Problematische Familie

Bette
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Problematische Familie

Beitrag von Bette »

Guten Morgen! Was sagt Ihr zu folgender Situation:
Ich habe ein Kind (Junge) in meiner Gruppe, der jetzt ein Vorschulkind ist. Er hat einen Bruder und lebt mit seiner Mutter zusammen.
Mutter: Eine wahre ÜBERmutter. Als Kind bei einer alkohlkranken Mutter aufgewachsen. Hat sich getrennt vom Vater der Kinder, wegen "Gewalt"/Lautstärke, Dominanzverhalten, keine körperliche Gewalt etc. Es gab eine Anzeige von ihrer Seite aus gegen den Vater. Danach ist sie ausgezogen mit beiden Kindern.
Sie kommt mir vor wie eine Angstbeißerin. In jeglicher Situation fällt sie selbst durch aggressiv, überbehütendes Verhalten auf. Normale Gespräche sind mit ihr kaum möglich - höchstens so lange alles eiapopeia in bester Ordnung ist.
Ihr Sohn legt ein sehr merkwürdiges Verhalten an den Tag:
Er ist SEHR deffensiv. Aber auch aggressiv und sehr frech in verbaler Hinsicht, wenn man ihm zu nahe tritt. Er ist schnell gekränkt und ist in keiner Form bereit sich an irgendwas zu beteiligen. Wenn ich in Frage ob er eine Idee für einen Tischspruch im Essraum hat fängt er an zu weinen und verweigert sich. Noch nie hat er im Kreis irgendwas gemacht. Er klebt an meinem linken Bein oder ignoriert mich vollkommen. Er hat kaum Kontakt zu anderen Kindern.
Er beteiligt sich nicht an Angeboten und auch nicht nach liebevoller Aufforderung und persönlicher Ansprache.
Im Garten hockt er oft auf der Wiese und streichelt das Gras. Er vermeidet Augenkontakt (IST ABER KEIN AUTHIST) beobachtet aus den Augenwinkeln was andere Kinder machen.
Inzwischen lassen wir íhn vollkommen gewähren, da die Mutter dies wie ein Kampfhenne eingefordert hat. Jegliche Förderung - Fehlanzeige. Jede Weiterentwicklung von seiner Seite aus - Nix.
Wenn er in Bedrängnis kommt, redet er irre Sachen um auszuweichen.
Gestern hat er einem Kind einen Stein versehentlich an den Kopf geworfen. Ich wollte zwischen den Kindern vermitteln und nicht akzeptieren, dass er sich umdreht und weggeht und dabei mit einer "erwachsen klingenden, aggressiven Stimme" Stimme stereotyp sagt. Entschuldigung, Entschuldigung, Entschuldigung.
Hab ihn versucht zu motivieren das andere Kind zu fragen, ob es einen Kühli braucht oder ein Taschentuch.
Habe ihm erklärt: Weißt Du, es tut trotzdem total weh, wenn man einen Stein an den Kopf bekommt, auch wenn man dauernd sagt "Entschuldigung". Schau mal er weint!
Er hat sich total verweigert. Fing selbst an zu weinen und als ich ihn fragte, ob er auch einen Stein an den Kopf bekommen hat oder was er jetzt hat, das sagte er "zu Coranazeiten hatte ich einen Schnupfen und das träume ich jetzt immer zurück!"
Ich habe verscuht ihn in ein Gespräch zu verwickeln und hab ihm gesagt, ich sehe dass es Dir gerade nicht gut geht und Du jetzt auch weinst. Ich möchte Dir helfen, dass es Dir besser geht. Ich habe auf dem Boden gehockt, ihn nicht angefasst und ca 30 cm Abstand gehalten, weil ich das Gefühl habe er rastet sonst aus. Er hat nur noch gesagt, dass er nicht darüer reden will und ihm jetzt sein Mückenstich weh tut. Er will jetzt weg gehen. Ich hab gesagt: ok. Du darfst gehen.
Ich habe ihn in Ruhe gelassen und nach einiger Zeit kam er wieder und klebte an mir und war wieder wie ein Kind (verbal).

Die Mutter - fliptt aus, wenn man ihr von solchen Situationen berichtet.
Sie glaubt nicht, was man ihr berichtet und unterstellt einem Unwahrheiten zu sagen.
Ich bin in einer Zwickmühle, eigentlich will ich ihr nichts mehr von dem sagen, was im Kindergarten passiert. Andererseits ist ihr Sohn so auffällig, dass sie Dinge einfach erfahren muss.
Sie fühlt sich von mir bedroht, weil ich 186 groß bin und sie findet mich sehr laut. Wenn ich meine Kollegen danach frage, ob ich zu laut bin, sagen sie mir, nein alles ok. Sie sagt, sie fühlt sich von mir "überrannt"! Und so was sagt sie skrupellos, auch wenn ihr Sohn daneben steht. Das arme Kind denkt wahrscheinlich selbst schon, ich renn gleich los und renn sie alle über den Haufen. Ich finde das alles grenzwertig irre.
Wir haben nach dem neuen Eklat von gestern entschieden, dass ich mich zukünftig aus allem zurück halte. Meine Kollegin übernimmt das Kind inkl. Mutter.
Ich fürchte, sie flippt sonst zeitnah richtig aus.
Sie bringt ihr Kind oft wochenlang nicht in die Kita. Ich habe im Gruppenbuch die letzten Monate zurück verfolgen können dass er andauernd krank oder entschuldigt ist
Er kommt immer ein paar Tage, dann wieder nicht mehr.
Wir hatten seit ich da bin bereits ein Elterngespräch in dem sie für nichts zugänglich war. Sie fletscht quasi in jeder Hinsicht die Zähne: Komm mir nicht damit, dass mein Kind....
Aus einem anderen Kindergarten ist sie beireits in der Eingewöhnungszeit nach 14 Tagen rausgeflogen.
Wir wollen eigentlich sehr, dass ihr Kind am Schulprojekt teilnimmt und wir ihr nicht den Platz kündigen müssen. Aber sie führt sich schrecklich anstrengend auf und wir sind irgendwie erschöpft, weil wir dem Kind auch nicht helfen können aus seinem Schneckenhasu heraus zu kommen. Auch wenn wir ihn in Ruhe lassen, so niederschwellig wie möglich sind passiert nichts was Anlass zur Hoffnung gäbe.
Wie können wir weiter vorgehen?
Wir werden jetzt zeitnah ein Fallgespräch mit einer versierten Heilpädagogin führeen.
Ich glaube aber fast, nichts und niemand kommt an dieser Angstbeißerin vorbei ohne angefallen zu werden.
Bis nächste Jahr Sommer - ist noch viel Zeit für viele graue Haare mehr auf meinem Kopf. Seufz.
Engelglück
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Re: Problematische Familie

Beitrag von Engelglück »

Hallo Bette,
ich bin ganz tief getroffen von Deinem Bericht über dieses Kind und ich lese ganz viel Frust von Dir daheraus.
Wie lange ist der Junge schon bei euch und wie oft hat er erlebt,das eine Erzieherin die Kita und somit auch ihn verlassen hat?
Hat er einen älteren oder jüngeren Bruder? Geht er auch bei euch in die Einrichtung?
Hat der Junge Kontakt zu seinem Vater und wie spricht die Mutter über ihren Exmann?
Für mich liest es sich ganz klar heraus,das dieses Kind nach Liebe,Aufmerksamkeit und Zuwendung schreit.
Er klammert sich an Deine Herzseite,es ist ein ganz großer,aber leider ungehörter Hilferuf -bitte sehe mich und nimm mich wahr und zeige mir,das Du mich magst.
Er ignoriert Dich,da Du ihn eventuell ignorierst (es ist nicht böse gemeint,bitte sehe es nicht als Angriff).
Er weint,da er vielleicht Angst hat frei zu sprechen,ein Tischspruch muss laut gesprochen werden --mag er es vielleicht nicht,da es zu Hause immer laut war?
Er wehrt sich verbal,um dann seine Sicherheit wieder zu finden,da seine Grenze nicht eingehalten wurde.
Er hat einem Kind einen Stein ausversehen an den Kopf geworfen und obwohl er mehrfach Entschuldigung gesagt hat,wird er immer wieder mit dieser Situation konfrontiert. Er weiß selber,dass das alles nicht richtig war und fühlt sich schlecht. Er teilt Dir mit,das er von der Coronazeit träumt und es immer wieder kommt --wird er gehört?
Er zieht sich zurück,da er einfach keine Chance hat,positiv wahr genommen zu werden --mir blutet das Herz,so ein kleiner,hilfloser Junge und er ruft und ruft,aber wird nicht gehört.
Er streichelt das Gras,weil ihm das nicht weh tut und er sich dadurch etwas Stimmunlation holen kann -er beobachtet die anderen Kinder und wäre so gerne,ein Teil von ihnen.
Gibt es wirklich gar keine Möglichkeit von Dir,ihn so anzunehmen,wie er ist und ihm zu zeigen, ich mahg Dich sehr gerne und ich bin für Dich da?
Was kann er toll? Was magst Du an ihm,oder lehnst Du ihn ab,weil Du mit seiner Mutter nicht zurecht kommst?
Wie kannst Du ihn in das Gruppengeschehen einbinden?
Kannst Du ihn kleine Aufgaben geben und somit sein Selbstwertgeühl stärken?
Wie kannst Du ihn mit den anderen Kindern zusammen bringen?

Die Mutter hatte selbst eine schwere Kindheit und ist an einem unfähigen Partner geraten. Ja,sie beißt um sich,aber warum? Sie kämpft für ihr Kind,wie eine Löwin und sie versucht ihn zu beschützen. Nun kommst Du und kritisierst sie,sie bekommt entweder EIAPOPEIA zu hören,oder nur negatives.
Was hälst Du davon,sie einmal mit anderen Augen zu betrachten? Sie ist alleinerziehend,sie spürt das Du sie nicht magst und das Du sie schleicht bewertest.
Gibt es bei euch Beratungsstellen für alleinerziehene Mütter?
Was für Angebote gibt es bei euch im Ort und/oder in der Kita?
Was für Talente hat sie? Kann sie gut backen,nähen ............ und Du kannst sie um ihre Hilfe bitten.
Sie ist eine Mutter,die versucht zu überleben,aber anstatt ihr die Steine aus dem Wege geräumt werden,kommen immer wieder neue hinzu.
Bette,ich hoffe Du verstehst mich nicht verkehrt,aber hier in Deinem geschilderten Fall,schreien 2 Menschen um Hilfe ---ein kleiner Mensch,ganz leise und er wird nicht gehört und eine Mutter,die laut ist und um sich beißt,da sie sich nicht mehr zu helfen weiß. Nehme beide wahr und schaue einmal,wie Du auf sie zu gehen kannst,das hat nichts mit körperlicher Größe oder lauter Stimme zu tun,aber ganz,ganz viel mit Emphatie,
es grüßt Dich
Engelglück
Bette
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Re: Problematische Familie

Beitrag von Bette »

Liebes Engelglück!
Danke für Deine offenen Worte.
Ich habe schon versucht, so viel wie möglich zu schreiben um die Situatio zu erfassen und wiederzugeben. Das ist mir scheinbar nicht richtig gelungen.
Ich sehe genau wie Du, dass sowohl das Kind als auch die Mutter Hilfe brauchen, sie aber von uns nicht annehmen können. Ich habe viel darüber nachgedacht und ich befürchte, dass Beide aufgrund ihrer Vergangenheit eine sozial - emotionale Störung haben, die ich in einem Kindergarten, in einer Gruppe mit 24 anderen kleinen und großen Bedürnfnisssen nicht auffangen kann.

Tür- und Angelgepräche die mit jedem anderen Elternteil funktionieren, gehen da einfach nicht. Aber trotzdem gibt es aktuelle Dinge, die sie wissen sollte, damit sie mit ihrem Kind darüber zuhause reden kann und sich nicht "nicht informiert" fühlt von unserer Seite. Jetzt veruscht das meine Kollegin zu leisten. Vielleicht hat sie mehr Glück!
Und in der Vergangenheit habe ich auch immer wieder positive und erfreuliches berichtet, oder nur freundlichen smalltalk zu halten - aber sie will das Negative und glaubt das andere nicht. Ich komm nicht an sie ran. Sie lässt keine Bpositive Beziehung zu uns zu. Eigentlich will sie, dass ihr Kind normal ist und wir das auch so komunizieren. Aber leider ist es nicht so.

Du kannst ganz sicher davon ausgehen, dass ich mich dem Kind immer wieder bewusst und freundlich zuwende BESONDERS wenn er an meinem Bein "klebt" und mir damit zeigt dass er meine Nähe möchte und gebe ihm aber auch ansonsten immer wieder Zeichen, dass ich ihn sehe und ihm wohlgesonnen bin.Manchmal geht es dass er drei Sätze mit mir wechselt und manchmal erzählt er total verrücktes Zeug, dem ich einfach nicht folgen KANN.

Nein, wenn man sich bei uns einen Tischspruch wünscht muss man diesen nicht allein vortragen. Man darf sich einen WÜNSCHEN. Alle zusammen sagen dann wie er geht. Ich auch. Und man darf diesen Wunsch auch flüstern. Er saß direkt neben mir und hätte den Wunsch nur leise sagen müssen, dann hätten wir ihn aufnehmen können. Wir haben ihm auch versucht zu helfen und haben ihm ein paar vorgesagt, von denen er sich dann einen Spriuch hätte aussuchen können.
Aber das traut er sich mit seinen 6 Jahren immer noch nicht. Mir wird übel wenn ich an die Schule denke. Und mir wird auch übel, wenn ich daran denke evtl. noch ein Jahr darüber hinaus, dieses für uns unlösbare Problem mit ihm und der Mutter weiter durch zu tragen ohne dass das irgendeinen Nutzen hätte.
Ich befürchte nämlich wirklich, ihm nicht helfen zu können. Mit aller Mühe können wir im Team versuchen, dass die Mutter nicht eskaliert. Ich glaube auch nicht, dass sie ihn wirklich "frei gegeben" hat. Zu oft hört er ihre Attacken und ihre Angstbeißereien verbal - allzuoft steht er direkt daneben wenn alle begütigenden und freundlichen Worte nichts ausrichten können.

Ja, ich bin echt frustriert. Aber nicht, weil ich Mutter und Kind nicht leiden kann. Sondern weiöl ich meine Ohnmacht genauso stark empfinde wie mein Verantwortungsgefühl. Und - natürlich fürchte ich mich langsam vor ihren verbalen Atacken und ihren UNterstellungen.
Langsam akzeptiere ich, dass ich einfach nicht der richtige Helfer bin. Ich bedrohe - gegen alle meine Absichten !!! Das ist die Sicht der Mutter auf mich. Damit bin ich doch echt raus aus dem Boot und kann nichts mehr ausrichten. DAS Quält mich sehr.
Dass ich das ihren Sohn ausbaden lasse, ist vollkommen unter meiner Würde als Erzieherin. Aber dass es mich sehr bedrückt, ist leider nur allzu wahr.

Bette
Engelglück
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Re: Problematische Familie

Beitrag von Engelglück »

Hallo Bette, Danke für Deine Antwort.
Ich sehe es immer noch etwas anders,aber ich bin ja auch nicht vor Ort. Gibt es bei euch in der Einrichtung,eine Sozialarbeiterin,die für Eltern mit Problemen da ist? Eine Beratungsstelle? Wax ist mit dem Vater und den Bruder?
Der Junge traut sich nicht laut zu sprechen und einen Spruch auszusuchen,vielleicht aber,könnte er ihn auf einem Bild zeigen,oder er darf Dir helfen,ein anderes Kind auszusuchen. Es sollte doch einen Weg geben,ihn den Weg zu ebenen.
LG Engelglück
Bette
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Re: Problematische Familie

Beitrag von Bette »

Hallo Engelglück! Wie siehst Du es denn anders?
Wir haben gestern im Team nochmals bekräftigt, dass wir alles dafür tun wollen die Situation zu deesklaieren. Außerdem haben wir sicher gemacht, dass eine Heilpädagogin und erfahrene Fachfrau, die auch Fallgespräch und Beratungsdienste offiziell übernimmt, zu uns in die Einrichtung kommt um uns in dieser Frage zu beraten, ein Elterngespräch vorzubereiten und dann auch mit meiner Kollegin gemeinsam das Elterngespräch durchzuführen.
Wir haben jetzt fürs erste getan, was in unseren Möglichkeiten steht und hoffen, weiter Schritt für Schritt einen guten Weg für Mutter und Kind und uns zu finden.
Du fragtest nach dem Vater und dem Bruder.
Der Bruder ist bereits 13 und wohnt auch bei der Mutter.
Die Eltern haben wohl in der Ehe- und Lebensberatung und mit Hilfe des JA einen Weg gefunden, der fragil aber begehbar ist im Umgang miteinander. Der Vater wohnt in der Nähe und der kleinere Sohn besucht in regelmäßig, ist aber generell nach den Besuchen für die folgenden beiden Kindergartentage abgemeldet um sich zu erholen.
Was ich bezeichnend finde ist die Information der Mutter, dass sie mit den Kindern umgezogen ist innerhalb des Ortes, aber den gesamten Umzug allein und ohne Hilfe von außen gestämmt hat. Auch der Vater hat nicht geholfen, weil seine Arbeitszeiten dies nicht zugelassen hätten. Für mein Verständnis ist der Kontakt also zwar regelmäßig, aber doch immer noch so belastet, dass der Vater sich möglichst raushält. Es ist eine heikle Situation in jede Richtung und ich befürchte, dass da eine Störung vorliegt, bei Mutter und Kind, die nicht mit uns möglichen Dingen zu lösen ist.
Ich finde es auch richtig sich der Möglichkeit zu stellen, dass wir nicht die richtige Anlaufstelle für diese Art von Problemen sind.
Erzieher haben ja den Ruf immer alles möglich zu machen. Ich meine aber dass zu einer realitischen Einschätzung auch gehört, die Grenzen unserer Möglichkeiten auszuloten und zu akzeptieren.
Aber ich bin offen und warte ab, was bei dem Beratungsgespräch weiter sichtbar wird.
Liebe Grüße!
Bette
Engelglück
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Re: Problematische Familie

Beitrag von Engelglück »

Hallo Bette, ich habe Dir eine PN geschrieben und mir tut die ganze Familie von Herzen leid. So viele Probleme und so viele Hürden. LG Engelglück
Jelka
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Re: Problematische Familie

Beitrag von Jelka »

Hallo Bette,
auf Abstand tut mir die Familie auch sehr leid.
Aber ich weiß nur zu gut, was es in der Arbeit mit diesen Familien bedeutet.
Es ist tatsächlich so, dass Erzieherinnen meinen, man schafft alles, wenn man nur genug Verständnis hat. Natürlich ist Verständnis eine wichtige Voraussetzung, aber damit kann man keine Berge versetzen.
Indem ihr eure Grenzen wahrnehmt und euch Hilfe holt, holt ihr mehr Hilfe für das Kind, als würdet ihr versuchen, alleine damit klar zu kommen.
Wie du schon geschrieben hast: "Zu einer realistischen Einschätzung gehört auch, die Grenzen unserer Möglichkeiten auszuloten und zu akzeptieren."
Das ist in meinen Augen die Fachlichkeit, die vielen fehlt. Schon sonderbar, dass wir für uns in Anspruch nehmen, auch Fachärzte zu konsultieren, wenn die Grenzen des Hausarztes erreicht sind, aber in unserem Berufsstand oft meinen, alles alleine zu schaffen.
Liebe Grüße Jelka
Engelglück
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Re: Problematische Familie

Beitrag von Engelglück »

Hallo,
ich würde nie sagen,das wir alles alleine schaffen wollen/sollen/ dürfen,aber es wäre schon ein Schritt in die richtige Richtung,wenn man es aus einer anderen Pespektive betrachtet und versucht,sich in diesem Jungen und seine Mutter hinein zuversetzen. Beide haben mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen und beide wehren sich nach Kräften. Sie fühlen sich nicht wirklich angenommen und verschließen sich dann.
LG Engelglück
Jelka
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Re: Problematische Familie

Beitrag von Jelka »

Engelglück hat geschrieben: Samstag 11. September 2021, 13:46Sie fühlen sich nicht wirklich angenommen und verschließen sich dann.
Das streite ich auch nicht ab. Egal, wie sehr man sich bemüht, kommt es vor, das das Gegenüber gar nicht in der Lage ist, sich angenommen zu fühlen.
Und nur, weil man weiß oder vermutet, dass die Mutter so fühlt, bedeutet es nicht, dass man alles alleine tragen muss.
Auch in unserem Beruf gibt es Menschen, Situationen, Eigenschaften, die man nicht immer so annehmen kann oder muss.
Wenn ich das Gefühl hätte, ich werde nicht angenommen, egal, wie sehr ich mich engagiere, und dann auch noch mit verbalen Attaken kämpfen muss, fehlt die Ebene, die eine Zusammenarbeit sehr erschwert. Und dann muss ich mir Hilfe holen. Nichts anderes macht Betty.
In deinen Beiträgen fehlt mir der Aspekt, dass zur Zusammenarbeit immer zwei gehören. Ich habe den Eindruck, du machst Betty alleine dafür verantwortlich, dass die Mutter sich nicht angenommen fühlt und das Kind in seiner Welt lebt.
Liebe Grüße Jelka
Engelglück
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Re: Problematische Familie

Beitrag von Engelglück »

Hall Jelka,
ich habe mit keinem Wort geschrieben,das Bette allein verantwortlich ist. Ich habe geschrieben,das es diese Familie nicht leicht hat und man einfach die Sache aus einer anderen Perspektive betrachten sollte. Oft ist man in einer Sache so verstrickt,das man gar nicht fähig ist,es auch anders zu betrachten und dann hilft ein "Schubser" von außen. Das Kind so zu sehen wie es ist,ist das Eine,es aber auch so anzunehmen,das Andere.
Nein,Bette kann und soll es nicht alleine bewältigen und sie muss es auch gar nicht. Toll,wenn Fachleute hinzugeholt werden,aber trotz alle dem darf/soll und muss man sich selber reflektieren und sich dann auch damit auseinander setzen.
Warum muss der Junge einen Tischspruch laut sprechen? Wer hat etwas davon? Der Junge? Ist es wirklich so notwendig oder soll nur der Ablauf eingehalten werden?
Was braucht der Junge in dieser Situation wirklich? Einen laut ausgesprochenen Tischspruch oder vielleicht eine Empathie,oder........?
Nicht jedes Kind mag diese ganzen Regeln einhalten und nicht für jeden ist es gut,laut vor allen sprechen zu müssen. So manche pädagogische Kraft kann es nicht,aber ein Kind soll es nun machen.
Wenn bei mir ein Kind den Tischspruch nicht sagen möchte,dann akzeptiere ich es und schaue,ob es es ein ander mal möchte,oder lieber gar nicht.
Sich auf alle Kinder und ihre Bedürfnisse einzustellen,ist nicht leicht und nicht immer machen alle Erzieher es richtig (ich auch nicht),aber es wäre toll,wenn wir Fachkräfte immer wieder versuchen würden,einen Zugang zu den Kindern zu finden. Auch die Mutter möchte gesehen und angenommen werden,auch wenn sie um sich beißt.
Vielleicht findet eine spezielle Fachkraft einen Zugang,vielleicht auch nicht,aber wir Erzieher sollten auch immer daran denken,das sie nicht alles auf dem goldenen Tablet serviert bekommen hat und trotzdem leben muss. Es gibt ja die Aussage:ziehe die Schuhe des anderen an und laufe eine Woche darin herum -da ist sehr viel wahres dran und zeigt auch,jeder Mensch hat ein Schicksal,gewollt oder auch nicht,aber es ist da.
Ja,ich arbeite mit schwierigen Kindern und Eltern und so manches mal,könnte ich sie zum Mond schießen und dann freue ich mich doch,wenn auch nur ein winziger Fortschritt zu erkennen ist. Kein Kind hat es sich ausgesucht,so leben zu müssen und jedes Kind möchte gehört werden,auch wenn es nur ganz,ganz leise ruft.
LG Engelglück
Jelka
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Re: Problematische Familie

Beitrag von Jelka »

Hallo Engelglück,
es tut mir Leid, wenn ich dir wiedermal zu Nahe getreten bin. Was du schreibst, ist alles richtig.
Und ich bin mir sicher, dass es nicht deine Absicht ist, aber es ist nunmal der Eindruck, den ich bekommen habe. Auch in deiner letzten Antwort steckt wieder vieles, was mir den Eindruck vermittelt.
Engelglück hat geschrieben: Samstag 11. September 2021, 15:56 Das Kind so zu sehen wie es ist,ist das Eine,es aber auch so anzunehmen,das Andere.
[...]Toll,wenn Fachleute hinzugeholt werden,aber trotz alle dem darf/soll und muss man sich selber reflektieren und sich dann auch damit auseinander setzen.
Warum muss der Junge [...]
Was braucht der Junge in dieser Situation wirklich? Einen laut ausgesprochenen Tischspruch oder vielleicht eine Empathie,oder........?
[...]Auch die Mutter möchte gesehen und angenommen werden,auch wenn sie um sich beißt.
[...]wir Erzieher sollten auch immer daran denken,das sie nicht alles auf dem goldenen Tablet serviert bekommen hat und trotzdem leben muss. Es gibt ja die Aussage:ziehe die Schuhe des anderen an und laufe eine Woche darin herum -da ist sehr viel wahres dran und zeigt auch,jeder Mensch hat ein Schicksal,gewollt oder auch nicht,aber es ist da.
Bette hat sich sicher um all diese Punkte schon Gedanken gemacht und dies auch mehrmals erklärt.
Für mich geht aus ihren Beiträgen hervor, dass sie sehr wohl versucht, ihr Bestes zu geben. Aber manchmal ist auch das Beste ohne befriedigendes Ergebnis.
Liebe Grüße Jelka
Engelglück
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Re: Problematische Familie

Beitrag von Engelglück »

Hallo,
auch wenn ich mich wieder holen sollte,ich habe nicht geschrieben,das sie es nicht macht,nur sollte immer wieder daran gedacht werden,das jedes Kind etwas anderes benötigt. LG
Jelka
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Re: Problematische Familie

Beitrag von Jelka »

Jelka hat geschrieben: Samstag 11. September 2021, 17:10 Und ich bin mir sicher, dass es nicht deine Absicht ist, aber es ist nunmal der Eindruck, den ich bekommen habe.
Liebe Grüße Jelka
Engelglück
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Re: Problematische Familie

Beitrag von Engelglück »

Hallo Jelka,
was immer Du da heraus liest,ich hoffe das der kleine Junge Hilfe bekommen wird. LG
Bette
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Re: Problematische Familie

Beitrag von Bette »

Hallo, Ihr Beiden! Ich dank Euch Beiden für dass was Ihr geschrieben habt. Ihr betrachtet quasi das gleichte "Tischbein" aus unterschiedlichen Perspektiven. Nichts daran ist falsch. Es sind nur unterschiedliche Blickwinkel und beides zusammen vermittelt mir auf jeden Fall das Gefühl hier gehört zu werden und nicht allein mit meinen Gedanken herum zukruschteln. Aus beiden Sichtweisen, kann ich das eine oder andere rausziehen und vielleicht nutzbringend anwenden.
Ich möchte nochmals die Sache mit dem Tischspruch erklären.
Natürlich muss niemand was sagen, der das nicht möchte. Aber wir bieten es allen Kindern an auch mal was vorgeben zu DÜRFEN, was alle anderen dann zusammen ausführen.
Etwas vor anderen laut sagen zu können ist für mich auch ein Zeichen von einem gewissen, gestärkten Selbstbewusstsein. Ein Zeichen, in der Gruppen angekommen zu sein und keine Angst vor den anderen zu haben - jeden falls genug um einen Wunsch äußern zu können.
Aber natürlich gibt es immer mal ein Kind dass das heute grad nicht will und dann wird natürlich auch niemand gezwungen. Aber bei diesem Kind IST es eben anders. Er hat wahnsinnige Angst im Mittelpunkt von irgendwas zu stehen. Und trotzdem frage ich ihn manchmal und immer mal wieder, ob er heute mal die Kinder zählen will und ich biete ihm verschiedene Varianten an damit er das nicht allein tun muss. Aber es GEHT NICHT.
Glaubt Ihr, ich hätte ihn schon jemals irgendwas tun sehen? Er ist eigentlich immer damit beschäftigt möglichst unauffällig zu sein und sich unsichtbar zu machen.
Und er ist selten genug überhaupt da. Wenn er dann endlich wieder kommt, fängt immer alles von vorne an. Das ist so krass ich möchte manchmal einfach schreien. Aber natürlich tue ich das nicht. :zwinker:
Die anderen Kinder finden es total witzig und können von dem Spiel nicht genug bekommen, sich morgens mit einer Poolnudel (das Mikrofon) auf einen Hocker zu stellen und allen zu erzählen was sie erlebt haben am Wochenende. Sie halten eine echte Rede - vor Publikum.
Manchmal, wenn das langweilig wird singen sie ein Lied in die Poolnudel rein und alle amüsieren sich königlich. Einer singt, die anderen singen entweder mit oder applaudieren. Aber für dieses Kind - ist das Horror pur!
Am Freitag waren wir im Garten am Klettergerüst zugange. Das besagte Kind geht an mir vor bei und sagt: Ich kann nicht von oben an der Stage runterrutschen. Ich darf da ja nicht rauf. Ich kann ja nicht die Kletterwand hochklettern.
Als ich ihm sage, ich könnte mich hinter ihn stellen und ihn einbisschen stützen, wenn er es mal versuchen will hoch zuklettern, da sagt er: Ach nein. Lieber nicht. Das ist mir zu gefährlich.
Das wars.
Und das geht in der Schule einfach alles nicht auf die Dauer.

Das andere, was auch Jelka versucht hat zu benennen ist: Wenn man eine Angststörung oder eine sozial - emotionale Störung hat, dann muss man irgendwann anfangen dagegen an zu arbeiten. In einem normalen Kindergarten, so ist meine Befürchtung, geht man unter. Das darf nicht sein.

Und: Ich finde Mitleid ist meist ein schlechter Berater. Mitleid kann einen hemmen und verhindern, dass man irgendwann auch an der Notbremse zieht.
Ich finde es ok in einem gewissen Rahmen MItgefühl zu haben. Aber dann gibt es viel zu tun und man sollte es anpacken und nicht verkuscheln.

Und last but not least: Ich bin auch ein Mensch! Ein ziemlich aufrichtiger, meist freundlicher, fröhlicher und bemühter noch dazu. Aber ich sehe nicht ein, dass ich mich andauernd ungerechtfertigter Weise von irgendjemand "anpissen" lasse.
Ich versuch jetzt, damit moderat umzugehen, weil ich das Verhalten der Mutter auf eine bestimmte Art einordnen kann. Aber demnächst, wenn sie damit nicht zufrieden ist, dass ich mich zurück und im Hintergrund halte, werde ich ihr sagen: HALT STOP! ES REICHT! NICHT MIT MIR IN DIESER ART! (Oder sowas ähnliches!) Ich werde nicht zulassen, dass sie mich fertig macht und ich ihr Opfer bin.
Ich finde, das bin ich mir selbst schuldig und ich erlaube es mir NICHT, dass das Mitgefühl für diese Familie mir meine Würde nimmt oder mich in meiner Arbeit hemmt.
Soll ich kündigen, damit die Mutter sich nicht so aufregen muss? Soll ich mir die Beine kürzen lassen, weil ich ihr zu groß bin? Was soll ich mit meiner Stimme machen, die für SIE zu laut ist? Irgendwo reichts auch mal mit dem Mitleid und dem Mitgefühl und dem Verständis und dem Kuschelkurs.
Irgendwann mach ich mich dann mal so richitg groß und zeig ihr die Grenzen. Das, so hoffe ich, lässt sich vermeiden. Aber wenn nicht. Dann wat mut dat mut.
Ich bin Bette. Und hier steh ich. Fest auf meinen alten, aber gesunden Füßen. Tschakka!
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