Eltern verärgert wegen kratzenden Kindern

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Taio
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Eltern verärgert wegen kratzenden Kindern

Beitrag von Taio »

Hallo ihr Lieben, ich muss mir mal etwas von der Seele schreiben und hoffe auch auf etwas Rat.
Unsere Krippengruppe startete im Januar duesen Jahres mit 3 Kindern. Dann wurden wieder 3 Kinder im Februar eingewöhnt und im Mai zogen wir mit den 6 Kindern die eine sehr harmonische Gruppe waren in unseren endlich fertiggestellten Neubau. Dort wurden dann wieder 6 Kinder eingewöhnt, sodass die Gruppe nun aus 12 Kindern und 3 Mitarbeitern besteht. 3 Kinder wechselten im September in den Kiga und 2 neue hatten die Eingewöhnung. Heute kommt noch ein neues Kind.
Es konnte bisher folglich nie Ruhe in die Gruppe einkehren und immer wieder stören immer noch Handwerker unseren Betrieb. Seit einiger Zeit haben wir einen 2 jährigen der sich noch nicht verbal äußern kann und die anderen Kinder zur Kontaktaufnahme kratzt und schubst.
Die Eltern beschwerten sich reihenweise sogar bei unserer Leitung. Wir führten Gespräche mit den beteilgten und arbeiten natürlich daran diesem Kind Grenzen aufzuzeigend. Wir hatten auch erst eine Fortbildung zum Thema Aggressives Verhalten bei Kindern unter 3.
Die Situation hat sich auch gebessert. Nun kratzt und schlägt jedoch das neue 1 Jährige Kind und wir können dass auch oft gar nicht verhindern so schnell geht das. Natürlich ist das Kind erst 4 Wochen bei uns und muss sich zurechtzufinden. Ein anderes Kind, stellt uns auf eine ganz andere Geduldsprobe. Er ist 1 Jahr alt und von 7 bis 16:30 bei uns. Dieses Kind schläft Nachts bei den Eltern kaum und bei uns auch nicht. Es ist dauer übermüdet, verletzt sich dadurch oft selbst und auch andere Kinder sehr oft. Die Eltern sehen jedoch nicht ein dass Habdlungsbedarf besteht und sie das ärztlich abklären sollten dass er kaum schläft und schreiend aufwacht. Auch dass der Tag für das Kind einfach zu lange und anstrengend ist, wird nicht mal in Erwägung gezogen.
Vor kurzem kam er krank zu uns.
Wir sind also meistens zu zweit mit 3 „gefährlichen“ Kindern beschäftigt und trotzdem haben die anderen Kinder immer wieder Kratzer im Gesicht.
Die Eltern beschweren sich wieder vermehrt und ich fühle mich jedes Mal schuldig und schlecht wenn ich wieder einen Kratzer beichten muss. Die Eltern kontrollieren sogar als erstes wenn sie die Kinder abholen ob sie wieder eine Verletzung haben. So als würden wir es verheimlichen! Wenn ich mit den Eltern spreche und ihnen erkläre warum es momentan so schwierig ist und was wir als Gegenmaßnahmen tun, verstehn sie das nicht.
Wir haben nun auch den Gruppenraum umgestellt um mehr Trennung und Rückzugsmöglichkeiten zu schaffen.
Jetzt überlege ich einen Aushang für die Eltern zu schreiben damit sie sehen, dass wir ihren Ärger verstehen und etwas unternehmen. Das sehen sie nämlich nicht.
Sie hätten am liebsten dass diese 3 Kinder einfach aus der Einrichtung geworfen werden.
Was können wir tun um den Eltern unsere Situation verständlich zu machen?

amaria
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Re: Eltern verärgert wegen kratzenden Kindern

Beitrag von amaria »

Wenn Eltern etwas partout nicht sehen und annehmen wollen, ist es schwierig. Bereitet euch auf den nächsten Elternabend gut vor und scheut euch nicht klar zustellen, dass eine Krippe keine ideale Betreuung für die Kleinsten ist. Schon gar nicht, wenn Kinder länger als halbtags betreut oder gar krank gebracht werden.
Im Interesse des Schutzes der Kinder könnte eine Diskussion darüber angereget werden, ob es eine "Krippenreife" für Kinder gibt und woran sie erkennbar sein könnte. Früher wurden immer wieder mal Kinder aus dem Kindergarten genommen, weil die Erzieherinnen und/oder die Eltern fanden, dass ein Kind eben nicht kindergartenreif sei. Die Schulreife wird in Untersuchungen festgestellt. - Aber ausgerechnet die Kleinsten sollen schon früh reif für eine stundenlange Betreuung in einer Institution sein, in der zu viele Kinder auf wenig Platz von wenigen Erwachsenen betreut werden!

Ich würde die Eltern des einjährigen Kindes, das länger als neun Stunden täglich betreut wird, fragen, ob ihr eigens Bilder vom übermüdeten Kind machen sollt, damit sie sehen können, wie geboten ein Besuch beim Kinderarzt ist. Diese Frage kann euch vor dem Vorwurf schützen, dass ihr zuviel filmen oder fotografieren würdet, anstatt euch um die Kinder zu kümmern. Ferner würde ich auf einen Gesprächstermin dringen und die Leitung auffordern, zuvor für längere Zeit in der Gruppe das Geschehen zu beobachten. Falls die Leitung wenig Verständnis für euch und die Lage der Kinder hat, bietet es sich in konfessionellen Einrichtungen an, die Erziehungsberatung des Trägers einzuladen. Dann kommt eine externe Fachkraft und beobachtet erst das Kind und nimmt später aktiv an einem Gespräch mit den Eltern teil.

Eine Frage noch: Würdet ihr ein eigenes Kind in einer Krippe wie der, in der ihr arbeitet, betreuen lassen wollen? Für Eltern ist die Krippe zu den legalen Konditionen doch ein "betreuungstechnisches Roulette"... Mal kann es ihrem Kind für ein Weilchen gut gehen, mal hat es vieles auszuhalten und immer wieder müssen Kinder das Weinen anderer Kinder hören und Zeuge von dramatischen Abschiedsszenen werden.

Alles Gute!

amaria
„Ausdauer wird früher oder später belohnt - meistens aber später.“
Wilhelm Busch

"Natürlicher Verstand kann fast jeden Grad von Bildung ersetzen, aber keine Bildung den natürlichen Verstand."
Arthur Schopenhauer

Johanna2
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Re: Eltern verärgert wegen kratzenden Kindern

Beitrag von Johanna2 »

Im Hinblick auf das verschärfte Datenschutzgesetz, würde ich unbedingt darauf achten, dass die Eltern die Erlaubnis zum Fotografieren bzw. Filmen schriftlich geben. Auch der Zeitraum und der Zweck für die Aktion sollte in der Einverständniserklärung enthalten sein.

Taio
Beiträge: 7
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Re: Eltern verärgert wegen kratzenden Kindern

Beitrag von Taio »

Vielen Dank für die Antworten und die Denkanstöße.
Ich habe selbst einen 2 1/2 jährigen Sohn und gebe diesen bewusst nur halbtags zu einer Tagesmutter.
Ich sehe die Betreuung von Kindern unter 3 auch eher kritisch und wollte daher immer versuchen sehr Bedürfnis orientiert zu arbeiten.
Doch leider bieten die Rahmenbedingungen in unserer Einrichtung nur sehr eingeschränkt Möglichkeiten dazu.
Das ist alles sehr anstrengend, weil mir bei vielen Dingen (wie die komplett undurchdachte Raumaufteilung unserers Neubaus und das immer noch anhaltende Bau Chaos) einfach die Hände gebunden sind.
Das ist sehr frustrierend für mich.

amaria
Stammgast
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Re: Eltern verärgert wegen kratzenden Kindern

Beitrag von amaria »

Hallo Taio,


wenn noch nicht einmal die äußeren Bedingungen es zulassen, dass Erzieherinnen sich Kindern wirklich ungestört zuwenden können, ist das wirklich schlimm und es ist ein nachdenklich stimmendes Phänomen, dass Eltern dies hinnehmen und kaum darüber nachdenken, ihr Kind wieder aus der Krippe zu nehmen.

In den Erzieherfachforen tauchen immer wieder Beiträge auf, die eigentlich sehr deutlich machen, dass von der Politik mehr versprochen wurde als Erzieherinnen halten können. Für Kinder ist es fatal, wenn Eltern dann auch noch um jeden Preis daran glauben wollen, dass ihr Kind bestens betreut sei. So ersparen Mütter und Väter es sich, Mitgefühl mit ihrem Kind zu haben, wenn ihm der Aufenthalt in einer Krippe oder gar Regelgruppe seelisch enorm zusetzt.

Eigentlich können wir hier mit Rat gar nicht helfen. Grundsätzlich stimmen die Rahmenbedingungen für die Jüngsten nicht. Mir ist aufgefallen, dass viele Erzieherinnen wie du ein eigenes Kind lieber zu einer sorgfältig ausgesuchten Tagesmutter bringen und nicht in eine Krippe und ich kann das gut verstehen. Es ist eine Schande, dass Tagesmütter als Selbstständige derart miserabel honoriert werden, dass ihr Einkommen pro Stunde meist niedriger liegt als der gesetzliche Mindestlohn. - Wäre es anders, würden sich bestimmt einige Erzieherinnen als Tagesmütter selbstständig machen.

Wann stellt sich in unserer Gesellschaft eigentlich die Frage, was den Krippenerzieherinnen zugemutet wird? Sobald sie von Kindern als Ersatzmamas angesehen werden, wissen die Erzieherinnen, dass ihr plötzliches Entschwinden aus dem Leben dieser Kinder für die Kleinen erheblich traumatisierend sein kann. Nicht grundlos kommt es vor, dass Krippenkinder nach einem Personalwechsel wieder einnässen oder einkoten. Ich bin mal gespannt, ob die Fachverlage, die Bücher für Erzieherinnen herausbringen, dieses Jahr auf der Buchmesse ein kritisches Buch mit Beiträgen von Erzieherinnen präsentieren. Zu finden sind kritische Statements von Erzieherinnen in diesem Buch https://cip-medien.com/shop/schadet-die ... n-koennen/ von Cip Medien, einem Fachverlag für Psychotherapie und Psychoanalyse.

Schade, dass Eltern insgesamt (Ausnahmen gibt es natürlich auch!) sich über ihren Kindern von Kindern zugefügte Kratzer mehr aufregen als über die Ursachen aller möglichen Fehlentwicklungen, die die Erzieherinnen nicht zu verantworten haben. Es kratzt sie eben nicht...

Freundliche Grüße

Angelika

PS: Eigentlich bin ich ja gegen das Filmen und Knipsen der Kinder zu Dokumentationszwecken... (ergänzend zu meinem Beitrag weiter oben.)

Und Johanna hat natürlich Recht, wenn sie den Datenschutz nicht außer Acht lässt.
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