Wann würdet Ihr eine Überlastungsanzeige stellen?

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amaria
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Wann würdet Ihr eine Überlastungsanzeige stellen?

Beitrag von amaria »

Hallo!

Wann würdet Ihr eine Überlastungsanzeige stellen?

Bestimmt haben einige schon daran gedacht, eine Überlastungsanzeige zu stellen, es dann aber doch nicht getan. Es gibt immer Gründe es nicht zu tun: Mal wurde einem mündlich Abhilfe versprochen, man möchte sich keinen Ärger einhandeln - oder der Leitung der Einrichtung, die gerade selbst unter Stress steht, keinen Ärger machen.

Gleichwohl kann es nicht schaden, sich klarzumachen, ab wann der Punkt erreicht ist, wo man endlich die Überlastungsanzeige stellt.

Seit ich in Foren viel lese, habe ich den Eindruck gewonnen, dass ich es insgesamt in den Kindergärten, die ich mir ausgesucht habe zwar noch einigermaßen gut angetroffen habe. Andere hingegen arbeiten über Jahre unter unglaublichen Zuständen! Auch auf Veranstaltungen haben mir schon Erzieherinnen gesagt, dass sie in einem "Hardcore-Kindergarten" arbeiten würden. Und ich hatte nicht den Eindruck, dass sie bei der Schilderung der Missstände gelogen oder übertrieben hätten.

Damit die durchschnittliche Verweildauer im Beruf eine längere werden kann und es mehr Erzieherinnen schaffen, bis über das sechzigste Lebensjahr hinaus im beruf arbeiten zu können, wäre es wichtig, dass mehr Überlastungsanzeigen gestellt würden!

Kann jemand über Erfahrungen mit Überlastungsanzeigen berichten? Wann allerspätestens würdet Ihr eine Überlastungsanzeige stellen?

Freundliche Grüße

amaria
„Ausdauer wird früher oder später belohnt - meistens aber später.“
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"Natürlicher Verstand kann fast jeden Grad von Bildung ersetzen, aber keine Bildung den natürlichen Verstand."
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amaria
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Re: Wann würdet Ihr eine Überlastungsanzeige stellen?

Beitrag von amaria »

Vorhin habe ich mit Johanna telefoniert und sie gefragt, ob wohl die meisten wissen, was eine Überlastungsanzeige ist - und so schnell kommt die erste Frage! Eigentlich hätte ich es mir denken können!

Johanna sucht schon nach Links und wird hoffentlich bald etwas einstellen. Erst heute abend habe ich Zeit, ausführlicher zu antworten, jetzt leider nicht.
Vielleicht ist es gut, wenn die Frage sogar etwas länger unbeantwortet im Raum steht.

Wer hat eigentlich im Rechtskundeunterricht der Schule etwas darüber erfahren, dass bei Arbeitsüberlastung diese schriftlich beim Träger angezeigt werden kann? (Ich nicht.)

Freundliche Grüße

amaria
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Herz aus Gold
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Re: Wann würdet Ihr eine Überlastungsanzeige stellen?

Beitrag von Herz aus Gold »

Guten Morgen,
hier, ich, wir!!
Wir nannten es aber Überlastungsbeschwerde.
Ca. 8 Monate nach der Einführung der U3 Kinder.
Es war sehr schwer das mit unserer Leitung zu vereinbaren, die zwar auch sah, dass die Arbeit eine unerträgliches Maß angenommen hatte (sogar der Stadtelternrat machte sich sehr stark, da die Eltern genau sahen, dass nun für die grossen Vorschulkinder kaum noch Zeit blieb).
Dennoch hatte sie eine Schamgrenze den anderen Leiterinnen gegenüber - die sich ja immer in gewissen Leiterinnenrunden trafen (und treffen).
In den Leitereinnenrunden herrschte eine Stimmung vor: "Wir? Nein, mein Team schafft das problemlos!" Gerade freigestellte Leitungen sitzen da wirklich zwischen den Stühlen.

Bei der Überlastungsbeschwerde haben wir es geschafft den Träger mit ins Boot zu bekommen (Pfarrer) und haben Sie dann formuliert.

Das Ende vom Lied war ein Antwortbrief, den man durchaus als Unverschämtheit hätte auffassen können: Man sei in Gedanken bei uns um uns die nötige Stärke zu geben, wir sollen es doch aber mal mit dem Gedanken versuche, die Lage so zu akzeptieren wie sie ist, dann wäre das Bewältigen auch viel einfacher.

Das einzige was somit als Lohn aus diesem langwierigen und anstrengenden Prozess geblieben ist, dass wir als Team gut funktioniert haben - und dass nach uns auch anderen Einrichtungen ihre Überforderung eingestanden haben. Sogar in der Leiterinnenrunde.

Aber ansonst: Kampf gegen Windmühlen...

Grüße
HaG

P.S. Ich denke aber mal, dass du etwas andere mit deiner Überlastungsanzeige meinst - auch wenn ich den Begriff in erster Linie als Kollektiventscheidungen kenne, z.B. bei überlasteten Jugendämtern.

Was ich so an Teams kennengelernt habe (ausser dem oben aufgeführten), sähe ich nirgendwo eine Chance auf ein solches Vorhaben. Ich denke, mit sowas bist du ganz schnell isoliert, was deine Chefin dann von dir denkt, ist auch so ein Aspekt. Vor allem die Konsequenzen.
Wie gesagt, die Leitungen haben ja ebenfalls Vorgesetze und meiner Erfahrung nach ist der Respekt vor denen grösser als die Verbundenheit dem eigenen Team gegenüber.
Johanna2

Re: Wann würdet Ihr eine Überlastungsanzeige stellen?

Beitrag von Johanna2 »

Hallo!

http://www.gew-berlin.de/6737.htm
http://fidi.nrw.verdi.de/fidi.nrw/faire ... ngsanzeige

Im Rechtskundeunterricht haben wir auch nicht darüber gelernt.

Johanna
Kees_Kopf
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Re: Wann würdet Ihr eine Überlastungsanzeige stellen?

Beitrag von Kees_Kopf »

Eine Überlastungsanzeige ist eine Mitteillung an den Arbeitgeber, dass der betreffende MitarbeiterIn aufgrund der Arbeitsbedingungen (Raum, Gruppengröße, Personalbesetzung, Problemfälle) sich nicht länger in der Lage sieht seine Verpflichtungen aus dem Arbeitsvertrag und/oder die gesetzliche Bedingungen zu erfüllen. Der Arbeitgeber ist mit der genannte Anzeige in der Pflicht hier Abhilfe zu schaffe - auch wenn das (wie vorher geschildert) häufig nicht geschieht.
Trotzdem ist die Anzeige nicht ohne juristische Wirkung. Passiert etwas nach einer solche Anzeige (Beispiel folgt gleich), entfällt zwar nicht die ganze Verantwortung für dem Ereignis, ABER der Arbeitgeber ist wesentlich stärker betroffen.
Ein Beispiel (wahre Begebenheit, Namen und Ort geändert):

Katharina arbeitet in einer Klasse mit 5 behinderte Kinder. Einer dieser Kinder bildet, aufgrund seiner Behinderung udn die dazu gehörende Verhaltensweisen, nicht nur eine Gefahr für sich selbst, sondern auch für die andere Kinder UND die in der Klasse arbeitenden KollegInnen. So ist schon einmal eine Brille ohne weitere Vorwarnung kaput geschlagen und hat eine Kollegin "aus dem Nichts" einen so starken Schlag am Kopf erhalten, dass sie mehrere Tage mit eine Hirnerschütterung Arbeitsunfähig war. Von alle Vorfälle sind Aktennotizen gemacht worden, wobei die Schulleitung immer wieder sagt, "das sei nicht notwendig". Das ganze Team läuft physisch und psychisch auf die Zehenspitzen - und das schon seit längerem.
Als Katharina eines Tages zu Hause in der Küche steht und ihre Tochter sie von hinten anspricht, dreht sie sich blitzartig um und kann grade noch vermeiden, dass ihre Tochter einen Verteidigungsschlag bekommt. In Absprache mit dem Hausarzt wird sie einige Zeit krank geschrieben (was die Belastung des Teams erhöht) und in Absprache mit der Rechtsberatung der Gewerkschaft wird eine Überlastungsanzeige beim Arbeitgeber gemacht.
Der Arbeitgeber is "not amused" - um es vorsichtig zu sagen. Da Katharina nicht alleine steht (gestützt von ihre Familie, den Hausarzt und ihre Rechtsberatung), gibt sie in ein Personalgespräch zwar emotional aber nicht weniger deutlich an, dass sie es nicht verantworten will oder kann wenn aufgrund der Arbeitssituation etwas schlimmeres als "nur" eine Hirnerschütterung passiert.
Hierauf sieht der Arbeitgeber sich gezwungen das betreffende Kind zunächst kürzer zu beschulen um es anschließend in eine geeigenteren Schulform unterzubringen.

Vielle KollegInnen arbeiten leider unter eigentlich unzumutbare Bedingungen. Dauerhaft alleine mit eine Gruppe Kinder, die man so oder so eigentlich nicht unbeaufsichtigt lassen kann, kann problematisch sein. Abgesehen von der Erledigung normale menschliche Bedürfnisse (nein, kein Kaffee oder NIkotin), gibt es auch Augenblicke, wo man sich z.B. um ein Wickelkind kümmern muss. Dessen Privacy gebietet, dieses Wickeln nicht in aller Öffentlichkeit der Gruppe zu erledigen - steht aber in Konflikt mit der alleinige Betreuung einer Gruppe von 18 Kinder, wovon ein Teil noch U3 ist. Zur Sicherung der eigene Ansprüche sollte da eine ArbeitehmerIn den Arbeitgeber schriftlcih informieren, dass diese Situation dauerhaft nicht den gesetzlichen und arbeitsvertragsrechtliche Bedingungen entspricht und sie so ihre Arbeit nicht entsprechend erledigen kann.

Nur wenn alle überlastete KollegInnen (langfristig, nicht in akuten Notfälle natürlich) sich endlich gegen diese Arbeitsbedingungen wehren, besteht eine Chance dass sich etwas ändert.

Kees
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Frips Fuchs
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Re: Wann würdet Ihr eine Überlastungsanzeige stellen?

Beitrag von Frips Fuchs »

moin,
für Lehrer, Pflegepersonal im KKH und Altenpflege gibt es Vordrucke!!!

Überlast macht krank, das musste ich selbst leidvoll erfahren. Nun bin ich mutig und würde immer wieder jederzeit eine Überlast anzeigen.Ich habe das getan, geändert hat sich bei meinem Arbeitgeber die Sicht, dass es Angestellte gibt, die sich Überlasten nicht gefallen lassen.
Es kann nicht sein, dass wir alles schlucken, krank werden , nur weil jemand Druck macht und sagt, aber die Kollegen ...
Es ist mutiger Mißstände an-zu-zeigen, als in einem System mitzumachen, dass zu Ungunsten aller die eigenen Gesundheit verschleißt.

KeesKopf kann ich nur bestätigen. Ein Beispiel dazu: Kollegin X fragt mich um Rat, weil sie eine Überlastungsanzeige stellen will. Sie kommt nicht mehr dazu sie zu stellen, denn am nächsten Tag geschieht ein Unfall auf grund der Überlast und die Mutter des verunglückten Kindes (verhaltensauffälliger auto- und fremdaggressiver Autist) zeigt die Kollegin wegen unterlassener Aufsicht an. Kollegin X hat ihre Aufsichtspflicht nicht verletzt, "Hängt" aber trotzdem. Sie war zum Zeitpunkt des Unfalls allein mit einer sehr schwierigen Gruppe, trotz mündlichen Anforderungen an den Arbeitgeber, mehr Personal zu schicken, passierte nichts, kein zusätzliches Personal kam.
So ergab sich das tEam in die Überlast und die Dumme war nicht der Lehrer, sondern die in der Assistenz arbeitende Erzieherin.
Die Erzieherin X, die zu diesem Zeitpunkt nur einen Zeitvertrag hatte wurde gekündigt, obwohl ihr zuvor zweimal mündlich eine Vertragsverlängerung zugesagt wurde.
Kollegin X trat mit Anwalt auf, bekam Recht, durfte bleiben. Die Mutter zog mit ihrem autistischen iInd aus dem Wohnort weg, nachdem man die Anklage eingestellt hatte.

Ich denke, wenn VOR dem Unfall eine Überlastungs-Anzeige beim Arbeitgeber vorgelegen hätte, wäre das Verfahren anders verlaufen. Nun ja ...

Wir dürfen uns Überlasten nicht gefallen lassen, wenn wir sie schlucken, werden wir krank

eine sehr nachdenkliche Frips
Shalom
Frips

Wo kämen wir hin, wenn alle sagten, wo kämen wir hin, und keiner ginge, um zu sehen, wohin wir kämen, wenn wir gingen.

© Kurt Marti
Frips Fuchs
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Re: Wann würdet Ihr eine Überlastungsanzeige stellen?

Beitrag von Frips Fuchs »

Nachtrag:

stellen würde ich sie bei: - körperlichen Anzeichen von Überlast, das können sein
Schlafstörungen
Konzentrationsstörungen
Müdigkeit immer
Angstzustände
weitere psyhosomatische Störungen, die auch bei einem Burnout auftreten können

Gefährdung der eigenen gEsundheit
Gefährdung anderer Personen und der eigenen (Verhaltensgestörte auto- und fremdaggressive Kinder)
Große gRuppen
Allein sein in der gRuppe
...
Shalom
Frips

Wo kämen wir hin, wenn alle sagten, wo kämen wir hin, und keiner ginge, um zu sehen, wohin wir kämen, wenn wir gingen.

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Re: Wann würdet Ihr eine Überlastungsanzeige stellen?

Beitrag von amaria »

Danke für die ausführlichen Beiträge!

Ich habe noch nie eine Überlastungsanzeige gestellt, obwohl ich durchaus der Meinung war, dass von Personalmangel betroffene Kolleginnen und ich sie hätten stellen sollen, um die Grenzen dahingehend abzustecken, dass man deutlich zu erkennen gibt, dass man nicht bereit ist, längere Zeit allein in der Gruppe zu arbeiten.

Die Gründe, die mich davon abgehalten haben, eine Überlastungsanzeige zu stellen, waren vielfältig. Jetzt arbeite ich nur noch selten in Kindergärten - und als Springerin zu angenehmeren Konditionen als andere...

amaria
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Re: Wann würdet Ihr eine Überlastungsanzeige stellen?

Beitrag von Lenina »

Ich wusste nicht, dass es das gibt.
Meine Leiterin hat mir damals nur gesagt: Sag Bescheid, wenns zuviel ist. Tat man das aber, änderte sich nichts oder ich bekam zu hören (als Berufsanfängerin, das kleinste Kind bei 1 Jahr - Laufanfänger "Yieppieh, ich kann laufen und probiere alles aus"): 6 Kinder dürfen dir nicht zuviel sein und du kannst nur beim Wickeln (aller KInder) Hilfe bekommen.

Ich wusste, dass ich nicht für die Sicherheit mehr garantieren kann, aber als ich sagte, ich würde gerne irgendwie was Schriftliches haben, dass es von der Bezirksleitung so angeordnet ist, dass wir über normalem Stellenschlüssel arbeiten sollen, wurde meine Leitung sauer.

Ich habe die Stelle gewechselt.
Sorry für knappe Antworten, tablet und Baby machen das Schreiben nichg leicht :kappe:
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Re: Wann würdet Ihr eine Überlastungsanzeige stellen?

Beitrag von amaria »

Im Artikel wird der Kindergarten so geschildert http://www.sueddeutsche.de/muenchen/zwe ... -1.1500164 , dass sich mir eine Frage aufdrängt: Wie schnell wäre der Zaun repariert worden, wenn alle Erzieherinnen im Rahmen einer Überlastungsanzeige bekundet hätten, dass sie es nicht verantworten können, mit Krippenkindern einen öffentlichen Parkplatz zu überqueren, der so mangelhaft gesichert ist, wie es die Medien nun wiedergeben? http://www.tz-online.de/aktuelles/muenc ... 54395.html

Wie viele Erzieherinnen haben sich schon anhören müssen: "Ihre Vorgängerin kam damit prima zurecht. Sie hat sich nie beschwert."

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