil gearbeitet.
Bei uns durften sich die Kinder in der Muttersprache unterhalten, aber es gab auch Ausnahmen, wo man sich alleinig auf Deutsch unterhalten hat z.B.bei den Mahlzeiten, wenn Kinder unterschiedlicher Nationen an einem Tisch saßen und wenn man wusste, dass alle die deutsche Sprache auch sprechen können.

Das Jugendamt musste ich erst zweimal einschalten. Es handelte sich um eine deutsche und eine polnische Familie.
Ich kenne es eher so, dass sich viele Erzieher bei Familien mit arabischen oder türkischem Hintergrund scheuen, das Jugendamt einzuschalten, aus Angst, ihnen könnte Rassismus vorgeworfen werden. Daher wird eine Meldung oftmals nicht durchgeführt. Viele Dinge werden durch die Religionsfreiheit gedeckt.
In vielen Fällen ist es daher so, dass eine hohe Toleranz oder eine Scheu vorhanden ist.
Das sind aber MEINE persönlichen Erfahrungen. Andere Erzieher machen andere Erfahrungen. Es gibt keine allgemeingültigen Aussagen.

Wenn bei deiner Freundin schlimme Zustände herrschen, muss sie das ihrem Arbeitgeber melden. Reagiert er nicht oder verharmlost das Thema, dann geht es weiter zur nächsthöheren Stelle z.B. zur Kitaaufsicht, Amt usw.
Hat sie ihre Kritik im Team angebracht? Das muss sie unbedingt tun!

Wird den KIndern tatsächlich Schweinefleisch absichtlich untergejubelt? Mir ist es schon passiert, dass muslimsche Kinder in unbeobachteten Momenten von Wurstbroten anderer Kinder abgebissen oder Fleisch vom anderen Teller stibitzt haben. Das kann passieren und ich habe das Kind dann auch nicht zum Ausspucken aufgefordert und es auch nicht dazu gezwungen. Es gibt Kollegen, die das aber machen und mein Vorgehen kritisieren.
Man muss dann aber zwischen "unterjubeln" und "Versehen" differenzieren.

Wenn alle Stricke reißen, würde ich eventuell zumindest mit der Presse drohen.
Allerdings hat man seinem Arbeitgeber eine Loyalitätspflicht gegenüber und eine Schweigepflicht gibt es auch noch. Daher ist der Rat von Sabine wichtig: Lasst euch BEVOR ihr loslegt juristisch beraten und begleiten! Gewerkschaften bieten eine Rechtsberatung an, wenn man Mitglied ist.

Julia
Erziehung: einen Kopf drehen, bis er verdreht ist - natürlich auf den neuesten Stand.“
―Karlheinz Deschner

Juliala
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Re: Umgang mit Flüchtlingskindern / Frage

Beitrag von Juliala »

Hallo Kathi,

ich hoffe, deine Freundin hat Erfolg und kann die Missstände durch ihr Engagement beseitigen. Es gibt viel zu wenig mutige Erzieher.
Erzieher werden im Umgang mit Flüchtlingsfamilien leider nicht geschult, obwohl das nötig wäre. Es gibt viel Unsicherheit und Unwissenheit.

Wir brauchen mehr engagierte Erzieher. Es gibt im pädagogischen Bereich aufgrund sehr vieler Missstände soviel zu tun.

Julia
Erziehung: einen Kopf drehen, bis er verdreht ist - natürlich auf den neuesten Stand.“
―Karlheinz Deschner

amaria
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Re: Umgang mit Flüchtlingskindern / Frage

Beitrag von amaria »

Hallo Kathi,

schön, dass du dich engagierst. Für mich gibt es nichts daran zu beanstanden. Ich mag diese gekünstelte Distanz nicht, die heute oftmals als "professionell" angesehen wird.

Was geht nur in einer Kindergartenleiterin vor, die dem Team die Anweisung erteilt, dass niemand in der Landessprache mit den Eltern sprechen darf? Halten die Erzieherinnen sich daran? Für mich wäre die Aufnahme der Flüchtlingskinder ein Anlass, vorhandene Fremdsprachenkenntnisse aufzufrischen. Gerade wenn Erzieherinnen sich alle Mühe geben und ihre Handys nutzen, um die Verständigung zu ermöglichen, zeigen sie vorbildhaft, was Hilfsbereitschaft ist.

Als ich in einem interkulturellen Mädchentreff gearbeitet habe, gehörte es zum Konzept der Einrichtung, dass unsere Besucherinnen in den Sprachen miteinander sprechen konnten, die sie nutzen wollten. Für manche war Deutsch die Drittsprache. Geschadet hat es nicht. Sehr viele unserer Stammbesucherinnen haben mittlerweile ein Studium erfolgreich angeschlossen oder stehen kurz davor. Und sie haben die AZADE geliebt, weil es in ihr viel freier und lockerer zuging als in vielen anderen Einrichtungen. Vielleicht möchtest du einmal ehemalige Stammbesucherinnen interviewen?

Wenn Kinder zu uns kamen, die aus Kriegsgebieten stammten, haben sie oftmals für längere Zeit gar nicht gesprochen, aber es gab immer eine nonverbale Kommunikation. Am Blick der Kinder merkte man bald, dass sie zunehmend mehr verstehen konnten. Und die Jüngsten verblüfften uns manchmal, indem sie plötzlich akzentfrei ganze Sätze formulieren konnten.

Wenn die Eltern der Flüchtlingskinder den Eindruck gewonnen haben, dass wegen ihrer Kinder besonders schnell das Jugendamt informiert wird, dann sollte darüber sachlich gesprochen werden. Da die Jugendämter durchaus bei Problemem helfen können, kann es gut sein, wenn Flüchtlinge darauf hingewiesen werden, welche Hilfen die Familien annehmen könnten. Allerdings muss man sich bewusst sein, dass es für diejenien, die in ihren Herkunftsländern staatlicher Willkür ausgesetzt waren, besonders belastend sein kann, wenn sie gezwungen sind, Kontakt zum Jugendamt zu pflegen. Es wäre nicht im Sinne der Kinder, wenn ihre Eltern systematisch gestresst würden, nur weil man im Kindergarten "nur Deutsch" sprechen will und sich damit der Möglichkeit beraubt, Kinder und Eltern besser verstehen zu können.

Freundliche Grüße

amaria
„Ausdauer wird früher oder später belohnt - meistens aber später.“
Wilhelm Busch

"Natürlicher Verstand kann fast jeden Grad von Bildung ersetzen, aber keine Bildung den natürlichen Verstand."
Arthur Schopenhauer

Juliala
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Re: Umgang mit Flüchtlingskindern / Frage

Beitrag von Juliala »

Hallo Kathi,

ich möchte noch etwas zum Thema Jugendamt schreiben.
In manchen Fällen kann es durchaus sinnvoll sein, den Kontakt zum Jugendamt zu suchen.
Nicht im Sinne von "Meldung machen", sondern um Hilfen zu beantragen.
Manchmal kümmern sich die Erzieher um diesen Erstkontakt, weil die Familien z.B. kein Deutsch können, oder mit einer Kontaktaufnahme im Behördendschjungel überfordert sind. Ich habe schon oft einen Erstkontakt hergestellt.
Frage deine Freundin doch mal, ob es sich tatsächlich um ein "Anschwärzen" beim Jugendamt gehandelt hat, oder nur um diesen Erstkontakt.
Bevor man einen Missstand meldet, sollte der Sachverhalt wirklich klar sein.

Julia
Erziehung: einen Kopf drehen, bis er verdreht ist - natürlich auf den neuesten Stand.“
―Karlheinz Deschner

Adrasteia
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Re: Umgang mit Flüchtlingskindern / Frage

Beitrag von Adrasteia »

Ich habe das Glück in einer Kita zu arbeiten, in der täglich frisch gekocht wird. Dabei wird nicht nur auf Unverträglichkeiten geachtet sondern auch auf religiöse Gebote. Wenn Eltern das wünschen, dann gibt es für muslimische Kinder nicht nur kein Schweinefleisch sondern auch Fleisch, das halal ist. Dieses dann allerdings aus Konserven, das immer frisch vorzuhalten, können wir nicht leisten.
(Auch ohne Flüchtlinge haben wir Kinder aus muslimischen Familien in der Kita)

Das größte Problem sind die Sprachbarrieren. Wir haben aber die Möglichkeit, auf Dolmetscher zurückzugreifen. Dadurch können tiefergehende Gespräche mit den Eltern geführt werden. Man ist aber eben nicht so spontan und flexibel, dass jedes auftretende Problem sofort geklärt werden kann.

Ich finde schwierig und schade, dass die Kinder meist die Kita wechseln müssen, wenn sie endlich angekommen sind, sich öffnen und Vertrauen fassen.
("Unsere" Kinder kommen aus einer Erstaufnahme- bzw. Übergangseinrichtung.)

Adrasteia
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Re: Umgang mit Flüchtlingskindern / Frage

Beitrag von Adrasteia »

Kleiner Ort in Ba-Wü.
Die Dolmetscher gibt es nicht täglich, Gesprächstermine müssen vorher angemeldet werden.

Auf Initiative der Elternschaft wird gerade ein Patensystem ausprobiert. Eltern übernehmen ehrenamtlich die patenschaftliche Unterstützung von Eltern (bzw. Familien), die nicht so gut Deutsch sprechen.
Ich bin gespannt, wie das laufen wird.
Die dahinter stehende Idee finde ich gut, aber ich denke das erfordert viel Engagement und guten Willen. Unterstützung geben zu wollen ist das eine. Unterstützung annehmen (wollen) ist das andere. Man muss gut aufpassen, dass die Hilfe nicht übergriffig (empfunden) wird.


Die im Eingangspost geschilderten Umstände sind m.E. nicht tolerierbar.

Selbst wenn ich nicht mit allem einverstanden bin, was in den letzten Monaten und Jahren in Sachen Flucht und Migration in D gelaufen ist, so habe ich dennoch (zumindest bis zu einem gewissen Grad - die Grenzen liegen für mich in den Regeln des GG und anderer hierzulande gültiger Rechtsnormen) die kulturellen und religiösen Vorschriften zu akzeptieren, die andere Menschen mitbringen.
Das Verbot von Schweinefleisch anzuerkennen und einzuhalten ist ja nun wirklich das kleinste Problem.

Natürlich sollen die Kinder Deutsch lernen, aber ihnen ihre Muttersprache zu verbieten ist vorgestrig und unsinnig.

Ich will hoffen, dass die Mehrzahl der Erzieherinnen das genauso sieht und handhabt.

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