Grausamkeit in Krippen und Kitas

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amaria
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Grausamkeit in Krippen und Kitas

Beitrag von amaria » Freitag 24. März 2017, 08:00

Hallo!

Wer hat gestern die Sendung "Panorama" gesehen? Welche Erinnerungen und Gefühle hat der Bericht ausgelöst? Wo müssten wir Einwände erheben und Aussagen in Frage stellen? Blackbox Kita: http://www.ardmediathek.de/tv/Panorama/ ... d=41750822 (Über den Beitrag könnte auch an Erzieherfachschuken diskutiert werden. Am besten sehr kritisch. Antstelle von Ilse Wehrmann hätte man ruhig eine oder mehrere jüngere Erzieherinnen zu Wort kommen lassen können.)

Egal ob es sich um körperliche oder seelische Grausamkeiten handelt: Es muss nach Lösungen gesucht werden, die dafür sorgen, dass ein bestimmtes, Kindern nicht zumutbares Verhalten nicht mehr vorkommt. Bekannt gewordene Vorfälle, in denen Erzieherinnen sich falsch verhalten, gegen Gesetze verstoßen oder lieblos und grob zu Kindern waren, zeigen oftmals, dass es nicht die Kolleginnen waren, die etwas zur Anzeige gebracht haben. Auch die Fachlehrer, die zu Sichtstunden in die Einrichtungen gehen, werden anhand der Berichte ihrer Praktikanten einiges mitbekommen und könnten mehr sagen. Wenn sie nur wollten... Wenn der Betreuungsplatzausbau politisch nicht derart gewollt wäre, dass es bequemer ist, zu schweigen.

Worüber die Presse meines Wissens nicht berichtet: Über Eltern, die ihre Kinder gegen deren verzweifeltes Sträuben im Kindergarten lassen. Warum wird es gesellschaftlich weitgehend akzeptiert, dass Eltern so etwas machen, wenn es mit der die "sanften Eingewöhnung" nicht geklappt hat? Selbst die triftigsten Gründe der Eltern ändern doch nichts an der Befindlichkeit des Kindes! Wurde es im Kindergarten aus welchen Gründen auch immer (ein anderes Kind hat es gebissen, geschubst, gekratzt etc...) traumatisiert, können Eltern die Situation des Kindes noch zusätzlich verschlimmern, indem sie keine Rücksicht auf die innere Not ihres Kindes nehmen.

Warum sind wir zu feige, Eltern als Mitläufer anzusehen, die eine - nicht immer, aber oftmals! - viel zu schlechte Kinderbetreuung ermöglichen, indem sie ihre Kinder einfach in überfüllte Einrichtungen bringen? Eltern, von denen weder die wiederkehrenden Alpträume noch dramatische Abschiedsszenen dahingehend ernst genommen werden, dass Eltenn sich sagen: Nein, das kann ich meinem Kind nicht zumuten. Morgen muss es nicht... Oder: Ich melde es ab. Lieber Sozialhilfe, lieber Schulden wegen meines Kindes machens als... (Andere machen schließlich auch Schulden, zum Beispiel wegen einer neuen Soitzgarnitur oder wegen eines Autos...)

Unterstellt, dass nicht jedes Kind vom Naturell her robust genug für den frühen Aufenthalt in einer großen Gruppe ist, müssten wir uns doch irgendwann fragen, welche "Augenblicke" wir insgesamt Kindern in Krippen und Kitas bieten. Was können Kinder in der "Bildungsinstitution Nummer Eins" anschaulich kernen? - Was ein Kleinkind will, ist unwichtig? Erwachsene haben die Macht und nutzen sie?

Politiker können unmöglich an allem schuld sein, was in der Kinderbetreuung schief läuft. Ein Mitläufertum unter Eltern und Erzieher/innen bereitet doch den Boden dafür, dass es kein Recht des Kindes auf Ablehnung seines Betreuungsplatzes gibt.

So wie wir Mitleid mit zwangsverheirateteten muslimischen Mädchen haben, könnten wir auch zu dem Mitgefühl stehen, dass wir angesichts von Kindern empfinden, die nach allen Regeln der "Erziehungskunst" dazu gebracht werden sollen, protestlos in die Kita zu gehen.

Freundliche Grüße

amaria


Kindesmisshandlung in Barleben? http://www.mdr.de/sachsen-anhalt/magdeb ... n-100.html
Unter "Lauter Rechtsfälle" wurden bereites einige Artikel verlinkt, die zum oben genannten Thema passen. - Wenn es um fragwürdiges Verhalten von Eltern geht, findet man in der Presse eher wenig Beispiele.
„Ausdauer wird früher oder später belohnt - meistens aber später.“
Wilhelm Busch

"Natürlicher Verstand kann fast jeden Grad von Bildung ersetzen, aber keine Bildung den natürlichen Verstand."
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Herr Uhl
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Re: Grausamkeit in Krippen und Kitas

Beitrag von Herr Uhl » Sonntag 26. März 2017, 18:42

Die Kernaufgabe, die Arbeit am Kind, gut und mit Hingabe zu machen, ist das schlimmste, was man seiner Karriere und den eigenen Ressourcen antun kann. Während die eine das schreiende Kind, das von den Eltern zurückgelassen wurde, auf ihren Schoß setzt und tröstet, lässt die andere das Kind links liegen und geht in die Kaffeeküche. Dort heizt sie die Gerüchteküche an und hat den Vorteil gleichzeitig noch Beziehungsarbeit zu betreiben. Nicht mit Eltern oder Kindern, sondern in Bezug auf die Leitung. Das klappt so gut, dass sie erst zur Stellvertreterin wird und Später zur Leitung. Die Engagierte wird indes unglücklich. Sie hat sich für das Kind reingehängt und damit für sich gar nichts erreicht. Mit der Neuen Leitung kann sie nicht. Zu unterschiedlich sind die Vorstellungen über den Umgang mit Kindern. Also gerät die Engagierte ins Fadenkreuz der neuen Leitung. Das führt dazu, dass sich die Engagierte zurückzieht und noch unglücklicher wird. Sie hat nur die Kinder und erfährt sonst keinen Rückhalt in der Einrichtung. Die engagierte steht nun in einem Widerspruch. Entweder sie kümmert sich um die Kinder und verpasst weiter die Möglichkeiten des Aufstiegs. Oder sie lässt das weinende Kind sitzen und verzieht sich in die Kaffeeküche. So, wie es auch die andere gemacht hat.
Die Engagierte kann das Dilemma aber auch auf zwei andere Arten lösen. Erstens: Sie fängt an sich zu verleugnen. Sie redet sich ein, dass sie glücklich und satt ist, wenn die Kinder lachen. Mehr braucht die Engagierte nun nicht mehr. Gehaltsverhandlungen haben ihren Reiz verloren, dafür werden aber etliche Fortbildungen runtergerissen, da sie der Engagierten helfen könnten, noch mehr Kinder noch mehr zum Lachen zu bringen.
Oder zweitens: Sie beginnt die Kinder zu hassen, denn sie kann ja machen was sie will und die Kinder danken es ihr nicht. Auf der Suche nach Orientierung, sucht sie wieder den Kontakt zur Leitung und passt sich an. Die neue Leitung will wieder leergegessene Teller beim Essen und die nun fehlgeleitete Engagierte nimmt sie beim Wort. Ab jetzt sind alle Teller leer. Auch wenn man das Klebeband als Hilfe zum Stillsitzen nutzen muss.

Amaria, das Beispiel mag nicht in letzter Konsequenz realistisch sein. Aber es kam mir in den Sinn, als ich deinen wunderbaren Satz
Politiker können unmöglich an allem schuld sein, was in der Kinderbetreuung schief läuft
gelesen habe. Es liegt in den Kitas selbst. Die Erzieherin, die Kinder zwangsernährt, wurde nicht von der Politik eingestellt. Sie war in der Kita zum Vorstellunsgespräch. Sie hat in der Kita hospitiert. Und die Leitung in der Kita hat sie auf ihre Eignung hin begutachtet. In der Kita wird besprochen, wie eine Essenssituation mit Kindern gestaltet werden soll. Und in der Kita wird beurteilt, wie kompetent eine Erzieherin ist, die es nicht durchsetzen kann, dass ein Kind bis zum letzten Bissen aufisst. Da hätte jedes Gesetz nichts geholfen.

Aber: Ein Hoch auf die Köchin aus dem Bericht. Für ihre Courage und ihren neutralen Blick, den sie sich durch ihre Sonderrolle erhalten hat.

amaria
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Re: Grausamkeit in Krippen und Kitas

Beitrag von amaria » Dienstag 28. März 2017, 19:38

Hallo!

In der Vergangenheit waren es wiederholt Praktikanten, die ein Fehlverhalten von Fachkräften zur Anzeige gebracht haben und ich frage mich, warum nicht ein Erzieherteam geschlossen gegen jene Weisungen ist, die dazu führen, dass das Wohl von Kindern massiv beeinträchtigt wird.

Zum Thema passt auch ein auf Zeit online zu lesender Artikel mit der Überschrift "Hauptsache, die Eltern erfahren nichts".
http://www.zeit.de/gesellschaft/familie ... t#comments

"Mehr als 2.000 Kindertagesstätten gibt es in Berlin. Für jede von ihnen haben die Aufseher der Hauptstadt eine gesonderte Einrichtungsakte angelegt. Darin haben sie chronologisch abgeheftet, was in der Kita vorfällt und wie das Amt darauf reagiert."
(Ein Zitat aus dem oben genannten Artikel)
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Re: Grausamkeit in Krippen und Kitas

Beitrag von amaria » Donnerstag 30. März 2017, 08:20

Geklärt werden muss, ob Kleinkinder in Münster durch Fachkräfte gedemütigt wurden.
http://www.shz.de/lokales/holsteinische ... 61986.html
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Re: Grausamkeit in Krippen und Kitas

Beitrag von amaria » Freitag 7. April 2017, 10:38

Herr Uhl hat geschrieben:
Sonntag 26. März 2017, 18:42
Die Kernaufgabe, die Arbeit am Kind, gut und mit Hingabe zu machen, ist das schlimmste, was man seiner Karriere und den eigenen Ressourcen antun kann. Während die eine das schreiende Kind, das von den Eltern zurückgelassen wurde, auf ihren Schoß setzt und tröstet, lässt die andere das Kind links liegen und geht in die Kaffeeküche. Dort heizt sie die Gerüchteküche an und hat den Vorteil gleichzeitig noch Beziehungsarbeit zu betreiben.
Falls Eltern hier mitlesen und dies nicht glauben möchten: So etwas kommt durchaus vor. Vieles, was in Krippen und Kitas schiefläuft, ist nur deshalb möglich, weil viele Menschen etwas Unangenehmens nicht wahrhaben wollen. Anstatt empört darüber zu sein, dass Kolleginnen ihre Arbeit vernachlässigen, erfreuen sich die "Guten" an ihrer Beliebtheit bei den Kindern. Und wenn Beschwerden nicht ernst genommen und gemauschelt wird, lässt sich nach einer Weile nichts mehr aufklären.
Eltern, die sich nicht auf die Lobhudeleien der so genannten "Bildungsdokumentationen" verlassen wollen, kann man nur raten, möglichst viele Gelegenheiten zu nutzen, zu sehen, wie ihr Kind schläft. Schlecht betreuten Kindern kann man meist im Schlaf ansehen, dass es ihnen seelisch nicht gut geht. Manche haben sogar Alpträume.

Die Ermittlungen in Cottbus sind noch nicht abgeschlossen: http://www.infranken.de/regional/coburg ... 14,2602151
Es lohnt, den Artikel zu lesen. Fachschüler könnten darum bitten, im Schulunterricht darüber zu sprechen, was wir tun können und tun müssen, damit unsere Beschwerden zu Verbesserungen führen.

Freundliche Grüße

amaria
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Re: Grausamkeit in Krippen und Kitas

Beitrag von amaria » Samstag 15. April 2017, 21:44

Sehr schwer vorstellbar, dass eine Erzieherin einem Kind den Finger über der Flamme festgehalten hat, aber die Drohung, dass ein Erwachsener so etwas machen würde, wurde früher öfter ausgesprochen. Ich habe sie in meiner Schulzeit auch schon gehört. (Und obwohl ich diese Drohung unmöglich fand, habe ich meinen Eltern nichts davon gesagt.)

http://www.shz.de/lokales/ostholsteiner ... 95466.html
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